Ein Lyrik-Kabinett für München
aus Netzwerk-Literaturkritik, der freien Wissensdatenbank
Bericht von Lutz Hagestedt
Ein Lyrik-Kabinett für München
In München gibt es seit kurzem eine Buchhandlung speziell für Lyrik, das Lyrik-Kabinett. Hier werden Pressendrucke, Künstlerbücher und bibliophile Ausgaben geführt, Lyrik in jeder Form, als Plakat, Tonband, Schallplatte und bibliophile Rarität, aber auch als Taschenbuch und für den kleinen Geldbeutel. Eine kleine Auswahl antiquarischer Titel ergänzt das Angebot.
Lyrik-Kabinett – der Name schmeckt nach Salonlyrik, er mutet etwas altmodisch und geschmäcklerisch an, und die Räumlichkeiten in der Herzog-Rudolf-Straße 6 mit ihrem gediegenen Interieur unterstreichen diesen Eindruck noch. Ob hier auch die poétes maudits, also die von Gott und der Gesellschaft verstoßenen Dichter (Verlaine), gern gesehen sind?
Wolfdietrich Schnurre, der zur Eröffnung las, mochte das „Ungereimte“ empfunden haben, denn er betonte gleich die kultur- und gesellschaftskritische Relevanz seiner „Beschwörungslyrik“, indem er seiner Lesung aus den „Kassiber-Gedichten“ die dreizehn Thesen zum „Dichten nach Auschwitz“ (aus dem „Schattenphotographen“) vorausschickte.
Ursula Haeusgen, die Inhaberin der Buchhandlung an der Maximilianstraße, und ihr erster und einziger Sortimenter, Carsten Pfeiffer, wollen der „bereits existierenden und ständig neu entstehenden Dichtung“ ein Forum schaffen, ihre „Ausgrenzung“ verhindern und ihre Rezeption fördern. „Einen besonderen Schwerpunkt in unserem Programm bildet die Bibliophilie. Hier führen wir auch Bücher, die keine Lyrik enthalten, durch ihre handwerkliche und künstlerische Gestaltung aber eine poetische Wirkung erzielen.“
Ein Katalog der lieferbaren Bücher, Ausstellungen zur Buchkunst und Lesungen sollen einen festen Bestandteil des Programms der Buchhandlung bilden. Für die kommenden Abende sind Michael Krüger (12. April), Diana Kempff (14. April) und H. C Artmann (19. April) – jeweils 20 Uhr – eingeladen, aus ihren Gedichten zu lesen. Der Auftakt ist also vielversprechend, und es ist zu hoffen, daß sich diese Einrichtung auf Dauer finanzieren läßt. „Das Gedicht“, schrieb Hans Magnus Enzensberger kürzlich, „ist ja das einzige Produkt menschlicher Geistestätigkeit, das gegen jeden Versuch, es zu verwerten, immun ist.“
erschienen in: Süddeutsche Zeitung Nr. 86 vom 14. April 1989 (Feuilleton S. 46)
