Eine phantastische Erzählung

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Rezension von Lutz Hagestedt


Eine phantastische Erzählung


Javier Tomeo: Die Taubenstadt. Wagenbach Verlag, Berlin 1991. 75 Seiten, 16,80 Mark.


Javier Tomeos „Die Taubenstadt" spielt mit Ängsten und Visionen eines Technikgläubigen


Was darf die Literatur, frage ich in Anlehnung an Tucholsky und antworte mit ihm: alles. Sie baut sich Welten, die oft der Realität entsprechen. Aber sie kann sie mit Merkmalen ausstatten, die von der „Realität" erheblich abweichen. So schafft die Literatur eine Realität, in der es nur zwei Klassen von Lebewesen gibt: Tauben und Menschen. Javier Tomeo, der 1932 geborene Erzähler aus Barcelona, hat eine phantastische Erzählung geschrieben mit genau diesen Lebewesen - „Die Taubenstadt".

Aus einer nicht näher bestimmten Stadt B. sind eines Morgens sämtliche Bewohner und sonstige Lebewesen verschwunden, ohne Spuren zu hinterlassen. Nur Teodoro und die Tauben sind noch da. Quasi über Nacht sind alle Freunde und Bekannten Teodoros nicht mehr in B., auch die Geschäfte der Umgebung, die Villen der Vorstadt, die Rundfunk- und Fernsehstation und die Käfige des Tierparks sind verwaist. Es ist nicht zu rekonstruieren, wieso, weshalb und wohin die Menschen und Tiere verschwunden sind.

Das andere, seltsame Phänomen ist die Anwesenheit so vieler Tauben in der Stadt. Sie verhalten sich noch dazu sehr merkwürdig. Sie beobachten Teodoro, den einzigen Menschen, sie folgen ihm auf Schritt und Tritt. Sie marschieren in Dreierformation, „wie eine winzige Armee".

Die Tauben, haben etwas Bedrohliches, jedenfalls aus der Perspektive Teodoros. Er kann sich ihr Verhalten nicht erklären. Der Leser erfährt nicht, ob die Tauben Böses gegen Teodoro im Schilde führen, oder ob sie nicht vielmehr einen Erlöser in ihm sehen, dem sie immer nahe sein wollen. Das alles bleibt offen. Teodoro hat die fixe Idee, daß die Tauben seine Feinde seien und ausgerottet werden müßten. Er unternimmt keinen Versuch, das Verhalten der Tiere zu ergründen. An Teodoro überwiegt das Zerstörerische; seit kurzem besitzt er einen Computer, für den er in einer Zimmerecke einen Altar errichtet hat. Dort beschäftigt er sich mit fragwürdigen Computerspielen. Auf dem Bildschirm liquidiert er reihenweise grüne Marsmenschen, durchquert einen Todessumpf und bekämpft Riesen, wird zum Löwenjäger. Oder er wechselt das Programm und bedient ein Atomkraftwerk: „Doch er ist kein geschickter Operator, irrt sich bei der Berechnung der Kernspaltungstemperatur und fliegt in die Luft." „Die Ökologen hatten Recht", denkt Teodoro, dann fällt der Strom aus und es ist vorbei mit den Supergaus, der Löwenjagd und anderen makabren Computerspielen.

Auf die entscheidenden Fragen des Lebens, auf die existenzielle Krisensituation, in der Teodoro sich befindet, gibt der Computer ohnehin keine Antwort. Bald denkt Teodoro nur noch in militärischen Kategorien. Er heckt eine Strategie aus, mit der er die Tauben beseitigen und „die Ordnung der Dinge" wiederherstellen will. Javier Tomeo spielt hier mit Ironie auf Michel Foucaults Klassiker Les mots et les choses aus dem Jahre 1966 an. Vom Vater hat Teodoro das Streben nach Ordnung geerbt, aber von der Mutter weiß er, daß sich das „Prinzip Ordnung" häufig nicht realisieren läßt - ihre Patiencen zum Beispiel waren niemals aufgegangen.

Der Mensch ist ein katastrophaler Verwalter

Javier Tomeo hat mit der Taubenstadt eine phantastische Erzählung vorgelegt. Seine Hauptfigur, Teodoro, thematisiert wiederholt die Rätselhaftigkeit der dargestellten Vorgänge, er reagiert mit Überraschung, ja Bestürzung auf die menschenleere Stadt und traut sich kaum vor die Tür.

Der Text spielt mit der Möglichkeit, daß die Menschen der Stadt sich in Tauben verwandelt haben könnten. Die Tauben fliegen nicht, sie marschieren in Formation und sie haben einen menschlichen Blick. Dennoch erwägt Teodoro keinen Augenblick, von seinen Tötungsabsichten abzusehen. Was dieser Teodoro unternimmt, ist fatal und auf seine Situation und den Plan der Schöpfung bezogen unangebracht. Der Mensch ist ein katastrophaler Verwalter seines Schicksals, er ist ein Verdränger, der sein sinnloses Handeln nicht begreift und dadurch viel zu seiner wachsenden Vereinsamung auf der Welt beiträgt. Sein Handeln ist absurd, da hilft kein Moralisieren. Es ist eine Stärke dieser Erzählung, daß sie dies gar nicht erst versucht.


© LUTZ HAGESTEDT

erschienen in: natur, 10/1991
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