Fünf Minuten Nebbich. Ben Witter: Minutenpoesie
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Rezension von Lutz Hagestedt
Fünf Minuten Nebbich
BEN WITTER: Minutenpoesie. Mit Zeichnungen von Hans Hillmann und einem Nachwort von François Bondy. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1988. 112 Seiten.
Ben Witter hat seine Minutenpoesie „Nebbich“ genannt, das ist jiddisch und heißt soviel wie „unwichtig“, „unbedeutend“. Man darf das als besonders raffinierten Versuch werten, der Kritik den Wind aus den Segeln zu nehmen.
Ben Witters Schlitzohrigkeit wird fast noch vom Klappentext übertroffen, der Witters Intention unterläuft und alles als bedeutungsvoll hinzustellen versucht: In den Kürzestgeschichten ginge es immer ums „Überleben“ (was für ein Schmarrn), aber es fehle „die Gewißheit hinter den Gedanken“ (was für ein Nebbich). Nein, Ben Witters Minutenpoesie ist hintergründiger, so sehr hintergründig, daß Francois Bondy völlig zu Recht in seinem Nachwort schreiben kann: „Den Leser dürfte es kaum geben, dem nicht etwelche Minutenpoeme gar nichts sagen.“ Zum Beispiel dieses: „Satte Töne aus der Müllkippe. / Eine Matratze hatte sich eingemischt.“ Oder dieses: „Informationsfluß in der Todeskurve. / Unfallwagen setzten ein Stück zurück.“ Oder dieses: „Er ist nackt / und backt / ohne Kontrakt, / ein Autodidakt.“ Sehr viele dieser Poeme sind bedeutungslos. Andere dagegen sind unbedeutend: „Souverän / beherrschte ich die Szene. / Außer mir war niemand da.“ Noch wieder andere sind makaber: „Ich hatte meine Augen auch hinten. / Das Wunder / vollbrachte mein Mörder.“
Aber Nebbichs sind sie alle. Dabei gibt es doch schon soviel Unbedeutendes in dieser Welt!
erschienen in: Literatur-Beilage der Süddeutschen Zeitung, Mittwoch, 30.3.1988. Nr. 75, Seite 67.
