Emanzipation und Restauration - Ein Buch über die Frauen der Goethezeit

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Rezension von Lutz Hagestedt

Emanzipation und Restauration

Ein Buch über die Frauen der Goethezeit


MARIE-CLAIRE HOOCK-DEMARLE: Die Frauen der Goethezeit. Aus dem Französischen von Renate Hörisch-Helligrath. Wilhelm Fink Verlag, München 1990. 308 Seiten, 58 Mark.


„Sophiens Schwester, Maximilianens Tochter, Sophie La Roches Enkelin wünscht Dich zu sehen.“ Als Bettina Brentano im April 1807 Goethe in Weimar besuchen kommt, empfiehlt sie sich mit diesen Worten und reiht sich selbstbewußt in eine eindrucksvolle weibliche Genealogie ein. Sie beruft sich nicht auf ihren berühmten Bruder Clemens und auch nicht auf ihren ebenso berühmten Verlobten Achim von Arnim, sondern allein auf diese drei Frauen, die Goethes Lebensweg in verschiedenen Phasen gekreuzt und Bettinas Empfehlungsschreiben eine sehr persönliche, keineswegs anmaßende Note verliehen haben.

Marie-Claire Hoock-Demarle untersucht in ihrem Buch drei Generationen von Frauen, die drei Teilphasen der Goethezeit zugeordnet werden, wobei die Goethezeit genau durch Goethes Lebensdaten (1749-1832) markiert wird. Die Goethezeit läßt sich, Marie-Claire Hoock-Demarle zufolge, idealtypisch zerlegen: In die Zeit der „Traditionen und Veränderungen“ (1750-1790), die „Zeit der Befreiungen“ (1790-1815) und die Zeit der „Restauration und der Widerstände“ (1815-1832).

Die Frauen der ersten Phase - auf Goethe bezogen: die Generation der Mütter, die Frauen des 18. Jahrhunderts - besitzen keine staatsbürgerlichen Rechte, werden gezielt in Unmündigkeit gehalten und von ihren männlichen Verwandten (vom Vater, Bruder, Ehemann oder Sohn) dominiert, sie haben kein Mitspracherecht bei der Partnerwahl, ihr Platz ist die Privatsphäre des Hauses, ihr Alltag ist häufig eine Qual, nicht zuletzt infolge der pausenlos aufeinanderfolgenden zahlreichen Schwangerschaften. Doch in dieser zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts werden auch schon erste Veränderungen spürbar. Die Frauen erlangen eine größere, auch geistige Mobilität, sie entwickeln neue Formen der Geselligkeit, schaffen sich intime Zirkel, die Teekränzchen und Lesegesellschaften, sie bilden Interessengemeinschaften und machen die Küche zum Ort der Subversion, des sozialen und ökonomischen Austausches mit der Welt. Sie entwickeln einen ausgeprägten Bildungswillen und finden Geschmack an der Autonomie des weiblichen Subjekts. Letztere können sie meist nur im Witwenstand verwirklichen, wenn ihnen der selige Gatte eine kleine Rente ausgesetzt hat. Zur gleichen Zeit kommen erregte Debatten über die künftige Neuorientierung im „Kampf zwischen Männer- und Weiberkräften“ (Campe) in Gang, an denen sich die besten Köpfe der Epoche, haupt-sächlich aber die Männer (Fichte, Herder, Kant, Goethe und Schiller), beteiligen.

Die Frauen der zweiten Phase – auf Goethe bezogen: die Generation potentieller Partnerinnen – führen die Neuerungen der Müttergeneration konsequent weiter und vollziehen einen Bruch mit dem traditionellen Rollenverständnis der Frau. In dieser Zeit der einschneidendsten politischen Umwälzungen im alten deutschen Staatengefüge, des innovativen juristischen Wirkens Napoleons, in dieser Zeit der Freiheitskriege erkämpfen sich auch die Frauen größere Freiheiten in allen Bereichen des täglichen Lebens. Oft müssen sie, wenn ihre Männer im Krieg sind, Überlebensstrategien für sich und ihre Familien entwickeln und sind faktisch – und meist unfreiwillig – zu Familienoberhäuptern avanciert.

