Eine bunte Welt im Fruchtwasser

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Der finnische Dramatiker Ilpo Tuomarila und sein Stück »Populärmusik aus Vittula (http://volkstheater-rostock.de/repertoire/index.phtml?showsingle-643&Sparte=6&Kriterium=-1)«. Mit dem Theaterstammtisch im Rostocker Volkstheater

Von Sarah Brunkhorst

Es ist Freitagabend – und wir haben uns im Foyer des Volkstheaters verabredet. Schon vor der Zeit haben sich interessierte Studierende eingefunden – am Ende werden es über vierzig Nasen (42 genau) sein, die sich gemeinsam diesen populären Bilderreigen aus Finnland anschauen möchten. Erwartung und Spannung liegen in der Luft.

Und wir sind als erstes verunsichert: Spielt das Stück in Schweden oder in Finnland? Es spielt an der Grenze und zeigt die Nähe beider Länder, beider Kulturen.

Die Aufführung überwältigt uns: Ein Bild jagt das andere, man kann sich so schnell gar nicht auf jedes einzelne einlassen. Wie Stephan Behrmann, der Dramaturg ausführt, hat es die Regisseurin geradezu darauf angelegt, möglichst viele Einfälle auf die Bühne bringen.

Worum geht es? Durch das Programmheft und die Rezensionen des Stücks sind wir schon gut informiert: Matti (Benjamin Bieber) und Niila (Hannes Florstedt) wohnen am Rande der Welt, im abgeschieden-provinziellen Vittula, einem Dorf im Norden Schwedens – direkt an der Grenze zu Finnland. Dort lebt es sich geruhsam, die Moderne hat noch nicht Einzug gehalten – doch ihre Vorboten sind unübersehbar. Und die Moderne bringt auch ihre Schattenseiten mit sich: Alkoholmissbrauch, häusliche Gewalt und religiöser Wahn in Gestalt eines »farbigen« Predigers (Dirk Donat). Matti und Niila werden Freunde und planen ihre Flucht aus der heimatlichen Einöde.

Man ist belustigt und erschreckt zugleich. Und wir sehen auch die Vorzüge dieser abgeschiedenen Welt: Die Sorgen sind andere, und immerhin gibt es die rustikale Sauna, in der sich herrlich entspannen lässt (und in der die Männer unter sich bleiben). Das Trinken scheint ebenfalls eine reine Männerangelegenheit zu sein. Auch wir dürsten auf unseren Plätzen – der Abend wird noch lang werden: Drei Stunden dauert der Theaterabend, an den sich noch ein Gespräch mit dem Dramaturgen und den Schauspielern anschließen soll.

In der Pause tauschen wir erste Eindrücke aus: Die Frauen sind in dieser Welt auf ihre traditionelle Rolle festgelegt – das ist nichts für uns. Beeindruckt hat uns die Geburtsszene – eine Welt im Fruchtwasser. Wir vertreten uns die Beine und wappnen uns mit einem Glas Sekt oder Bier für die zweite Halbzeit.

In Vittula haben mittlerweile die Beatles Einzug gehalten: Stolz präsentiert Niila die auf einer Beerdigung (!) erhaltene Platte (natürlich noch Vinyl) und ist vom Beatles-Fieber gepackt. Die erste Rock-’n’- Roll-Band des Dorfes (und vermutlich des Polarkreises) wird gegründet. Ihre Rhythmik fährt auch uns in die Glieder, doch Szenenapplaus kommt selten. Das Rostocker Publikum ist eben zaghaft-zurückhaltend – und der Saal ist nicht übermäßig voll. Finnisches Theater hat es in »Südschweden« nicht eben leicht.

Die Handlung schreitet mit Riesenschritten voran: Ein junger Lehrer (Özgür Platte) entfaltet sein komisches Potenzial. Bei den jungen Männern des Dorfes stellen sich erste Erfolge bei den Mädchen ein – und die Musik deutet auf die große Welt »jenseits des Dorfes«.

Das Ende soll nicht verraten werden – aber soviel doch, dass nicht alle Personen des Stückes es erleben werden. Im Epilog wird das weitere Schicksal der Freunde erzählt.

»Populärmusik aus Vittula« ist eine humorvolle, ideenreiche, wenngleich etwas überladene Inszenierung. Aber die drei Stunden haben uns geschlaucht, und bei den meisten von uns ist für ein Werkstattgespräch kein Elan mehr übrig. Der Stammtisch läuft auseinander – hinein ins wilde Vittula-Leben Rostocks. Doch eine Handvoll Eiserne bleibt mir erhalten und trägt das Gespräch mit Stephan Behrmann, der ebenfalls einen langen Tag hinter sich hat. Jule Koch lässt sich blicken, die Dramaturgin für Kinder- und Jugendtheater. Die Bühnentechnik und die Finessen der Inszenierung (wie wurde beispielsweise der altertümliche Volvo bewegt) werden aufgedeckt. Was wir uns schon heimlich gedacht hatten und nun bestätigt bekamen: Das opulente Büfett, das zeitweise auf der Bühne zu sehen ist, wird nur partiell mit frischer »Echtware« ausgestattet.

Im Nachgespräch wird erste Kritik geäußert – und beratschlagt, was für den nächsten Theaterstammtisch infrage käme. Das Angebot ist groß, die Karten sind erschwinglich. Aki Kaurismäkis Groteske »I Hired A Contract Killer oder Wie feuere ich meinen Mörder« haben wir bereits gesehen. Die finnische Spielzeit von Schauspieldirektorin Anu Saari läuft ein ganzes Jahr, aber es gibt auch andere interessante Inszenierungen. Wir legen uns auf den 21. Januar 2009 fest: »Die Katze auf dem heißen Blechdach« wird ganz andere Akzente setzen – ein Kammerspiel eines modernen Klassikers. Wir sind auf Tennessie Williams gespannt.
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