Ein endlos geflochtenes Band. Wolfgang Ebert: Herr Bellheim. Sekundenprosa

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Rezension von Lutz Hagestedt


Ein endlos geflochtenes Band

Texte für Sekunden von Wolfgang Ebert

WOLFGANG EBERT: Herr Bellheim. Sekundenprosa. Mit Zeichnungen von Papan und einem Brief von Peter Handke. Gustav Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach 1987. 128 Seiten.

„Als Herr Bellheim das erschrockene Gesicht des Mannes (...) bemerkte, erschrak er darüber so heftig, daß eine Frau bei seinem Anblick vor Schreck am Treppengeländer Halt suchte.“ (Nr. 34) So wie sich Spiegel unendlich in sich selber spiegeln, so spiegeln sich Wolfgang Eberts Geschichten, die voller Situationskomik stecken, in sich selbst. 99 durchnumerierte Einzeltexte enthält dieses Buch, manche kaum länger als drei, vier Zeilen, doch alle scheinen wie durch ein unsichtbar geflochtenes Band miteinander verbunden zu sein, sowohl thematisch als auch strukturell. Tragende Figur ist Herr Bellheim, eine im höchsten Maße egozentrierte, doch von der Meinung der anderen über sich selbst ungemein abhängige und darüber ängstlich spekulierende Kunstfigur, eine gespaltene, obrigkeitshörige, tragikomische, liebens- und verachtenswerte Persönlichkeit, die uns in einfachen, doch exemplarischen Alltagserlebnissen eine Ahnung gibt von der Macht der Einbildung. Allein die Gedanken, die Bellheim quälen, wenn das Telephon läutet oder auch nicht läutet, könnten das empirische Basismaterial für eine Psychopathologie des Telephonierens abgeben. Je länger man in diesem kleinen, überraschenden Büchlein liest, desto engmaschiger wird das Netz der Bezüge. Die Spiegelstruktur, die an die raffiniert ausgeklügelten, perspektivischen Täuschungen und Paradoxien von M. C Escher erinnert, wiederholt sich besonders häufig, zum Beispiel in den Geschichten vom überwachten Überwacher und vom ertappten Voyeur, oder auch in Bellheims übertrieben wehleidigen Reaktionen auf hypochondrische Gesprächspartner. „Das Leben ist eins der schwersten“, könnte Herr B., der Pessimist, sagen, doch schon müßte sein Alter ego antworten: „Es spricht für meine positive Lebensauffassung, daß ich eigentlich so gut wie nie an den Tod denke.“ (Nr. 99)

© LUTZ HAGESTEDT


erschienen in: Süddeutsche Zeitung Nr. 171 vom Mittwoch, 29.Juli 1987
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