Far niente sine cure - Joseph von Westphalens Entsorgungsdruck „Sinecure“ ist Lob der Faulheit

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Lutz Hagestedt

Far niente sine cure

Joseph von Westphalens Entsorgungsdruck „Sinecure“ ist Lob der Faulheit

JOSEPH VON WESTPHALEN: Sinecure. Ein Gedicht von David Elphinstone, herausgegeben, kommentiert und mit einer Übersetzung versehen von Joseph von Westphalen (Band 12 der gesammelten Werke in kommentierten Einzelausgaben). Klaus G. Renner Verlag, München 1989. Neuausgabe Edition Landsdorf, Landsdorf 2008. 263 Seiten.


Die Bayerische Staatsbibliothek besitzt alles, dessen die Wissenschaft bedarf. Die Bayerische Staatsbibliothek besitzt nichts von David Elphinstone. Also ist Elphinstone eine Fiktion.

Wenn aber Elphinstone, der angebliche Dichter englisch-indischer Herkunft, eine Fiktion ist, dann ist es sein Gedicht „Sinecure“ erst recht. „Sinecure“ (lat.: „ohne Sorge“) heißt in der übertragenen Bedeutung „Pfründe ohne Amtspflichten“. Nur 72 Zeilen umfassend, die zahllosen Varianten nicht gerechnet, wird das Gedicht hier auf mehr als 200 Seiten kommentiert: „Nicht einzusehen“, heißt es auf Seite 20, ,,warum der Autor ein bestimmtes Wort, einen Satz, einen Absatz entscheiden soll. (...) Die eigentliche Arbeit tut immer der Herausgeber aber auch der Leser.“ Herausgeber und also Urheber dieser Fiktion ist Joseph von Westphalen; er folgt in seiner hellsichtigen Persiflage der Gelehrsamkeit und des Wissenschaftsbetriebs Vorbildern wie Robert K. Mertons „Auf den Schultern von Riesen“ (dt. 1983), Julian Barnes’ Philologenschelte, „Flauberts Papagei“ (Zürich 1987) oder Harald Stümpkes „Bau und Leben der Rhinogradentia“ (Stuttgart 1985). Wie schon Loriots „Steinlaus“ (Petrophaga lorioti), die seit der 255. Auflage des Klinischen Wörterbuchs „Pschyrembel“ (Berlin, New York 1986) zum medizinischen Kanonwissen gehört, obgleich ihr therapeutischer Wert bei der Bekämpfung von Blasen-, Gallen- und Nierensteinen gering sein dürfte, beweist auch Westphalen, dass das scheinbar Unsinnige, Ephemere, aus „ignobler Passion“ Hervorgegangene sich den schönen Schein der Dauer und Nachhaltigkeit erwerben kann.

Andere Aspekte des Buchs lassen an Wolfgang Hildesheimers fiktive Biographie „Marbot“ (Frankfurt/M. 1981) denken, zumal Joseph von Westphalen mit „Sinecure“ die Editionsphilologie aufs Korn genommen hat. Doch im Gegensatz zu Hildesheimer hat er seinen Versuch, eine fiktive Größe in die von Biedersinn und Humorlosigkeit dominierte Philologenwelt einzuführen, sofort ironisiert und in die Groteske getrieben. Der Stellenkommentar zum „Sinecure“-Gedicht strapaziert denn auch so ziemlich alles, was in der Geschichte der Editionen strapaziert worden ist. Da wird die biographische Lesart des Gedichts forciert und (fast) jeder Vers exzessiv überinterpretiert: statt philologischer Akribie, aber auch Sprödigkeit, ein Füllhorn absurder Lesarten sowie weitschweifige, nicht entscheidbare Spekulationen zu Textdaten, die an einem plausiblen Stellenkommentar bewusst vorbeigehen.

Viele Größen des Münchner Universitätslebens und der deutschen Kulturlandschaft werden hier persifliert, auch sind hier einige als Übersetzungsversuche getarnte Stilparodien auf Lyrik von H. C. Artmann, Uli Becker, H. M. Enzensberger, Wolfgang Hildesheimer et cetera versteckt.

