Ein Forum für die Autoren. Das 10. Bielefelder Colloquium Neue Poesie

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Bericht von Lutz Hagestedt


Ein Forum für die Autoren

Das 10. Bielefelder Colloquium Neue Poesie

Das Bielefelder Colloquium Neue Poesie wurde 1978 von Siegfried J. Schmidt begründet und zählt mittlerweile 48 Mitglieder. Die ersten Teilnehmer waren fast ausschließlich Autoren, die der Konkreten Poesie zugerechnet werden. Der Name „Neue Poesie“ ist eine Prägung aus späterer Zeit, als Autoren hinzugekommen sind, die weder Konkrete Poesie machen und auch kaum von ihr beeinflußt sind (Paul Wühr soll hier stellvertretend genannt werden). Das Colloquium, das inzwischen abwechselnd von Jörg Drews und Klaus Ramm organisiert wird, ist in erster Linie ein Forum für seine Mitglieder. Wie im House of Lords sind die Fernsehkameras aus den Sitzungen verbannt, die Mikrophone bleiben taub. Traditionell am Freitagabend findet eine vierstündige, öffentliche Mammutlesung statt, wobei „Lesung“ im weitesten Sinne verstanden werden muß. Vieles ist nichts anderes als eine optische Präsentation, denn die Vertreter der Neuen Poesie arbeiten nicht alle mit Texten.

Sehr ideenreiche Objekte, die eher der bildenden Kunst zuzurechnen sind, zeigt der Konzept-und Aktionskünstler Timm Ulrichs. Spannende Bild-Text-Korrespondenzen hat Konrad Balder Schäuffelen an barocken Emblemen entwickelt, denen die Subscriptio fehlt. Andere führen Sehtexte (Heinz Gappmayr) und visuelle Serien (Ilse Garnier) vor, die man nurmehr sehen, nicht mehr lesen und also auch nicht vorlesen kann, wo der Betrachter alle Aufmerksamkeit dem graphischen Material zuwenden soll, den Buchstaben, den äußeren Bedingungen ihrer Realisation (Position auf der Fläche, Abstand, Größe, Farbe, Schriftcharakter).

Für Christian Prigent ist die Vortragskunst von herausragender Bedeutung. Er hat seinen „l‘orgasme“-Text so körperbetont vorgetragen, als ob er auf der Bühne zum Orgasmus hin stimuliert und ihn endlich erleben würde. Für diese Lesung hat Prigent mit Abstand den meisten Applaus bekommen. Prigent ist die körperlich unterstützte Form des Vortrags so wichtig, daß er dafür das semantische Lesen ganz aufzugeben bereit ist; sein zweiter Text an diesem Abend hatte keine erkennbare Bedeutung. Wie schon in früheren Lesungen hat Schuldt dem Publikum erklären müssen, wie seine Akronyme und Anagrammgedichte funktionieren; und es ist interessant, daß diese Erläuterungen immer besser ankommen als die Texte selber. Schuldt ist da nur die Spitze des Eisberges. Verstehensprobleme gibt es nämlich mit allen Autoren, mit Helmut Heißenbüttels Montagen ebenso wie mit Martin Schweizers Anagrammgedichten. Denn ad hoc sichtbar ist immer nur die äußere Textgestalt; was darunter liegt, muß erklärt oder erschlossen werden. Und die Frage ist, was da zwischen der Erläuterung der Methode, des technischen Verfahrens und dem fertigen Gedicht eigentlich verloren geht beziehungsweise wie man umgekehrt das Geschriebene so durchsichtig machen kann, daß es sich quasi von selbst erklärt (immer vorausgesetzt, daß man das auch will). Insgesamt verlangt die Neue Poesie die verstärkte Bereitschaft des Publikums, sich aktiv um das Verstehen zu bemühen. Das Bielefelder Publikum war jedenfalls begeistert: Georg Jappe, Gerhard Rühm, Bodo Hellt, Ralf Thenior und andere wurden mit viel Beifall belohnt, auch nach vier Stunden gab es keinerlei Ermüdungserscheinungen. Die Spannung nahm zum Ende hin immer noch zu, als zwei junge Österreicher, Franz Josef Czernin und Ferdinand Schmatz, aus ihren kalkuliert (!) schlechten Gedichten vorlasen, die sie dem Residenz-Verlag und seinem Lektor Jochen Jung untergejubelt hatten, und die im März unter dem Titel „Die Reisen. In achtzig Gedichten um die ganze Welt“ erschienen sind. Diese Gedichte parodieren eine gehobene Mittellage in der Lyrik, wie sie bei Erich Fried, Sarah Kirsch, Günter Kunert, Rainer Malkowski, Peter Waterhouse, aber auch bei Ingeborg Bachmann, Paul Celan, Peter Huchel und vielen anderen zu finden ist. Gedichte, in denen sich der „anvisierte Tiefsinn“ als „existentielle Großspurigkeit oder aufgeplustertes Innenleben“ (F. J. Czernin) offenbart. In der öffentlichen Mammutlesung am Freitagabend hat das Autorengespann Schmatz/Czernin spontan und vor 600 gespannten Zuhöhrern ihren achtzig Residenz-Gedichten einen kalkuliert schlechten Text hinzugefügt; eine Strophe, die dabei herauskam, lautet: „ruder, ihr beine des wassers / schlagend / durch die wellen der bilder / könnte das unsere spur bleiben?“ Der „über jedem Vers schwebende metaphysische Sinn“ wird „geheuchelt“ (F. Schmatz), die geistige Versenkung in schöne Bilder, die zugleich das moderne Sprachbewußtsein des Autors dokumentieren soll, wird nur vorgegaukelt.

