Ein Schock Gedichte

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Rezension von Lutz Hagestedt


Ein Schock Gedichte

ANNE ROSE KATZ: Lachend flieg ich davon. Erotische Gedichte. Schneekluth Verlag, München 1991. 103 Seiten, 24 Mark. Eine Vorzugsausgabe des Bandes mit Illustrationen von Claudia Katz ist im Verlag Fuchstaler Presse, Denklingen, erschienen. 98 Mark.


Als Lyrikerin ist Anne Rose Katz eine Spätberufene. Dies ist der erste Gedichtband der 68jährigen, und er spricht - ausgerechnet - vom Sex. Aber Liebe kennt kein Alter, sie ist jener Sport, wo „der Schnellste verliert", und wo Erfahrung, Phantasie und Ausdauer über jugendliche Kraft triumphieren können.

Anne Rose Katz hat beides: sie ist eine erfahrene, phantasievolle und beharrliche Frau, doch ihre Texte sind jugendlich temperamentvoll und frech. Vor allem wird munter fremdgegangen: eine Anleihe hier, eine Anspielung da, ein Kalauer dort („O seume nicht", im „Syracus"-Gedicht), mal über, meist aber unter der Gürtellinie, wie es dem Thema entspricht. Anregungen nimmt sie vor allem aus der Musik, aber auch aus den anderen schönen Künsten.

„Ich vögel gern" - mit diesem Leitsatz persiflierte die Zeitschrift Titanic eine bekannte Raucherwerbung. Bei Anne Rose Katz liest man im Kapitel „Kulinarisches" (Liebe geht ja bekanntlich durch den Magen):


Ich esse gern

Kannibal und Kannibalin
(letztere nicht Frau Gemahlin)
sind vertieft, aus vollen Töpfen
Menschenfleisch herauszuschöpfen

Blick wird gierig, Speichel rinnt,
wenn das Ritual beginnt:
Knabbern, fletschen, zuzzeln, schlucken
Flachsen in die Büsche spucken.
(...)


Man sieht's, die beiden haben sich zum Fressen gern, aber nur wenn sie ihren Appetit noch zügeln können und sich nicht gegenseitig an die Eingeweide gehen, kann das Liebesmahl ein Nachspiel haben.

Viele andere Texte des Bandes sind formal freizügiger als dieser und ohne Reimzwang oder metrische Vorgaben arrangiert. Sonett und Limerick bilden die Ausnahme, Spontaneität ist gefragt. Flotte Nummern, freie Rhythmen dominieren die Auswahl; nun ist es am Leser, sich nicht schocken zu lassen von diesem Schock schöner Gedichte.

© LUTZ HAGESTEDT

erschienen in: Süddeutsche Zeitung, Samstag/Sonntag 1./2 Juni 1991
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