In der Literatur stellt sich diese kurze Phase der Liberalisierung – wenn überhaupt – anders und häufig radikaler dar; bemerkenswert sind diejenigen Texte, die – quasi im Rahmen eines Modellversuchs – die traditionelle Geschlechterrollenverteilung aufheben, die Rollen und Gewichte neu verteilen und probehalber die Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit von Mann und Frau unterstellen. Spektakuläre Folgen hat dies vor allem für die Darstellung erotischen Verhaltens, da plötzlich auch alle Formen sexueller „Abweichungen“ (Promiskuität, Homosexualität et cetera) dargestellt werden können. Letztlich aber „bestrafen“ die Texte diesen Hedonismus der Figuren, indem sie sie in den Tod schicken oder wenigstens doch isolieren und mit Krankheit, Häßlichkeit und Armut bedenken.

Die Frauen der dritten, restaurativen Phase schließlich - bezogen auf Goethe: die Generation der Heranwachsenden und späteren Zeuginnen bzw. Verehrerinnen – werden um all die Errungenschaften der Vergangenheit betrogen: „nach vielen Umschwüngen und Irrtümern hat die Frau endlich wieder zu ihrer eigentlichen Berufung als Hüterin der familiären Werte und als unbestrittene Leiterin der häuslichen Ökonomie zurückgefunden.“ Getreu der Ideologie der Biedermeierzeit wird die Frau ins „Heim“ verbannt und wird ihre politische Passivität erzwungen. Doch zeigt ein Ausblick in den weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts, daß die Frau bald schon als ökonomischer Faktor entdeckt werden wird. Die zukünftige Hilfskraft in der Heim- bzw. Fabrikarbeit wird sich wieder verstärkt Gedanken über ihre Rechte machen und diese dann auch einfordern.

Als Quellen für ihr Frauenbuch benutzt Marie-Claire Hoock-Demarle Briefe und Briefromane der Zeit, literarische und nichtliterarische Tagebücher, Biographien und Autobiographien, Gesetzestexte, Reiseführer und Reisebeschreibungen, darunter die Deutschlandberichte ihrer Landsmännin Germaine de Staël, Zeitschriften und Journale, Konversationslexika, aufgeklärte Traktate wie Hippels „Über die bürgerliche Verbesserung der Weiber“ (1791) und so weiter.

Marie-Claire Hoock-Demarle beschäftigt sich mit den Autorinnen der Goethezeit ebenso wie mit den Bankiersgattinnen (Hölderlins Diotima), den Arbeiterinnen in den Manufakturen, den Hauslehrerinnen, Mamsells, Ammen, Prostituierten, fliegenden Händlerinnen und Hausiererinnen, mit Gouvernanten und Köchinnen. Wo Frauen weder Autobiographien noch Briefe schreiben, folgt sie ihren Spuren zwischen den Zeilen (der von Männern geführten) Haushaltsbücher.

Die Autorin läßt sich von der misogynen Tendenz vieler ihrer Quellentexte nicht beeindrucken; einmal liest sie den Frauenverächter Lichtenberg derart gegen den Strich, daß sie aus seinem derben Pferdehändlerjargon „eine gewisse Zärtlichkeit, eine aufmerksame Neugier“ herauszuhören glaubt. Sie beweist auch ein gerütteltes Maß an Ironie, die sich etwa äußert, wenn sich ein Pfarrer genauestens von den Verführungskünsten seiner weiblichen Gemeindemitglieder unterrichtet zeigt. Dem nachvollziehbaren Unmut vieler weiblicher Autorinnen angesichts der andauernden Benachteiligung der Frau in ihrer Geschichte bis heute wird kein Raum gegeben.


© LUTZ HAGESTEDT

erschienen in: Süddeutsche Zeitung, Nr. 63 Freitag, 15. März 1991, Seite 13 (Sachbücher)
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