Bei den Autoren des Bielefelder Colloquiums ist ein solcher Etikettenschwindel – außer in der Parodie – nicht zu finden. Sie haben Methoden entwickelt, die sie durch vielfältige, freiwillige Restriktionen vor dem oberflächlichen, ausgedünnten, schnellen Resultat bewahren. Und sie beweisen in den internen Diskussionen, daß sie sich ihrer Arbeit immer im höchsten Grade bewußt sind. Von Jörg Drews kam jedoch der Einwand, daß vielleicht alle Autoren, Kritiker, Leser und Lektoren irgendwo einen blinden Fleck hätten, wo das kritische und selbstkritische Instrumentarium versagt und auf bestimmte, auch warnende Signale nicht mehr reagiert. Schmatz und Czernin hätten dann mit ihren kalkuliert schlechten Gedichten der gehobenen Mittellage den blinden Fleck des Residenz-Verlages beziehungsweise seines Lektors Jochen Jung angepeilt und getroffen. Ihr Lyrikband, der inzwischen schon nicht mehr ausgeliefert wird, dürfte in wenigen Jahren eine bibliophile Rarität sein.

Mit dem Bielefelder Colloquium Neue Poesie haben sich die Autoren selber ein Forum geschaffen, eine Lobby, die sie brauchen, um sich und ihre Kunst durchzusetzen. Noch immer haben sie es schwer, für ihre radikalsten und besten Arbeiten seriöse Verleger zu finden. Da gibt es, Gott sei Dank, Klaus Ramm und seinen Verlag und Heimrad Bäcker (edition neue texte), die in den vergangenen Jahren viel Mut und Engagement bewiesen haben. Und es gibt weitere Lichtblicke: Klaus Podak hat in diesem Jahr eine großzügige finanzielle Unterstützung des Bertelsmann-Konzerns vermittelt. Erstmals war man frei von größeren finanziellen Sorgen, und es besteht der Wunsch nach weiterer Zusammenarbeit. Wir brauchen die Neue Poesie, denn nur die Neue Poesie ist gute Poesie.

© LUTZ HAGESTEDT


erschienen in: Süddeutsche Zeitung Nr.  124 vom 1.  Juni 1987 (Feuilleton)
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