Die blanke Knospe des Schädels. Friederike Mayröckers Gedichtband ‚Winterglück’
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Rezension von Lutz Hagestedt
DIE BLANKE KNOSPE DES SCHÄDELS
Friederike Mayröckers Gedichtband ‚Winterglück‘
EIN GLEICHES
der weiße
Seidenspitz auf der
Fensterbank; ich, ihn umhalsend,
mit Vaters Mütze, die fällt
mir tief ins Gesicht; daneben
im violetten und weißen
Rüschenkleid die schöne
Großmutter, lächelnd –
beim Magnesiumlicht des Vaters
zucken wir alle
zusammen; begraben
alle, ich
lebe
Kein einfacher Text. Das Ich betrachtet eine Photographie, auf der es mit Seidenspitz und Großmutter abgebildet ist. Beschrieben wird nur, was sofort ins Auge fällt: das Erschrecken vor dem Blitzlicht, das auffällige Kleid der Großmutter, die Mütze des Vaters. Die lückenhafte Beschreibung hebt den Eindruck spontaner Rede hervor; auch das Präsens und die Hauptsatzstellung im Nebensatz („die fällt mir tief ins Gesicht“) betonen das situative Sprechen. Dennoch ist es selbstverständlich unzulässig, hier eine hübsche biographische Geschichte zu erfinden und das lyrische Ich stillschweigend mit Friederike Mayröcker zu identifizieren. Wer so verfährt, gibt sich zu schnell zufrieden und läßt sich dazu verleiten, den Text und die Autorin nicht ernst zu nehmen; der erkennt nicht, daß sich das Gedicht längst von seinem Anlaß gelöst hat und ein eigenständiges Kunstwerk geworden ist. Denn das Gedicht suggeriert jenes unmittelbare, situative Sprechen nur, in Wirklichkeit aber haben wir es mit einem genau kalkulierten Text zu tun.
Das „begraben alle, ich lebe“ zeigt den Tod von Vater und Großmutter an; es schmeckt nach Bedauern und Trauer, bekommt jedoch eine ganz andere Klangfarbe, wenn man die Anspielung auf das Goethegedicht ‚Über allen Wipfeln ist Ruh‘ (‚Ein gleiches‘ 1780) berücksichtigt. Dann lesen sich die letzten Zeilen „begraben alle, ich lebe“ wie ein trotziges Aufbegehren gegen die letzten beiden Verse bei Goethe: „Warte nur balde, / Ruhest du auch“. So gelesen wäre das unbestimmte Ich im Mayröckergedicht identisch mit dem unbestimmten „Du“ im Goethegedicht. Und wir hätten hier die phantastische Korrespondenz zweier Texte, die mehr als 200 Jahre auseinanderliegen. Und wir könnten spekulieren, daß zugleich mit der Titelanspielung ein ungeheurer Anspruch der Autorin sichtbar wird, ein ‚Das-kann-ich-auch‘, und ein Versuch, dem Vorbild und Konkurrenten Goethe „ein gleiches“ entgegenzusetzen. (Besonders pikant ist in diesem Zusammenhang noch, daß man auch Goethes Gedicht beharrlich als „Erlebnislyrik“ mißverstanden hat; genau wie sein Gedicht ‚Erwache, Friederike‘ 1771.) Friederike Mayröckers vollendetes Gedicht hat gar nichts Experimentelles, gar nichts Innovatives an sich, es betont im Gegenteil durch Rückbindung an die literarische Tradition das Herkömmliche. Und dennoch ist es originell. Der vorliegende Gedichtband zeigt beispielhaft, daß die österreichische Autorin die Mittel der ‚neuen‘ und auch der ‚alten‘ Poesie gleichermaßen souverän einzusetzen vermag. Ihre Dichtkunst lebt von der Spannung zweier gegensätzlicher Pole, die oft innerhalb eines Gedichts miteinander konkurrieren: alte versus neue Poesie, Traditionalität versus Originalität, Epigonalität versus Avantgardismus, konventionelles versus engagiertes Sprechen, „schöne“ versus konstruierte Poesie.
ANTWORT UND FRAGE
nur noch von Nesseln
genährt, ganz weiß geworden flog
er über die Felder Kielwasser offene
Brust –
vom Parnaß das weiße
Leuchten auf dunklem
Foto der weiße glänzende Fleck sein
lachender Mund:
wohin
fragt der Verkäufer im
Hutgeschäft, mag Ihr Vater
verzogen sein ich sah ihn lange
nicht mehr
Der Sinn erschließt sich besser, wenn man den zweiten und Frageteil vor dem ersten und Antwortteil liest: Der erste Teil des Gedichts beantwortet die Frage im zweiten Teil; die Überschrift stiftet den Zusammenhang zwischen beiden. Sie erlaubt es, in der zeitlichen Abfolge von heterogenen Zuständen ein Zuerst und ein Danach zu bestimmen; sie benennt aber nicht nur die inhaltlich verdrehte Reihenfolge, sondern auch die stilistische: der neue, ‚engagierte‘ Text kommt vor dem alten, ‚konventionellen‘. Hier werden zwei Sprachschichten nicht montiert, sondern direkt nebeneinandergestellt; sie sind gleichwertig.
Die Frage des Verkäufers wird referiert; das „ich sah ihn schon lange nicht mehr“ deutet schon auf den Tod des Vaters leise hin. Im ersten Teil des Gedichts – wiederum wird eine Photographie betrachtet – ist die Metempsychose/Metamorphose des Vaters zum weißen Seelenvogel bereits vollzogen: Er fliegt, leuchtend und von Nesseln genährt, über die Felder. Es ist ein menschenähnlicher Vogel, wie sein lachender Mund belegt. Da wir aber die Lehre von der Seelenwanderung nicht mehr so recht glauben können, fungiert der Vatervogel zugleich als Literaritätssignal, so daß im Text der Gegensatz von ‚Literatur‘ (Antwort) und ‚Realität‘ (Frage) aufgebaut wird. Friederike Mayröckers späte Lyrik neigt dazu, alles zu beleben und alle Formen des Lebens in Beziehung zu setzen, zu verschmelzen. Aus allem, was sie sieht, macht sie Bilder. Alles wird, wenn auch nicht direkt menschlich, so doch menschenähnlich. Köpfe und Blütenstände, Arme und Äste, Füße und Wurzeln werden in einer reichen Bildersprache verknüpft.
IM GARTEN VON BADEN
meine Gehirn-
sporen in der Minderheit, Diaspora
Samen mit roten
Herzwellen Rosen,
zersplittertes
Ohr fast ohne
Fußwurzel
Friederike Mayröcker: Winterglück. Gedichte 1981 bis 1985. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1986, 143 Seiten.
erschienen in: Lesezeichen. Zeitschrift für neue Literatur und Kunst. Herbst 1986. S. 7-8.
