Erzählen von unten. Werner Fritsch: Cherubim
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Rezension von Lutz Hagestedt
Erzählen von unten
Werner Fritsch: Cherubim. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1987. 254 Seiten.
„Auch die gemeinen Volkssagen, Mährchen und Mythologie gehören hieher. Sie sind gewissermaßen Resultat des Volksglaubens, seiner sinnlichen Anschauung, Kräfte und Triebe, wo man träumt, weil man nicht weiß, glaubt, weil man nicht siehet und mit der ganzen, unzertheilten und ungebildeten Seele würkt: also ein großer Gegenstand für den Geschichtsschreiber der Menschheit, den Poeten und Poetiker und Philosophen.“ (...) „Nur wer ist, der sie sammle? der sich um sie bekümmere? auf Straßen und Gassen und Fischmärkten? im ungelernten Rundgesange des Landvolkes?“
Vor 210 Jahren hat Herder im Deutschen Museum diese Lanze für die Volkspoesie gebrochen, und spätestens seit 1812, als die Gebrüder Grimm den ersten Band der Kinder- und Hausmärchen vorlegten, dürfte ihre Bedeutung allgemein erkannt worden sein. Man muß jedoch nicht so hoch und so weit zurück greifen, wenn das Gute so nahe liegt. 1984 erschien bei Suhrkamp Die Verschleppung. Njetotschka Wassiljewna lljaschenko erzählt Josef Winkler ihre russische Kindheit, die Biographie einer Bäuerin aus der Ukraine, die von den Nazis deportiert worden war und in Oberkärnten Zwangsarbeit leisten mußte. Der junge Österreicher Josef Winkler, der einige Zeit auf dem Hof der „Starzer Vale“ gelebt hatte, hat ihre Erzählungen aufgezeichnet und behutsam bearbeitet, so daß eine relative Unmittelbarkeit des Erzählten erhalten blieb. Soeben ist nach gleichem Muster der Roman Cherubim von Werner Fritsch erschienen:
„Dieses Buch ist das Geschenk eines / achtzigjährigen Bauernknechts: / Ich wünsch allensamt Glück. / Wo leben tun. / Auf jetzt hinauf. / Zweihundertdrei Geschichten in Gesichten. /
Vom Wenzel seinem Leben. In Gesetzen erzählt der Zeit. Und an Zahl den Rückenwirbeln der vom Rumänenbinder auf der Tenne in Asch derhauten Kreuzotter gleich.“
Nach und nach erfahren wir etwas genauer, wie dies Buch entstanden sein muß. Wenzl, geboren 1905, hat „das kleine Wernerl“ schon gekannt, als es noch in den Windeln steckte, denn er hat auf dem Hof seiner Eltern als Knecht gedient. Von ihm hat Werner Fritsch „Sprechen und vor allem Erzählen gelernt“. Seit langem lebt Wenzl in einem Invalidenheim in der Oberpfalz. Eines Tages hat sich Werner Fritsch für seine Lebensgeschichte zu interessieren begonnen: „So Zeug hat er hören wollen. Und das, was er gehört hat von mir, hat er dann auf- oder niedergeschrieben.“ Das Interesse, die Aktivitäten galten der Brisanz des Lebensstoffs und der erschütternden – sei es zum Lachen, sei es zum Weinen – Wirkung der Geschichten. Werner Fritsch muß Wenzl mit geradezu mäeutischer Geschicklichkeit zu immer neuen Erzählungen verlockt haben. Doch seine Aufmerksamkeit galt nicht nur diesen Geschichten, sondern auch und vielleicht vornehmlich der Entfaltung der eigenen Erzählergabe: „Jetzt hat das Wernerl halt zugegeben, daß es eines Tages ein Schriftführer (sic!)werden will. Und will ein Büchl schreiben übers Leben von mir. Und über so Zeug. Da hat es mich fein derbarmt.“ Das Wenzl sich „des kleinen Wernerls“ erbarmt hat und ihm helfen wollte, das Erzählen zu lernen, erinnert an alte Initiationsgeschichten (Hoffmanns „Eckfenster“ et al.), und schließlich an die Naturgeschichte der Poesie überhaupt: „... berichtet von einem Schneider zu Höhendorf mit spitzem Gesicht und satyrischem Zug ums Maul“, „… erzählt von einer alten Mamsell“, „... aufgezeichnet vom Dragonerwachtmeister Kraus“. So ist schon immer erzählt worden, und so müßte es sich auch wieder mehr durchsetzen: daß Autoren, die so recht noch nichts oder nichts mehr zu erzählen haben, sich zum Mentor machen und die elementar wichtigen Erzählungen von Menschen zu Papier bringen, die viel erlebt und viel zu erzählen haben, aber des Erzählens und Niederschreibens so recht eigentlich nicht mächtig sind.
