Die frustrierten Etablierten. Robert Gernhardt: Es gibt kein richtiges Leben im valschen

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Rezension von Lutz Hagestedt


Die frustrierten Etablierten

ROBERT GERNHARDT: Es gibt kein richtiges Leben im valschen. Humoresken aus unseren Kreisen. Haffmans Verlag, Zürich 1987.109 Seiten.

Wenn man dereinst erfahren möchte, wohin der „Geist von ‘68“ entwichen ist, jener Geist, der stets verneint, ob er unter den Talaren weitermufft oder vielleicht zum Geist des Weines gekeltert wurde, dann wird man es in den Bildergeschichten von Jean Marc Reiser und Claire Bretécher und in den Romanen und Erzählungen von Eckhard Henscheid und Robert Gernhardt nachlesen können. Nahezu 20 Jahre danach lebt dieser Geist immer noch, doch er ist älter und reifer geworden, die kritische Vernunft ist der lebenspraktischen gewichen und der „Bürger“ feiert fröhliche Urständ. Die Alt-Achtundsechziger, die es sich bequem gemacht haben auf unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung, leben mit tiefsitzenden inneren Widersprüchen, haben jahrelang versucht, „die Bürde der alten klerikal-bourgeoisen Moral abzuschütteln“ und sind jetzt selber Bannerträger einer neuen Moral, die mit der grün-alternativen Öko-Bewegung aufgekommen ist. Diese neue Moral heißt „Umweltbewußtsein“ und wird mit inquisitorischer Unerbittlichkeit überwacht. Mit Argusaugen wird sogar die Mülltonne der Nachbarn kontrolliert, bis sich der Geist von ‘68 an die Lehren der Geschichte erinnert, nämlich jeder neuen Moral zu mißtrauen und persönliche Freiheiten und menschliche Schwächen zu respektieren. Eine hübsche Geschichte aus dem nachrevolutionären Alltag, die – wer könnte das übersehen – auch wieder mit dem moralischen Zaunpfahl winkt. „Humoresken aus unseren Kreisen“ lautet der Untertitel des Buchs. Humoresken, das sind harmlos-humorige Satiren, und man muß leider sagen, daß sie Gernhardt – von ein oder zwei Ausnahmen abgesehen – allzu harmlos geraten sind. Die schale Humoreske von der Bauchtanzfete („Die neue Sinnlichkeit“) zum Beispiel könnte mühelos unter der niedrig hängenden Niveaustange des satirischen Limbo-Tänzers Ephraim Kishon hindurchtanzen; sie verendet, kaum richtig in Schwung gekommen, in einer müden Pointe. Und die blasse Satire von Tucholsky („Ein Ehepaar erzählt einen Witz“) wird auch nicht besser, wenn man sie ganz uninspiriert noch einmal erzählt. In der „Carola“-Erzählung wird es dem Leser – völlig zu Recht – verziehen, wenn er nicht weiter folgen will, denn so spannungslos wie hier hat Robert Gernhardt selten erzählt.

© LUTZ HAGESTEDT


erschienen in: Süddeutsche Zeitung Nr. 129 vom 6./7./8. Juni 1987 (SZ an Pfingsten)
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