Das Bubenstück aus dem Jahre 1989 ist nun aus Anlass der Sinecure Landsdorf (vgl. http://www.landsdorf.de) erneut aus der Taufe gehoben und um ein Nachwort zur eigenen Wirkungsgeschichte angereichert worden. Noch immer erfreut es sich der Instanzen von einst, die wie Walter Müller-Seidel, seines Zeichens emeritierter Münchner Ordinarius, der Philologie zu dienen suchen, indem sie bei Doktorarbeiten an den Rand schreiben: „Unsinn!“ „Völliger Unsinn!!“ – „So nicht!“ „Unrichtig!“ „Wo bleibt die Stringenz?“, oder der Feuilleton-Redaktion der Frankfurter Allgemeinen, wo Beiträge der Mitarbeiter bis zur Unkenntlichkeit, ja bis zur völligen Umkehrung der „Tendenz“ verstümmelt werden. Jüngstes Beispiel: Ingo Niemanns Reportage „Für Geld machen wir alles“ (F.A.Z. vom 14.4.2008). Aber ist es nicht eine Trivialität, dass Wissenschaftler zu Leerformeln greifen, wenn ihnen die Argumente ausgehen, und daß Redakteure nicht immer behutsam mit Beiträgen ihrer Mitarbeiter umgehen? Ist Westphalens Buch nicht die spätpubertäre Ausgeburt einer uralten Idee? Ließe sich nicht mit einem Satz sagen, was hier auf bald 300 Seiten entfaltet wird? Die ambivalente Haltung, die Elphinstones Gedicht zum Leben in der Sinecure, sprich zum Leben in absoluter Sorglosigkeit, eingenommen hat, würde sich auch bei der Einschätzung von Westphalens Buch anbieten:

Eine kleine Erbschaft (. . .)
und die einträgliche Sinecure
eines Stempelausgebers
(oder sonst eine bezahlte Untätigkeit)
erlaubten ihm,
in aller Ruhe seinen literarischen Neigungen zu leben
So oder ähnlich
berichten die Lexika
vom Leben diverser Dichter
und es liest sich
nicht ohne Behagen, (. . .)
Sinecure: ohne Sorge:
schönes Wort
und frommer Wunsch
für Dämmerstündchen:
bei Lichte besehen,
wohl doch nicht das Wahre.

Die Makrostruktur des Buchs als „Entsorgungsdruck“ mit zahlreichen Digressionen und Supplementen, gibt amüsanten Details und einer sympathischen Vielseitigkeit Raum. Bald fungiert das Gebaren der Editionsphilologie nur noch als Stilmittel, um den Wucherungen einer Biographie adäquat nachspüren zu können. Aus der Philologenparodie ist unter der Hand eine fiktive Biographie, ein biographischer Roman und zugleich eine Persiflage auf den biographischen Roman geworden, die aus jeder Nichtigkeit Elphinstones poetische Funken schlägt, aber auch Zeitgeschichte aufblitzen lässt. Provokante Darstellungen des „Deutschen Herbstes“ von 1977 (die Schleyer-Entführung und -Ermordung, Mogadischu, die Toten von Stammheim) als der fiktiven Entstehungszeit von „Sinecure“ markieren Elphinstones (damaligen) politisch-ideologischen Standort und ermöglichen eine radikale Lesart des Gedichts.

Joseph von Westphalens Buch ist komisch, da hier mit Fleiß und Akribie über das far niente und seine segensreichen und illustren Auswirkungen für unsere Kultur nachgedacht wird: Müßiggang sei zwar aller Kultur Anfang, bezahlter Müßiggang jedoch sei aller Kultur Ende. Wo Elphinstone/Westphalen „Kritik am parasitären Poetentum“ übt, da trifft er sich mit dem konservativen Soziologen Helmut Schelsky, der bereits 1975 konstatiert hatte: „Die Arbeit tun die anderen“. Doch wo er die Sinecure lobt, da liebäugelt er mit wohldotierten Apanagen, die ihm potentielle Mäzene aussetzen könnten.

© LUTZ HAGESTEDT


erschienen in: Süddeutsche Zeitung Nr. 157 Mittwoch, 12. Juli 1989, Seite 10 (revidiert 2008)
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