Cherubim erzählt also vom Leben, Lieben und Leiden Wenzls, aber eigentlich hat das Buch, und das ist wohl das Besondere daran, zwei Erzähler. Es gewährt Einblicke in das Seelenleben, die Erlebnis- und höchst beschränkte Aufnahmefähigkeit eines Menschen, der „nicht einmal gern gescheit lesen kann“ und der nie und nimmer allein in der Lage wäre, sein Leben aufzuschreiben. Diese Funktion hat Werner Fritsch übernommen, der Wenzls Lebensbericht mit einem Tonbandgerät aufgezeichnet und den Oberpfälzer Dialekt behutsam in eine dem Hochdeutschen angenäherte Fassung gebracht hat. Wenzls Bericht, so unmittelbar verschriftet, tendiert weiterhin zur Mündlichkeit und wirkt dadurch ungekünstelt. Werner Fritsch hat – so weit das möglich war – Wenzls Erzählungen zunächst in chronologische Reihenfolge gebracht und fünf Phasen zugeordnet: „Von der Ewigkeit bis 1905 / 1905-1919 / 1919-1945 / 1945 bis gegen Ende / Vom Ende bis zur Ewigkeit.“ Dieser Lebenslauf, der das Ende negiert und über den Tod hinaus ein anderes Leben „in Engerlingen (Engeln) und solchen Dingen“ beschwört, war bestimmend für den Titel des Buchs: „Und eines Tages bin auch ich. / Irgendmal unter Cherubim.“ Mit den deutlichen, historisch motivierten Zäsuren, die Werner Fritsch im Lebensbericht vorgenommen hat, verändert sich dessen Stellenwert. Einem individuellen Schicksal kommt plötzlich größere Aufmerksamkeit zu, Wenzls Erzählungen werden um herausragende politische Ereignisse gruppiert, die auch für uns bedeutsam sind. Ein Beispiel: Für Wenzl war die NS-Diktatur eine Phase, eingebettet in ein unbestimmtes „Früher“, in dem es ihm insgesamt schlechter gegangen ist als heute. Aber von der Bedeutsamkeit dieser größten, dutzendjährigen Katastrophe in der deutschen Geschichte hat er keine Ahnung. In seinen Erzählungen erscheint das Dritte Reich als merkwürdig unwirkliche Zeit, die kaum Spuren hinterlassen hat, obwohl Wenzl als Kommunist, Krüppel und beinahe geistig Behinderter, als in der menschenverachtenden Terminologie der Nazis als „unwertes Leben“, doppelt und dreifach gefährdet war. Wenn man seinen Berichten glauben darf, dann hat er die Geleise für die Sonderzüge zum KZ Flossenbürg noch selbst gelegt und ist dem Tötungslager nur durch Flucht entkommen: „Zum Führer seinen Geburtstag haben Sie uns eingeladen. Im April in den Viehwaggon. (...) Das ist mir durch den Kopf gegangen durchaus, daß es mein Tod genauso sein kann. Wenn ich herausspringen tu aus dem Zug. (...) Und bin gesprungen in einen Brombeerbusch.“
Die größere Tragweite seines Erlebnisses empfindet Wenzl offenbar nicht, es scheint so, als habe sich diese Todesangst nicht grundsätzlich von anderen Ängsten, z.B. seiner Schlangenphobie, unterschieden. Ein Beispiel für Wenzls höchst beschränkte Aufnahmefähigkeit ist auch, daß sich ihm nicht einmal der Name Hitlers, der millionen- und abermillionenmal in Deutschland voller Begeisterung und voller Abscheu genannt wurde, genau eingeprägt hat. Wenzl nennt ihn noch heute den „Hiltler“, was phonetisch weicher und freundlicher klingt und vielleicht zu einer geradezu grotesken Einebnung der Rangunterschiede führt: „Hab gedacht gehabt am Anfang, Wir sind verwandt zueinand. Ich und der Hiltler. Durch das Blut von der Mutter. Durch Östreich. Weil doch er auch von drinnen heraus ist. Über das Urmutterzeug ineinander.“
Der „Hiltler“ ist für Wenzl, der nicht unterscheiden kann zwischen den Großen und Kleinen dieser Welt, nur einer unter vielen anderen gewesen, die ihm an den Kragen wollten. Die allgegenwärtige Präsenz seines Namens ist für Wenzl, der niemals in der Lage gewesen ist, von sich oder gar anderen zu abstrahieren und größere Zusammenhänge zu überschauen, gleichbedeutend mit seiner physischen Präsenz: „Derweil hat er (scil Hitler) nichts getaugt! (...) Ich hab geschaut, daß ich ihm nicht über den Weg laufen tu. Daß er es nicht zum Kennen kriegen tut, daß ich ihn nimmer leiden mag. Weil er fort über die Krüppel gekommen ist. Und hat die Lungenkranken sterisieren lassen!“ Solche Stellen gehören zu den erschütterndsten Quellen, so noch nicht gehörten Erlebnisberichten unseres Jahrhunderts. Das ist Geschichtsschreibung von unten, und zwar von ganz unten. Als ehemaliger Weber- und Ochsenknecht, Steinbruch- und Waldarbeiter – der noch dazu aus einer ganz finsteren Gegend (Oberpfalz) stammt, wo die Pfarrer ihren Gläubigen noch einbleuen, daß sie schwarz zu wählen haben – gehört Wenzl zu den ewig ausgebeuteten Hilfskräften, die für ein geringes Auskommen schwere und gefährliche Arbeit leisten mußten. Ohne Vermittlung wüßten wir nichts von ihnen.
