Die Venus im Entwicklerbad - Julian Schutting: Aufhellungen

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Rezension von Lutz Hagestedt


Die Venus im Entwicklerbad

Lyrische Texte von Julian Schutting

Julian Schutting: Aufhellungen. Residenz Verlag, Salzburg und Wien 1990. 90 Seiten.

Motive aus der Photographie treten bei Julian Schutting häufiger auf, in den Prosabänden „Tauchübungen“ (1974) und „Sistiana“ (1977) und jetzt erneut in „Aufhellungen“. Die Photographie ist dabei Tremendum und Fascinosum zugleich, sie kann Schreckliches enthüllen wie in dem kurzen Capriccio „Diapositive“ (1974) oder Momente des Glücks verschaffen wie in „Aufhellungen“. In Schuttings jüngstem Text, der ohne Gattungsbezeichnung auftritt und am ehesten als Langes Gedicht bzw. Dialoggedicht zu klassifizieren ist, wird eine Laborsituation nach einem Opernbesuch dargestellt. Ein Musikenthusiast, der sein Objekt der Begierde während der Standing ovations auf den Film gebannt hat, steht nun vor dem sanft schaukelnden Entwicklerbad und erwartet die Geburt der Venus aus dem Photopapier. Man stelle sich vor, welch ein Demiurgengefühl es wäre, eine Brigitte Fassbaender in der Rolle des „Rosenkavalier“ neu und ganz für sich selbst zu erschaffen:

sie Unsichtbare in eine Wanne zu stoßen,
tief einzutauchen, im Schlaf sie zu wiegen,
daß schaukelnde Wellen ihr verhülltes Bild
die weiße Decke zu durchdringen bewegen,
ganz langsam muß sie dem. Meer entsteigen,
aus blassen Sanden zu allmählich lesbarer
Gestalt sich zusammenschließen

Mit Kunst wird hier auf Kunst reagiert, wird die Freude, die immer nur aus dem eigenen Rezeptionsakt entsteht, in Worte gefaßt und in Verse gebrochen, aber ein hoher, nicht selten preziös anmutender Stil ist der Preis für diese große Kunstanstrengung.


© LUTZ HAGESTEDT


erschienen in: Süddeutsche Zeitung Nr. 204 vom 5.9.1990.
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