Foucaults Pendel. Der Autorname als Funktion. Michel Foucault: Schriften zur Literatur
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Rezension von Lutz Hagestedt
Foucaults Pendel
Der Autorname als Funktion
MICHEL FOUCAULT: Schriften zur Literatur. Aus dem Französischen von Karin von Hofer und Anneliese Botond. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1988. 180 Seiten.
Der neue Roman von Umberto Eco, „Foucaults Pendel“, ist noch gar nicht erschienen, da haben die ersten Kritiker schon herausgefunden, daß es darin nicht um Michel Foucault (1926-1984), den französischen Strukturalisten, gehe, sondern um den Physiker Leon Foucault (1819-1868), der 1851 die Erdrotation nachgewiesen hat. Die geistige Beweglichkeit dieser Kritiker ist etwa einem abgehangenen Bleiklumpen vergleichbar, der aus eigener Kraft niemals ins Pendeln geriete. Denn Umberto Ecos Romankunst, das dürfte doch inzwischen klar geworden sein, will im Leser „Akte bewußter Freiheit“ hervorrufen, getreu der Devise Mallarmés: „Es muß vermieden werden, daß (nur) ein einziger Sinn sich aufdrängt.“ Ecos Romane sind als „offene Kunstwerke“ konzipiert, das heißt auf größte Mehrdeutigkeit angelegt, und es darf schon jetzt als gesichert gelten, daß auch die Gedanken Michel Foucaults in seinem neuen Buch eine sehr bedeutende Rolle spielen werden. Vielleicht ist bei „Foucaults Pendel“ sogar eine Ubw-Lesart (der „Penis pendulus“) erlaubt, schließlich ist Foucault in Frankreich eines der ersten prominenten Aids-Opfer gewesen.
Michel Foucault hat das wissenschaftliche Denken (und vor allem auch Umberto Ecos Denken) in den wenigen Jahrzehnten seines Wirkens nachhaltig beeinflußt. Einfach auch, indem er scheinbar banale Fragen neu gestellt und neu beantwortet hat.
„Was ist ein Autor?“ fragte er 1969 in einem Vortrag im College de France. Es ging ihm dabei nicht um eine historischsoziologische Definition des Autors als Person, sondern um den Autor als „Funktion“. Foucault hatte die einfache Beobachtung gemacht, daß ein Autorname nicht wie der gewöhnliche Eigenname zum realen, äußeren Individuum geht, sondern daß der Autorname eine klassifikatorische Funktion besitzt: „Mit einem solchen Namen kann man eine gewisse Zahl von Texten gruppieren, sie abgrenzen, einige ausschließen, sie anderen gegenüberstellen.“ Sagt man zum Beispiel „Foucault“, so verwendet man ein Wort, das Äquivalent ist für eine Reihe von Beschreibungen, etwa von der Art: „Der Autor von ‚Überwachen und Strafen‘ (1975)“ oder der „Begründer der modernen Diskurstheorie“ und so weiter. Der „Autor“ nach Foucaults Definition ist also ein Konstrukt, das „Prinzip einer gewissen Einheit des Schreibens“, zum Beispiel eine stilistische Einheit (der „Simmel“) oder ein Schnittpunkt historischer Ereignisse (der „Thukydides“) etcetera. Damit ist auch gesagt, daß ein Privatbrief wohl einen Schreiber haben kann, aber keinen Autor; daß ein Vertrag wohl einen Bürgen haben kann, aber keinen Autor; daß ein anonymer Text in der Herrentoilette zwar einen Verfasser haben wird, aber keinen Autor. Erst wenn eine bestimmte, zum Beispiel „qualitative Einheit“ des Werkes festzumachen ist, wenn wir etwa sagen können: „der Sprayer von Zürich“, erst dann haben wir einen Autornamen mit einer klassifikatorischen Funktion.
Man darf heute schon sicher sein: Wer das Werk von Michel Foucault nicht kennt, dem wird bei der Lektüre des neuen Romans von Umberto Eco vieles entgehen. Der Fischer-Taschenbuch-Verlag hat deshalb einige, schon lang vergriffene Titel dankenswerterweise in preiswerten Ausgaben neu herausgebracht. Nutzen wir also die Zeit bis zum Erscheinen der deutschen Ausgabe von „Foucaults Pendel“ (1990) und lesen wir die – übrigens sehr verständlich und eindrucksvoll geschriebenen – Schriften von Michel Foucault. (Ebenfalls bei Fischer erschienen: „Von der Subversion des Wissens“. FW 7398. Und „Die Geburt der Klinik“. FW 7400.)
erschienen in: Süddeutsche Zeitung (Literatur-Beilage zur Frankfurter Buchmesse) Nr. 230 vom 05.10.1988.
