Die Wissenschaft von der Poesie - Heinz Schlaffer: Poesie und Wissen
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Rezension von Lutz Hagestedt
Die Wissenschaft von der Poesie
Ein Philologe schreibt die Geschichte seiner Disziplin
Heinz Schlaffer: Poesie und Wissen. Die Entstehung des ästhetischen Bewußtseins und der philologischen Erkenntnis. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 1990. 249 Seiten.
Im Zeitalter Homers, so beginnt Heinz Schlaffer sein Buch, sei alle Wissensvermittlung über die Poesie gelaufen, das heißt vor allem über Homers Epen. Später dann ließ Platon Sokrates über die communis opinio spotten, daß die „Grundlage aller Wissenschaft bei Homer (zu) finden“ sei. Denn die verschiedenen Wissensmengen überstiegen die Kompetenz der Schamanen, Propheten, Sänger und Dichter, schon gar die eines einzelnen, und verlangten nach der Ausdifferenzierung in überschaubare Wissensgebiete und nach der Trennung von praktischem und theoretischem Wissen.
Die Unterscheidung zwischen der Dichtung und der Wissenschaft von ihr gewann paradigmatischen Charakter für andere Wissensgebiete und Techniken. Als dann ein selbständiges Wissen außerhalb der Poesie möglich war, konnte sich auch ein Wissen über Poesie bilden. Zum produktiven Dichter und reproduktiven Sänger kam ein dritter hinzu, der interpretierende Philologe. Zwei Teildisziplinen entstanden neu, die Poetik, welche das theoretische Wissen über die Dichtung im ganzen umfaßte, und die Philologie, welche die mehr handwerklichen Strukturen der dichterischen Werke im einzelnen untersuchte.
Das Fiktionsbewußtsein konnte nur aus dieser theoretischen Beschäftigung mit der Poesie entstehen, „poetische Wahrheit“ konnte sich manifestieren, ohne als Lüge verdächtigt zu werden. Und weil sich die Poesie nicht mehr auf die göttliche Eingebung berufen konnte, sondern nur mehr auf menschliche Vernunft, mußten die archaischen Formen mythischen Wissens in den Hintergrund treten, denn sie wurden nicht mehr ohne weiteres geglaubt. Es ist ein Phänomen, daß sich die auktoriale Erzählposition als „erlaubte Fiktion literarischer Technik“ halten bzw. etablieren konnte. Ein Bewußtsein dafür entstand, daß literarische Kunstwerke sekundäre modellbildende Systeme sind, die sich ihre Realität selber schaffen, deren Übereinstimmung mit der realen Wirklichkeit keine Relevanz hat oder haben muß.
Die Umschlagstelle zwischen Realität und Fiktion hat sowohl den Laien als auch den professionellen Philologen chronisch Schwierigkeiten bereitet; selten gelang es, hinreichend zwischen dem Autor und seinem Text zu differenzieren. Fast immer wurde versucht, aus der Perspektive des produktiven Autors zu argumentieren, was notwendig spekulativ bleiben und zu – bestenfalls – unverbindlichen und häufig auch falschen interpretatorischen Ergebnissen führen mußte.
Vollständig lernt das Publikum die Lektion also nie, und besonders die Philologie hat sich von Anfang an schwer getan, vorwissenschaftliche Argumentationsstrukturen aufzugeben und sich als Wissenschaft zu etablieren. Ein Grund dafür mochte wohl sein, daß sie den Anschein erweckte und heute noch erweckt, daß sie sich nahezu voraussetzungslos betreiben ließe, wie sich am Problem „Bildung einer Fachsprache“ zeigen läßt: viele Laien glaubten und glauben, der Philologie hineinreden und ihr eine Fachsprache ausreden zu können. Viele Versuche, eine wissenschaftlich begründete Metasprache zu entwickeln bzw. die rudimentär vorhandene weiterzuentwickeln, wurden und werden abgewehrt und unter den Verdacht gestellt, hier wolle sich ein exklusiver Zirkel einen Elfenbeinturm errichten.
Während in den anderen Wissenschaften, vor allem in den Naturwissenschaften, das Publikum bereit war und ist, eine Metasprache zu akzeptieren, sie zu lernen, mit ihr umzugehen und sie weiterzuentwickeln, wurde hier vielfach ausgewichen: es gelang vielfach nicht einmal die traditionellen Begriffe der Philologie besser zu definieren. Zweifel an einer wissenschaftlichen Fachsprache haben freilich auch jene, die glauben, daß damit eine Kluft zwischen der Literatur und ihrer Wissenschaft entstehe, eine Kluft, die es ja gerade zu überbrücken gelte. Die bekanntesten Vertreter – früher waren es Friedrich Gundolf, Max Kommerell, Karl Reinhardt, heute heißen sie Baudrillard, Derrida oder Lyotard – betrieben, Heinz Schlaffers zufolge, eine „poetische Wissenschaft“, schreiben lieber „dichterische Essays“ als sich wissenschaftlicher Argumentationsstrukturen zu bedienen.
Schlaffers Vorschlag zu einer „philologischen Zwischensprache“, welche sich aus didaktischen Gründen an das je besondere literarische Kunstwerk paraphrasierend anlehnt, kann allenfalls im Bereich der Editionsphilologie Überbrückungshilfe leisten, sie ermöglicht jedoch keine Übertragbarkeit der so gewonnenen „Begriffe“ auf andere Texte und Textgruppen.
Im weiteren Verlauf seines Buchs versucht Heinz Schlaffer zu zeigen, wie es zur Ausbildung eines ästhetischen Bewußtseins gekommen sei. Hier wird die Herkunft der ästhetischen Erfahrung aus der religiösen Praxis behauptet; der ursprünglich sakrale Zweck der Kunst sei dann überflüssig geworden, aber die Mittel seien virulent geblieben. Ein befriedigender Ansatz zur Erklärung des Ästhetischen und zur Entstehung einer Theorie der Kunst, eben der .Ästhetik“, ist dies sicherlich nicht. Denn zuvor mußte doch noch belegt werden, daß Formen, die religiöse Inhalte transportieren, ohne weiteres in künstlerische Formen umsemantisiert werden könnten, was wiederum voraussetzen würde, daß Kunst intensional definiert undefinierbar wäre. Vermutlich leitet sich Heinz Schlaffers Ansatz von der Klasse der „idealistischen Ästhetiken“ ab, die immer auf die metaphysische Relevanz schielen, wenn sie Regeln der und für die Kunst formulieren. Aber das ist eben nur eine Teilmenge der Ästhetiken, die von der ursprünglich kultischen Funktion aller Kunst ausgeht.
Stärker wird sein Buch, wo es die weitere Entwicklung der Philologie, ihre herausragenden Vertreter (darunter Christian Gottlob Heyne, Johann David Michaelis, Bernhard Suphan) und ihre editorischen Glanzleistungen in den Blick nimmt. Nicht alle Philologen sind freilich ihres Tuns so recht glücklich geworden. Bernhard Suphan etwa türmte im Februar 1911 einige Bände seiner berühmten Herder-Ausgabe zu einem Stapel auf, „um sie zu ersteigen und, sie mit den Füßen wegstoßend, seinem Dasein, an dem er verzagte, selbst ein Ende zu setzen“.
erschienen in: Süddeutsche Zeitung Nr. 135 vom 15.6.1990.