Zweifellos ist Wenzl ein Erzähler mit bedeutenden Themen. Für sein egozentrisches Weltbild kann er selbst am wenigsten, es ist nicht Ausdruck von Überheblichkeit, sondern von Beschränktheit und Naivität. Es scheint so, daß er in den zwanziger Jahren bei den Kommunisten mitgestritten hat, doch nur als Statist, denn seine Beweggründe waren recht trivialer Natur: In seiner Stadt gab es zwei Versammlungslokale, den „Roten Hahn“ der Kommunisten und das „Lamm“ der Nazis. Wenzl ist „allweil gerner in den Hahn gegangen. Da hab ich es von daheim aus auch nicht so weit gehabt. Zum Gehen. Durch das bin ich mit der Zeit ein ganz Radikaler geworden. Von den Kommunisten einer. Oder wie sie allesamt geheißen haben.“ Der letzte Satz ist für Wenzls Erzählen sehr charakteristisch. Seine Rede ist erfüllt von (unbewußten) rhetorischen Strategien, die das Erzählte durch ständiges Relativieren, Aufheben und Zurücknehmen (häufig mithilfe von einschränkenden Modalverben und Modaladverbien) in der Schwebe halten, weil ihm Zweifel oder bessere Einsicht gekommen sind: „Eine Zeitlang haben wir den Schmuder gehabt. Wenn er nicht Simon geheißen hat. Weil der Simon Fritz geheißen hat. Und der Schmuder Schmuder. Einen Schmudernamen hat er halt gehabt. Sonst keinen. (...) Irgendmal wieder ist es auch geringfügig anders gewesen.“ Diese gewaltige Konfusion, die sich bisweilen auf den Leser überträgt, wird noch durch eine extrem häufige Verwendung von Konjunktiven gefördert. An anderer Stelle hat man darin ein Zeichen aufklärerischen Bewußtseins sehen wollen, doch davon kann hier natürlich keine Rede sein: „Gegen Ende wärs mir sogar noch recht gut gegangen. Gesund und schön gekleidet bin ich gewesen. Wie ein so ein Graf.“ Andererseits enthält Wenzls Lebensbericht Passagen, denen man, obgleich sie im Brustton tiefster Überzeugung erzählt werden, keinen Wahrheitswert zubilligen kann. Wenzl ist sicherlich niemals in Afrika gewesen, aber was macht das schon, wenn hier einer ins Schwadronnieren kommt oder seine Phantasie ihm die Erfüllung seiner Wunschträume vorgaukelt. Das ist ja gerade das Angenehme dieses Buchs, daß es trotz seines quasi dokumentarischen Charakters so vieles offen läßt. Daß auf diese Weise das Erzählen selber thematisch wird, denn es könnte ja alles auch ganz anders gewesen sein. Man muß es aber auch würdigen, daß Werner Fritsch in weiser Zurückhaltung niemals den Zeigefinger erhoben oder besserwisserisch eingegriffen hat. Vielleicht wird man ihm vorwerfen, daß er zu wenig eingegriffen habe, daß sein Buch sehr kryptische Texte enthalte, die teilweise auch nach wiederholtem Lesen unverständlich blieben (etwa S. 210). Doch was hätten die Texte andererseits eingebüßt, wenn sie ihrer „dunklen“ Seite entkleidet, aus dem verwirrenden Urnebel des Erzählens herausgelöst und perfekt gestylt worden wären? Die Mythen, die Wenzl in Cherubim erzählt, bestehen aus halb verstandenen, halb vergessenen, wirr zusammengesuchten Partikeln, die – an der Grenze zur geistigen Behinderung neu kollationiert – überraschend schöne und aufregende Bilder zutage fördern:
„Der Herr und Himmelgott hat einen Haufen dann erschaffen. Die Welt und alles mögliche. Wie uns. Durchs Sprechen. Damit wir uns auch und alles verstehen tun. Die Vögel fein auch. In schönen Augenblicken. Kann sich freilich ein paar Mal auch versprochen haben. Aber nicht oft. Was ich gehört hab. Daß ich gelebt hab, sag ich. Und das Wernerl tut es aufschreiben. In allen Sprachen. Für ewige Zeiten in Feuerzungen. Wenn einmals Licht ausbricht.“
