Flüchtlinge auf der Donau - "Reise ins gelobte Land", ein Roman von Ladislav Fuks

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Rezension von Lutz Hagestedt


Flüchtlinge auf der Donau

„Reise ins gelobte Land“, ein Roman von Ladislav Fuks

LADISLAV FUKS: Reise ins gelobte Land. Roman. Aus dem Tschechischen von Eckhard Thiele. Sachon Verlag, Mindelheim 1990.148 Seiten.

Ein knappes halbes Jahr nach dem „Abschluß“ fahren fünfzehn österreichische Juden auf einem Fährschiff die Donau hinab. Für die begehrten Ausreisepapiere haben sie ihr ganzes Vermögen weggegeben, und nun müssen sie, Ironie des Schicksals, ihre Flucht vor den Nazis unter der Hakenkreuzflagge antreten. Das primitive floßartige Fahrzeug soll eine Woche ihr schwimmender Kerker sein, denn nirgendwo dürfen sie anlegen, nirgendwo Station machen. Nur auf der Donau, dem völkerrechtlich internationalisierten Fluß, den jedermann frei befahren darf, sind sie vor Übergriffen sicher.

Die Schiffsgesellschaft – ehemals sehr reiche jüdische Bankiers und Industrielle und deren Familien sowie die Opernsängerin Rosa Salinger, die Haushälterin Marta Eisner und der Rabbiner Moses Ascher – steht zeichenhaft für das auserwählte Volk, das von Mose, dem Rabbiner, ins gelobte Land geführt werden will. – Der tschechische Erzähler Ladislav Fuks, geboren 1923 in Prag, ist bei uns durch seine Romane „Herr Theodor Mundstock“ (deutsch 1964) und „Der Leichenverbrenner“ (deutsch 1987) bekannt geworden. Beide Romane machen den Holocaust im 20. Jahrhundert zu ihrem Generalthema, und auch die „Reise ins gelobte Land“ beschreibt den Kreis der ewigen Wiederkehr der Gewalt, indem sie tradierte Bilder aus der biblischen Mythologie auf Europas jüngste Vergangenheit überträgt und die Geschichte sich wiederholen läßt.

Fuks‘ allegorische Erzählung vom Exodus der jüdischen Floßgesellschaft („Auszug aus Ägypten“) wendet besondere Aufmerksamkeit und Sorgfalt dem Rabbiner Moses Ascher zu, der sich mit den Attributen des biblischen Mose leicht zur alles überragenden Gestalt ausbauen läßt: Durch den Gottesstab wird aus dem greisen Rabbiner und verkannten Visionär schließlich der charismatische Wundertäter, der sein „Volk“ geleiten und sicher durch die „entfesselten Elemente“ der Donau führen soll. Im Unterschied zum Alten Testament, an dessen Realität im Wortsinn wir Heutigen nicht mehr so recht glauben können, läßt es der Erzähler jedoch offen, ob Moses Ascher sein „Volk“ ins gelobte Land oder in den Tod führen wird. Viele Opfer sind unterwegs schon zu beklagen.

Die sprachliche Realisation wird dem großen Thema nicht immer gerecht, einige Figuren bleiben blaß, ewige Statisten, die sich nicht einprägen wollen, die Figurenrede wirkt häufig einfallslos. Die traditionellen und sprachlich wenig inspirierten Dialoge entstammen dem Original und/oder der deutschen Übersetzung und verschenken viel von dem Potential, das dieses Buch in sich birgt. Fuks und/oder sein Übersetzer haben wohl auch zuwenig auf die dargestellte Chronologie achtgegeben: Ein halbes Jahr nach dem Anschluß im Sommer 1938 (Seite 39) begeben sich die fünfzehn Flüchtlinge auf ihr Fährschiff, einige Tage sind sie unterwegs, und dann ist plötzlich der Zweite Weltkrieg da (Seite 136). Diese Rechnung, in der etwa sechs Monate fehlen, kann sicherlich nicht allein gegen die Qualität des Buchs sprechen, doch es ist ein legitimes Leserbedürfnis, daß auch die „leidigen Tatsachen“ stimmen, wenn man sich schon auf Romane einlassen möchte, die ihre Sujets aus der historischen Ereignisgeschichte ableiten.


© LUTZ HAGESTEDT


erschienen in: Süddeutsche Zeitung Nr. 76 vom 31.3./1.4.1990
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