Die Siebensachen des Erzählers
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Die Siebensachen des Erzählers
Nachwort von Lutz Hagestedt
zu Die sieben Sachen des Sikh von Ernst Augustin
Der Erzähler Ernst Augustin ist ein Meister der großen wie der kleinen Form. In seinen großen Romanen stecken viele Mikrogeschichten, kleine Schöpfungen eigentlich, voller Anmut und Schönheit. Eine Fülle von Geschichten, die, stellt man sie neu zusammen, dem Leser eine staunenswerte Wunderwelt erschließen, eine bunte Welt voller Ernst und Komik, Lebenserfahrung, Sinnlichkeit, Anmut, Eleganz und - Weisheit. Für Ernst Augustins Erzählen sind wichtig: das Verhältnis und das Wechselspiel von Innen und Außen, von Traum und Wirklichkeit, von erlebter und imaginierter Realität. Seine Fabulierkunst erzählt von innerer Weitläufigkeit, innerem Reichtum, entgrenzter Fantasie, kurz: von einer Fülle der Vorstellungswelt, die von keiner Realität je eingeholt werden kann. Doch die Fantasie, dies scheint uns der Erzähler Ernst Augustin auch zeigen zu wollen, durchdringt die Realität in einer Weise, daß es noch gar nicht ausgemacht ist, wo eigentlich genau die Grenzen der Wirklichkeit und damit auch die Grenzen der Person verlaufen. Zwischen Fakten und Fiktionen, zwischen realer Welt und Vorstellungswelt scheint gar keine klare Grenzziehung möglich zu sein, so sehr bedingen sich beide Seiten. Im ersten Teil dieses Buches stehen daher Texte, die einen Schwerpunkt auf die Spiegelbildlichkeit aller Erfahrung legen. "Der verlorene Sohn" zum Beispiel, die Eingangssequenz aus dem 1963 erschienenen Roman "Das Badehaus", enthält schon die Exposition des großen Themas, das Ernst Augustin von Beginn an in den Mittelpunkt seines Schreibens stellen wird. Es geht darum, die Gleichrangigkeit, wenn nicht Überlegenheit der Innenwelt gegenüber der Außenwelt zu zeigen. Sie sinnlich, ästhetisch und poetisch zu zeigen. Ernst Augustin tut das so eindrucksvoll plastisch, so tiefernst komisch und unterhaltsam, daß man sein Werk nur als innere Bereicherung erfahren kann.
Die inneren Vorgänge nehmen in seinem Erzählen denn auch mindestens genauso viel Raum ein wie die äußeren Abläufe. Und wo er sich der Welt der realen Dinge widmet, dem Materiellen, dem Gegenständlichen, da tut er es mit soviel Ernst und Sorgfalt, Liebe und Respekt, Aufmerksamkeit und Genauigkeit, daß man glaubt, er habe die Dinge neu erfunden. Und natürlich ist sein literarisches Werk Schöpfung und Erfindung. Es ist der Versuch, zwischen all dem Mottenfraß der Welt ein bißchen Schönheit zu schaffen. Zwischen all der Trostlosigkeit Trost zu spenden.
Bei alledem ist Ernst Augustin kein "harmloser" Erzähler, kein freundlich-nachsichtiger Schönfärber. Ganz im Gegenteil. Wollte er nicht mit seinem Roman "Mahmud der Schlächter" (1992) eine von Beginn an durch und durch böse und grausame Figur erschaffen? Aber mit welchem Ergebnis! Und läßt er nicht schon zu Beginn seines Romans "Der amerikanische Traum" (1989) seinen kindlichen Helden sterben? "Der amerikanische Traum" erzählt, mit Ausnahme der kurzen Rahmenhandlung, eine nach innen verlegte Geschichte, ein nur gedachtes, nur virtuelles Leben. Aber was für ein Leben! Drei Kabinettstücke geben einen kleinen Einblick in diesen großen Roman. "Der Bus nach Limon" ist ein Beispiel für die geradezu slapstickartige Komik, die Ernst Augustin zu entfalten vermag. "Der große Yolk" ist ein Juwel Augustinscher Beschreibungskunst. Hier geht es um einen Baum, um nichts weiter als einen Baum, und doch: Es geht auch um die respektvolle Annäherung an die staunenswerte Persönlichkeit eines Baumes, an seine Autorität. Augustins Texte sind Offenbarungen. Virtuos erzählt er aus der Perspektive einer Löwenmutter, die sich eines Menschenjungen angenommen hat. Das mag zwar ganz und gar unwahrscheinlich sein, aber Autoren erzählen nunmal Unwahrscheinliches, und es ist ihre Kunst, uns von der Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit des Erzählten zu überzeugen. Ernst Augustin scheint es ein leichtes zu sein, uns die Irritationen der Löwin plausibel zu machen und uns ihre Sorgen teilen zu lassen. Eine jede Geschichte ist eine Grenzerfahrung: "Franz, die Eintagsfliege", ein Passus aus Ernst Augustins Roman "Gutes Geld" (1996), läßt sich als Inversion des pathologischen Waschzwangs auffassen, als Zwang, sich nicht zu waschen. Und den "Aufstieg" (aus "Raumlicht") liest man ernster, tiefer, wenn man versteht, wie besorgt der Erzähler um seine eigene "Erleuchtung" ist. "Der verlorene Sohn" ist lesbar als die Geschichte eines, der innerlich Rache nimmt für sein Scheitern und Versagen in der Welt.
