Ein norwegischer Klassiker. Alexander (Lange) Kielland: Skipper Worse
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Rezension von Lutz Hagestedt
Ein norwegischer Klassiker
ALEXANDER (LANGE) KIELLAND: Skipper Worse. Aus dem Norwegischen von C. v. Sarauw. Greno 10/20, Nr. 19. Greno Verlagsgesellschaft, Nördlingen 1987. 224 Seiten. –: Novellen und Novelletten (Werke 1). Aus dem Norwegischen von Marie Leskien-Lie und Friedrich Leskien. Bearbeitet und mit einem Nachwort versehen von Rudolf Wolff. Nishen Verlag, Berlin-Kreuzberg 1985. 240 Seiten.
Die engagierten Romane und Erzählungen von Alexander Lange Kielland (1849-1906) sind bei uns nicht sehr bekannt, obwohl sich gleich zwei Verlage um diesen norwegischen Klassiker bemühen: Greno mit einem preiswerten Taschenbuch und Dirk Nishen mit einer prachtvollen und doch wohlfeilen Werkausgabe (bisher vier Bände).
Schiffer Jakob Worse, ein Mann von fünfzig Jahren, wird nach einem sturmvollen Leben von Madame Torvestad bzw. ihrer Tochter Sarah in den Hafen der Ehe manövriert, doch die „heilige Familie“ (!), in die er da einheiratet, ist in Wahrheit eine scheinheilige, verlogene Pietistenfamilie, deren Erweckungs- und Bekehrungsversuche beim weltlich orientierten Jakob wenig fruchten. Eine Mesalliance, die Sprengstoff in sich birgt, Jakobs Leben zerstört und seinen Alterungsprozeß beschleunigt: „So segelte der alte Schiffer Worse aus dem Leben“, heißt es schön und liebevoll am Ende des Buchs, denn die Sympathien des Erzählers gelten dem Schiffer, dem einfachen Mann, nicht den bigotten Patriziern und Beamten. Manchmal steht dieser Erzähler seinen Figuren allzu nahe, spürt man seine Parteinahme allzu deutlich, dann ist er einseitig, tendenziös, überdeutlich in seiner programmatischen Sozialkritik. Als Romancier ist Kielland parteiisch, hängt er mit Herzblut an seinen Figuren.
Als Erzähler von Novellen und Novelletten gelingt es ihm besser, mit einer behenden, leichten, liebenswürdigen Ironie Distanz zu schaffen. Hier ist der Sozialreformer, Milieuschilderer, Gesellschaftskritiker zwar immer präsent, immer spürbar, aber er erschöpft sich nicht darin. Er führt uns in arme und reiche Gegenden, in gute und schlechte Zeiten, in die Tier- und Pflanzenwelt, die mit wenigen Strichen anthropomorphe Züge erhält. „Torfmoor“ zum Beispiel ist die Geschichte eines alten, ehrwürdigen Raben, der meilenweit fliegen muß, um ein lumpiges Schweineohr auszugraben, das er einst – in besseren Zeiten – verborgen hatte. „Erotik und Idyll“ erzählt von einem jungen Paar, das die ökonomischen Schwierigkeiten beim Heiraten unterschätzt und Jahr für Jahr durch immer neuen Kindersegen tiefer und tiefer ins Elend gezogen wird. Von Erotik und Idyll keine Spur.
Theodor Fontane rechnete Kiellands Novellette „Karen“ zu den wichtigsten Texten, die ihn in seiner eigenen Entwicklung förderten, und auch der frühe Thomas Mann soll von Kiellands Ironie maßgeblich beeinflußt worden sein.
erschienen in: Süddeutsche Zeitung Nr. 224 vom 30. 9. 1987. Seite 47.