Es ist fast unmöglich, festzustellen, wo Werner Fritsch möglicherweise geglättet, verdeutlicht, gekürzt hat, was also noch authentisch und was bereits fingiert ist. Es scheint aber so, daß er der Versuchung widerstanden hat, Wenzls Rede ganz zu seiner eigenen zu machen, sie umzubrechen und in die eigene, intellektuell und sprachlich höherstehende Rede zu übersetzen. Werner Fritsch hat offensichtlich erkannt, daß er sich von den Eigenheiten, Merkwürdigkeiten, Kuriosa und Brüchen seiner – Wenzls – Sprache kaum freimachen kann, ohne das Projekt der Vermittlung insgesamt zu gefährden. Gelegentlich trifft man dann auf Wendungen oder Wortspiele, die Wenzl nicht zuzutrauen sind, sein Erzählniveau deutlich übersteigen. Zu intelligent klingt ein Satz über das Dritte Reich: „Mordsmäßig politisiert ist worden.“ Zu gesucht ist jene bereits zitierte Passage, in der mit den Homonymen des Verbums „einladen“ gespielt wird: „Zum Führer seinen Geburtstag haben sie uns eingeladen. Im April in den Viehwaggon.“ Schön, aber sicherlich nicht von Wenzl, ist jenes Bild, wo die Sonne auf den Schienen „sakrisch heruntergeschienen“ hat; das kann nur Werner Fritsch „auf- oder niedergeschrieben“ haben. Zu sehr erinnert der Versprecher, die Lerchen hätten „frauenerregendes Zeug gesungen“, an Schmidts Etym-Theorie oder einfach an den kalauernden Unfug der Feuilletonbeilagen. Nicht ganz auf dem übrigen Niveau ist auch Wenzls Antwort auf die Frage des Pfarrers, „wieviel Gott daß es geben tut“: „Acht. (...) Derweil hat die Mutter daheim doch auch immer gesagt Ach Gott, Ach Gott!“ Doch das sind unbedeutende Schönheitsfehler in einem insgesamt sehr gelungenen Buch (dessen tiefgründiger Humor in dieser Rezension noch nicht hinreichend gewürdigt worden ist. Dieser Humor wird nicht etwa künstlich erzeugt, ist nicht Ausdruck einer Zoten- oder Possenreißerei, sondern rührt her aus der Spannung zwischen dem recht begrenzten Horizont Wenzls und dem Mehrwissen des Lesers. Wenzls Erlebnisse mit dem Fernsehen zeigen, wie er mit der staunenden Faszination des Kindes auf das Wunder der Technik reagiert. Zu den schönsten Szenen gehören Wenzls Erlebnisse mit dem Fernsehen. Erst besaß er keinen eigenen Apparat, doch weil die Ansagerin „den Hecht Heiner eher angelacht“ habe als ihn, hat er sich einen eigenen angeschafft, nicht groß, „daß sie halt grad haben herausschauen können auf mich“. Wenzl gehört zu jener starken Minderheit in Deutschland, die ihr Zimmer aufräumt und sich in Schale wirft, bevor sie den Fernseher einschaltet, um auf die Ansagerin einen guten Eindruck zu machen. Zu Ostern, „wenn sie so einen Haufen Western gebracht haben“, hat es Wenzl kaum aushalten können vor dem Fernseher: „Hab allweil auf dem Kanapee Mordssprüng machen müssen. Daß mich keine Kugel und kein Pfeil treffen können.“ Wenzl, der Naivität und Raffinesse in vollendeter Weise in sich vereint, verfällt schließlich auf eine verblüffend einfache Lösung. Damit er „auf dem Kanapee nicht mehr so narrisch um Deckung hupfen“ muß, bestellt er sich einen neuen Fernseher mit zwei Programmen – zum Umschalten.
erschienen in: Spuren Nr. 20 (Sept. 1987). S. 58-60.