Zum Erkunden und Abschreiten der Innen- und Außenbezirke der Realität gehört es für den Arzt und Psychiater Ernst Augustin ganz selbstverständlich dazu, der Geist-Körper-Dichotomie besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Erst als Arzt an der Ost-Berliner Charité, dann als Leiter eines Krankenhauses in Afghanistan tätig, wandte sich Augustin schließlich der Psychiatrie zu und vollzog damit den Schritt vom Körper zum Geist. Schon in seinem ersten Roman, "Der Kopf" (1962) thematisiert er die Schizophrenie. In seinem Roman "Mamma" (1970) führt er uns in einem quasi-historischen Exkurs den Chirurgus, den Körperarzt vor, der mit seinem Besteck die Alpen überquert, um in Italien bei schnell und hemmungslos operierenden Doctores in die Schule zu gehen. Neugier und Lust, Voyeurismus und Dilettantismus, Kunstfertigkeit und Überheblichkeit, Mitgefühl und Kälte bestimmen Augustins Ärztebild zu gleichen Teilen. Keine seiner Figuren ist eindimensional auf gut oder böse, Kompetenz oder Versagen festgelegt.
Man erfährt sie fast körperlich, diese medizinzynische Welt (Sloterdijk), und es ist wiederum bitter und komisch zugleich, wie hilflos alle plastische Chirurgie und alle Prothesenbaukunst vor der Natur ist und wie stumpf und seelenlos die Automatenmenschen und Junggesellenmaschinen agieren. Gleichwohl sind Augustins Arztfiguren innerlich Beteiligte, wie seine Groteske "Doktorspielen" zeigt: Hier scheitert Beffchen, der sechsjährige zukünftige Chirurg, bei seinem Versuch, Wollen und Können in Übereinstimmung zu bringen. Das ist zwar von ärztlicher Kunst weit entfernt und bestenfalls "gut gemeint", aber zugleich ist es von der tiefen Leidenschaft geprägt, die den Beruf als Berufung versteht. Beffchen, der seinen kerngesunden Bruder zu Tode kuriert, repräsentiert die Komik und Tragik der vormodernen Medizin. Schon als Kind trägt er die ganze Bürde der Medizingeschichte auf seinen schmalen Schultern. Wie seine historischen Vorbilder operiert er am Rande der Scharlatanerie und der Legalität. Ihm steht das bittere Schicksal vor Augen, als Kurpfuscher zwischen zwei Bretter gelegt und zersägt zu werden. Sein Bericht ist demzufolge auch ein melancholischer Exkurs in die Medizingeschichte: "Doktor Schnabel" wird Beffchen vermutlich nach den mittelalterlichen Pestärzten genannt, die in einem spektakulären Habitus vor ihre Patienten traten. Sie trugen eine lederne Maske mit einer schnabelförmigen Nase, die Augen hinter Glas verborgen, Hände und Körper durch ein geschlossenes Gewand geschützt. Sie versuchten ihren Beruf selbst unter widrigsten Verhältnissen auszuüben und das Wissen der Medizin zu erweitern. Die meisten der von Ernst Augustin angeführten Ärzte in "Doktorspielen" dürften Erfindungen sein - es hat sie nicht gegeben, aber es könnte sie gegeben haben. Der genannte Jakob Sülfert hingegen ist eine historisch verbürgte Gestalt (er lebte von 1478 bis 1555). Der Anatom und Pharmazeut sezierte als einer der ersten menschliche Leichen zum Studium der Anatomie. Auch sein Geiz ist historisch verbürgt. Auch im Falle von Raynier de Graaf (1641 - 1673) und Claudius Galenus (129 - 201) beruft sich Beffchen auf große Mediziner ihrer Zeit.
