Genialische Krankheit - Raymond Klibansky, Erwin Panofsky, Fritz Saxl: Saturn und Melancholie
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Rezension von Lutz Hagestedt
Genialische Krankheit
Ein Standardwerk zur Melancholie-Forschung
Die deutschen Verlage und ihr Publikum haben in den vergangenen Jahren die Melancholie wiederentdeckt. Verschiedene Bände von Robert Burton, eine Anthologie deutscher Melancholie-Gedichte, klinische Lehrbücher und kultursoziologische Untersuchungen wurden neu aufgelegt beziehungsweise erstmals veröffentlicht.
Noch der Gesundheits-Brockhaus (Wiesbaden 1979) definiert die Melancholie als Gemütskrankheit, die besonders „wertvolle Menschen aus den sozial und kulturell gehobenen Schichten“ bevorzuge. Lange glaubte man, daß ein Körpersaft, die „Schwarze Galle“ (= griech. „Melancholie“), ihr Auslöser sei. Ein hervorragendes Kompendium der Melancholieforschung, eine Perle der Wissenschaft, stellt das bereits 1964 auf englisch und nun erstmals auf deutsch erschienene Werk des Philosophen Raymond Klibansky und der beiden Kunstgeschichtler Erwin Panofsky und Fritz Saxl dar.
„Saturn und Melancholie“ ist ein Buch zum Schwärmen. Es war ursprünglich als Interpretation von Albrecht Dürers berühmten Kupferstich „Melancholie I“ angelegt, bezog jedoch rasch das gesamte kulturelle Wissen über Melancholie mit ein und berücksichtigte auch den medizinischen, philosophischen und literarischen Diskurs. Es war auch gar nicht anders möglich: Das Denksystem, das sich am Beispiel der Melancholie rekonstruieren ließ, tendierte dazu, alles mit allem zu verknüpfen, nichts isoliert im Weltenplan stehen zu lassen. Saturn zum Beispiel, der altrömische Gott des Ackerbaus, wurde von jeher als „Stern der Melancholie“ betrachtet und brachte – als Planet des Sonnensystems – den astrologischen Diskurs mit hinein: „Fast allen Schriftstellern des späteren Mittelalters und der Renaissance galt es als unumstößliche Tatsache, daß die Melancholie, die krankhafte wie die natürliche, in einer besonderen Beziehung zu Saturn stehe und daß dieser schuld habe an den unglücklichen Eigenschaften und Schicksalen des Melancholikers“.
Klibansky, Panofsky und Saxl hatten ein schier unerschöpfliches Forschungsgebiet aufgetan, das sie niemals abschließend bearbeiten konnten. „Saturn und Melancholie“ hat denn auch schmerzliche Lücken aufzuweisen: Die Antike, das Mittelalter und die Renaissance haben Vorrang vor der eigentlichen Neuzeit und der Moderne. Literatur muß hinter der Kunst, deutsche Dichter, auch die Klassiker, müssen hinter paradigmatischen Autoren aus dem anglo- und frankophonen Raum zurückstehen. Kein Schiller, kein E.T. A. Hoffmann, kein Jean Paul finden Eingang in dieses dennoch durch seine Materialfülle und seine luziden Interpretationen beeindruckende Buch.
Hier wird die Erfolgsgeschichte der Melancholie erzählt: Wie sie zum höchstbewerteten Temperament avancierte und als genialische Krankheit nur den Auserwählten vorbehalten war. Doch immer schon hatte die Melancholie einen Januskopf: Aristoteles zufolge konnte die organische „Schwarze Galle“ – je nach Mischungsverhältnis und Temperatur – zu „genialen Leistungen“ oder auch zu „depressiver Tatenlosigkeit“ führen.
erschienen in: Wiesbadener Kurier vom 23./24.02.1991.
