Eine amerikanische Tragödie - Nelson Algren: Nacht ohne Morgen

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Rezension von Lutz Hagestedt

Eine amerikanische Tragödie

NELSON ALGREN: Werke, Band 1: Nacht ohne Morgen. Roman. Aus dem Amerikanischen von Carl Weissner. Zweitausendeinsversand, Frankfurt am Main 1990. 434 Seiten.

Literaturbegeisterung war es wohl, die Jörg Fauser, Charles Schumann und Wolf Wondratschek in einem Schwabinger Boxstudio zusammenführte, wo sie sich das Glaskinn polierten. Begeisterung für die Schwergewichtsprosa des amerikanischen Romanciers Nelson Algren (1909-1981), der es in Romanen wie „Never Come Morning“ (1942) meisterhaft verstand, die unheilvolle Verbindung von Boxsport und Milieu darzustellen:

Das Leben wirft Lefty Bicek, den im Chicagoer Armenviertel aufgewachsenen Amateurboxer, wie einen Punchingball hin und her. Lefty hält sich mit kriminellen Kleindelikten über Wasser und trainiert für den großen Fight, jeder Nerv schreit nach Entladung, als er – mehr versehentlich – einem Griechen den Kopf von den Schultern schlägt. Nicht im Ring, sondern hinter den Lagerhallen auf der West Side ist dieser große Knockout geschehen, Lefty wird unter Mordverdacht gestellt, mit Fowl-Methoden der Polizei überführt, verurteilt und in die Todeszelle gesteckt. Sein Leben endet, ehe der Morgen beginnt.

Algren hat sich bei deutschen Lesern nie etablieren können (genausowenig wie der „Nelson“ im Boxsport) und ist immer wieder aus dem Ring geschlagen worden. Dies mag daran liegen, daß seine Bücher keine Identifikationsangebote machen, keine positiven Helden darstellen, keine Erfolgsgeschichten erzählen, sondern die Figuren ungerührt in den Seilen hängen lassen. Boxen ist – Joyce Carol Oates zufolge – eine amerikanische Tragödie, kein Sujet für Erbauungsliteratur und eng mit Milieu und Verbrechen korreliert. Kid McCoy oder Rubin Carter, dem Bob Dylan eines seiner berühmtesten Protestlieder („Hurricane“) gewidmet hat, belegen dies. Auch Nelson Algren hat in seinem posthum erschienenen Roman „Calhoun“ von Rubin Carter erzählt. Leichte Mädchen und schwere Jungs mit weichen Knien und harten Bandagen sind immer seine Hauptdarsteller gewesen. Sportsgeist zeigen Übersetzer und Verlag, wenn sie Nelson mit dieser neuen Ausgabe seiner Werke wieder in den Ring schicken wollen.


© LUTZ HAGESTEDT


erschienen in: Süddeutsche Zeitung Nr. 273 vom 28. 11. 1990.
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