Ein Haufen Materie - Gedichte von Lutz Rathenow ("Zärtlich kreist die Faust")

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Rezension von Lutz Hagestedt


Ein Haufen Materie

Gedichte von Lutz Rathenow

Lutz Rathenow: Zärtlich kreist die Faust. Gedichte. Offsetlithographien von Sascha Juritz, Pfaffenweiler Presse, Pfaffenweiler 1989. 55 Seiten.

Die Gedichte des Ostberliner Schriftstellers Lutz Rathenow schöpfen ihre Bilder aus einem großen, reichen Reservoir alltäglicher Situationen. Zusätzlich aktivieren sie, doch eher unauffällig und eher sparsam, das kulturelle Wissen des gebildeten Mitteleuropäers, indem sie auf biblische Motive, Figuren der antiken Mythologie oder literarische Bezugsgrößen anspielen.

Augenblicke des Glücks, Bilder des Leids, zärtliche Liebe, vergewaltigte Körper, Dichtermut, ein Sonett am Strand, verfallene Häuser am Prenzlauer Berg, der Zyklus der Jahreszeiten und immer wieder Vergänglichkeit und Tod – all dies und noch mehr ist Gegenstand seiner Texte.

In einem Gedicht vollzieht ein lyrisches Ich ein absurdes Selbstopfer, indem es sich – freiwillig – „verdauen“ läßt. Das Ich liefert sich an den gefräßigen Moloch des Herdentriebs, der unmündigen Stumpfheit, der Gleichgültig- und Teilnahmslosigkeit aus, an einen „Haufen Materie“, vielleicht „eine Menschheit“.

In der dritten Strophe des Gedichts wird auf das Personalpronomen Ich, mit dem sich der Sprecher manifestiert, verzichtet: „Sich beharrlich widersetzen / jeder Form von Verdauung. / Geschickt ausweichen.“ Aber, so führt der Text vor, mit dem geschickten Ausweichen ist es nichts mehr, wenn man sich einmal an einen totalitären Organismus ausgeliefert hat. Das fortschreitende Verfallensein an das „Man“ wird sprachlich durch Ellipsen, syntaktisch insuffiziente Sätze, durch Nullpositionen und immer weiter um sich greifende Tilgungsoperationen signalisiert. Mit Beginn der siebten Strophe verzichtet der Text auf alle Interpunktion, der Auflösung des Körpers des Sprechers entspricht die weitere Verkürzung der Strophen, bis endlich nur noch vereinzelt Verse dastehen. Die Progression wird schließlich noch auf der Ebene der graphischen Signale (immer mehr Leerraum zwischen den Zeilen) und der Orthographie (Verzicht auf die Großschreibung) mitvollzogen.

„Zärtlich kreist die Faust“ ist eine Sammlung sehr heterogener Gedichte, die so heterogen sind, daß man vielleicht, handelte es sich um eine Anthologie mit Texten unterschiedlicher Provenienz, von einer sehr gelungenen Sammlung sprechen würde. Alle Texte stammen jedoch von ein und demselben Autor, und das provoziert, eingedenk seiner handwerklichen und künstlerischen Fähigkeiten, die Frage, warum Lutz Rathenow eigentlich keinen Ehrgeiz daransetzt, seine Gedichtbände konsequenter und formal strenger zu „komponieren“. Die Frage zielt nicht auf die Forderung nach modernen Varianten des Sonettenkranzes oder sonstiger Gedichtzyklen, sondern darauf, daß erkennbar sein sollte, welchen Stellenwert auch der unscheinbarste Text für das Gesamtkonzept noch hat und wie er sich aus dieser Makrostruktur generiert. Paradigmatisch hierfür sind etwa die Lyrikbände und Textbücher von Helmut Heißenbüttel, Paul Wühr und – zum Teil – Jürgen Becker (um nur einige von den Lebenden zu nennen), deren Einzeltexte aufeinander Bezug nehmen, sich gruppieren lassen, sich gegenseitig kommentieren und interpretieren, nicht ohne die je anderen denkbar sind und dadurch ein komplexeres Gefüge bilden. Kaum eine Spur davon bei Lutz Rathenow. Schade, wenn ein Lyriker – mit diesen Möglichkeiten – soviel verschenkt. So bleibt, für das einzelne Gedicht, oft nur das Mittelmaß und die Ahnung von dem, was Lyrik heute sein könnte:

Inferno

Als plötzlich alle Vögel Feuer fingen
Fackeln flohen kreisend schrill
Löschen schürte nur den Brand
Und still


© LUTZ HAGESTEDT

erschienen in: Süddeutsche Zeitung Nr. 148 vom 30. Juni/1. Juli 1990.
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