Die fernen Wörter. Rätselhafte Geschichten von Simon Werle
aus Netzwerk-Literaturkritik, der freien Wissensdatenbank
Rezension von Lutz Hagestedt
Die fernen Wörter
Rätselhafte Geschichten von Simon Werle
SIMON WERLE: Proxima Centauri. Deutsche und englische Erzählungen, Versionen. Peter Kirchheim Verlag, München 1988. 100 Seiten.
„Proxima Centauri“, die Titelerzählung, besteht aus Briefen, die ein psychisch Kranker aus der Anstalt an den Direktor und an den haßgeliebten Bruder schreibt. Die Briefe gehören zur Therapie: François, der Furcht vor dem Sprechen hat, dessen Stimme nicht trägt und immer wieder versagt, dessen Lallen und Stottern die „fernen Wörter“ nicht erreichen kann, kann sich nur schriftlich äußern. In Briefen soll er eine Landkarte entwerfen, eine Maschine exakt beschreiben (man assoziiert Kafkas „Strafkolonie“) und – vor allem – sich erinnern, das heißt selber die Daten zur Vorgeschichte seiner Krankheit liefern. François aber scheint die Wahrheit nicht zu treffen, er projiziert offenbar seine eigenen Vergehen auf den Bruder:
„Gedächtnisverfälschung unterstellst Du mir, Phantasterei anstelle von Erinnerung. Nie, so behauptest Du in denkwürdiger Nachträglichkeit, hättest Du auf meinem Brustkorb gekniet, mir durch Dein ja schon damals nicht geringes Körpergewicht das Atmen unmöglich gemacht und mich en passant zu erwürgen versucht.“
Da die Erzählung nur einer einzigen Perspektive folgt, da auch die Reaktionen des Bruders auf die Briefe des Wahnsinnigen nur wieder aus dessen Briefen selbst zu erschließen sind, bleibt die Wahrheit verborgen. Wahrscheinlich ist, daß François‘ Briefe als das gedeutet werden können, was die Psychoanalyse „Projektionen“ genannt hat, und daß sein Krankheitsbild der Paranoia entspricht. François‘ Briefe sind von einer solchen Gewandtheit und Sicherheit im Ausdruck, sind von einem derart reichen Wortschatz und einer derart phantasievollen Metaphorik geprägt, daß für uns ein Irrtum bezüglich seiner Intelligenz ausgeschlossen ist: François ist kein Dorftrottel mit ausdruckslosem Gesicht, blöden Augen und stumpfen Sinnen, den die Bauern zu Recht von ihren Festen vertreiben dürfen mit den Worten: „Da, François, eins, zwei, drei, hier François, such deinesgleichen anderswo bei Tollkirschen und Fliegenpilz.“ Das Thema der Individuation, die bei François schiefgelaufen ist, wird noch von zwei anderen Erzählungen aufgenommen. Immer sind es außergewöhnlich phantasiebegabte Figuren, die sich an anderen messen und merken, daß sie anders sind: intellektueller, feinsinniger, sprachbegabter.
Die Sprache ist für Simon Werles Figuren das dominante Medium ihrer Realitätserfahrung. Wenn ein Mann und eine Frau in der Erzählung „Outis Tissue“ zu einem „metaphysischen Mittagessen“ zusammentreffen und im Gespräch klassische Themen streifen, das Sein und das Nichts, Fiktion und Realität, Freiheit und Unfreiheit, den Ursprung und die Identität des „Ich“, dann sprechen sie immer auch über den Ursprung und die Funktion der Sprache und des Sprechens: Ist das Sprechen nur ein Vorwand oder dient es wirklich der Kommunikation? Ist es möglich, Gefühle und Gedanken sprachlich adäquat auszudrücken? Wie entsteht Bedeutung und was geschieht mit ihr bei der Isolation und Auflösung der Wörter? Kann man sich durch Sprache selbst verstehen oder gar selbst erfinden? Hat es einen Sinn, die Antwort auf die Frage „Wer bist du?“ und auf die Frage „Wohin gehst du?“ zu verweigern?
Die Titelerzählung scheint das zu verneinen. François, heißt es dort, habe es von seinem Bruder gelernt, sich der Beschreibung zu entziehen. Aber dennoch landet er ja, obwohl oder gerade weil er den Fragen zu seiner Person ausgewichen ist und seinen Ausweis, dieses Dokument der bereits erfolgten Beschreibung, zurückgelassen hat, im psychiatrischen Gewahrsam.
„Proxima Centauri“ versammelt Texte, die immer auch Poesie als solche zum Thema haben und über die Elemente und die Fundamentalbedingungen alles Poetischen überhaupt sprechen wollen, allerdings nicht im dominanten Diskurs unserer Zeit, der Wissenschaftssprache, sondern im poetischen Diskurs selbst. Anklänge an antike Mythen und die Sprache und die Motive der Märchenliteratur sind häufig zu verzeichnen, darauf deutet wohl auch der Begriff „Versionen“ im Untertitel des Buches. Die Erzählung „Ma Xi San“ präsentiert sich in der Stilmaske des Märchens und erörtert die Möglichkeiten für die Entstehung eines Gedichts und die Bedingungen seines Zerfalls. Die Entstehung eines Gedichts ist – laut „Ma Xi San“ – daran gebunden, daß sich heterogene Elemente zusammenfügen und gemeinsam etwas Neues bilden. Das Gedicht wird hier in das Bild eines Zimmers mit Fußboden, Decke und vier Wänden gekleidet. Homogene Teile hingegen bilden nichts Neues, so wie zwei Lippen noch keinen Mund ergeben. Zu den Fundamentalbedingungen des Gedichts gehört offenbar die Kommunikation (also zum Sprecher, dem „Ich“, gehört mindestens ein Adressat, das „Du“, und vice versa), zu den Bedingungen seiner Verhinderung gehört das Schweigen. Möglichkeit und Unmöglichkeit des Gedichts sind ferner vom historischen Wandel und von bestimmten politischen Konstellationen (hier: von der Regentschaft der Prinzessin Liu Qi) abhängig.
Eine solche Inhaltswiedergabe ist allerdings durch radikale Vereinfachung und Glättung des viel komplexeren Märchens zustande gekommen. Im Grunde entzieht sich „Ma Xi San“, wie viele andere Texte von Simon Werle auch, dem glatten Resümee in einer Rezension. Der Stil gewinnt hier selber eine Erkenntnisqualität, indem er sich weigert, es der „realistischen“ Literatur nachzutun und die Vielschichtigkeit der Wirklichkeit unendlich zu reduzieren und sie dadurch zu verfehlen.
In vielen Erzählungen, deren Schimären halb im geheimnisvollen Sfumato verschwinden, wird die düster-bedrohliche Phantastik der Spätromantik abgerufen. Die ausufernde Metaphorik (mit ihren teilweise aufdringlichen Genitivkonstruktionen) und der pathetische Gestus in „Hermes“, die Darstellung des Wahnsinns in der Titelerzählung, Ickstatts Mystifikationen, die Epiphanie der Wörter in „Outis Tissue“ und die fast genußvolle Schilderung grausamer Rituale in „Ras Tamra“ entwerfen eine bizarre Realität. Der plötzliche Einbruch des Schrecklichen in eine fast märchenhaft schöne Welt („The River“) erinnert entfernt an Poe, Baudelaire oder an den frühen Jünger („Das abenteuerliche Herz“), der Surrealismus und andere Stilrichtungen der klassischen Moderne haben hier Pate gestanden.
erschienen in: Süddeutsche Zeitung Nr. 297 vom 24./25./26.12.1988.