In "Raumlicht" erfolgt dann - auch literarisch - der Schritt vom Chirurgen zum Seelenarzt, der in einem Selbstversuch die Schizophrenie seiner Patientin Evelyne B. heilen wird. Was die Schizophrenen aus dem Kreis der Gesunden herauskatapultiert, wird bei Ernst Augustin als plötzliche Erkenntnis beschrieben: daß man lebt, obwohl es ja eigentlich nicht möglich ist. Er schildert diese Erkenntnis als ein Abrutschen in einen "kleinen Tod", verbunden mit der Angst, nicht wieder ins Leben zurückfinden zu können. Der Schizophrene ist, Augustins Theorie zufolge, "gespalten", weil er seinen Körper nicht begreifen kann. Derselben Theorie zufolge kann es kein schizophrenes Tier geben, weil Tiere in Übereinstimmung mit ihrem Körper leben. Ernst Augustin hat diese Übereinstimmung des Tiers mit sich selbst in einem wunderbaren Bild abgelegt: "Ich liebe und bewundere die Tiere, wie sie mit ihren kleinen Werkzeugen sich unter einem Stein einrichten, wie sie an einen schönen braunen Pelz glauben und ihn auch bekommen, und wie sie in ihrem Pelz unter dem Stein sitzen, in tiefer Selbstbesinnung selbst zum kleinen Gott werdend." ("Raumlicht") Es scheint mir überhaupt eine der herausragenden Qualitäten des Erzählers Ernst Augustin zu sein, daß er es versteht, selbst für schwierigste Sachverhalte einfühlsame, plausible Bilder zu finden. So vergleicht er das innere Gleichgewicht einer psychisch gefährdeten Person mit einem Tropfen, der ein Tropfen nur ist aufgrund einer geringen Oberflächenspannung. Berührt man die "Haut", wird die Einheit zerstört. Im Grunde sei, schreibt Ernst Augustin in "Raumlicht", zwischen Gesund und Krank keine Verständigung möglich. Gleichwohl kapituliert er nicht vor der Unmöglichkeit, die Schizophrenie zu verstehen und zu beschreiben, sondern er sucht und findet Alternativen, die "eine Art Verstehen" ermöglichen. Er erklärt dabei nicht, sondern überläßt die Erklärung dem Gefühl.
Vielfach ist der Seelenarzt nur ein funktionierendes Rädchen in einer medizinzynischen Welt. Die klinische Therapierung der Psychiatriepatienten wird in der Person des Oberarzt Foige als abgestumpft, der Idee fremd geworden und selbstgerecht verurteilt ("Stationsschwester Uraria"). Die mittelalterlich anmutende "Schocktherapie" geht entschieden über die Kräfte des mitfühlenden Assistenzarztes - und dem Leser an die Nieren. Auf diskrete Weise wird hier wiederum Medizingeschichte erzählt. Ein "experimentierfreudiger Herr", der noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Elektroschocktherapie systematisch betrieb, war Ugo Cerletti (1877 - 1963). Cerletti glaubte, durch Schocken würden sich im Blut Abwehrsubstanzen gegen Depressionen und Psychosen bilden. Aber was wußte man schon! Die Resultate dieser Therapie waren schwerste Defekte und Zerstörungen - wie sie Augustins Erzähler sachgerecht beschreibt. Verzweifelt über diesen Oberarzt Foige, der den Typus des empfindungslosen, phantasielosen, dummen Menschen repräsentiert, muß der Erzähler kapitulieren. Gegen Dummheit kann er nichts ausrichten, gegen Dummheit ist er machtlos: Er muß ausweichen. Dennoch vollzieht er keine völlige Trennung und Loslösung von der Psychiatrie, wie es plakativer und einige Jahre später Rainald Goetz in seinem Roman "Irre" (1983) getan hat. Sondern er geht einen eigenen, privaten Weg, beschrieben in dem eindrucksvollen Fallbeispiel der Evelyne B.
Bei Augustin wird die Frage nach der Einheit und dem Begriff der Person noch einmal gestellt - und zwar ganz grundsätzlich. Ich und Subjekt, Identität und Kohärenz sind zunächst einmal nur Behauptungen, Konstrukte, Zuschreibungen, "Lügen", um mit Robbe-Grillet zu sprechen. Die Nähe zum Nouveau Roman hat bereits 1962 Hermann Piwitt in seiner klugen Rezension von Augustins Roman "Der Kopf" festgestellt, und Augustin hat sie, vor allem mit dem "Badehaus", geradezu beschworen. Kennzeichen aller Romane Ernst Augustins ist, daß sie sich kaum auf eine Fabel reduzieren lassen. Die Histoire ist eben nicht eindimensional angelegt, sondern wird in zahlreichen Mikrogeschichten und Bruchstücken erzählt, die ihre eigene Handlungslogik entfalten, ohne sich darum zu scheren, ob sie mit der Gesamtkonstruktion übereinstimmen oder nicht. Wie kann, fragt man sich zum Beispiel, Kulle, der "General" in Augustins Roman "Mamma" (1970), eine ordensgesättigte Offizierslaufbahn einschlagen, wenn er schon als Kind im Hinterhofabort das Zeitliche segnet? Das geht einerseits nur, wenn man seine Erzählung "nach innen" verlegt und damit als eine Art Wunscherfüllungsfantasie begreift, vergleichbar der Konstruktion des "Amerikanischen Traums", oder aber wenn man das traditionelle Modell des Romans als einer in sich konsistenten und logischen Konstruktion außer Kraft setzt. Augustins Romane bilden ein ausgeklügeltes System von Thema und Variation, von konstanten und varianten Elementen. Jeder Roman ist quasi eine Versuchsanordnung, die in immer neuen Erzähldurchgängen auf ihre Brauchbarkeit, Stimmigkeit, Schlüssigkeit hin, auf ihren Ertrag, ihr Potential, ihren inneren Reichtum überprüft wird. In dieser Anthologie kann das System von Einzeltext und Textganzem, wie es innerhalb des Romans funktioniert, leider nicht gezeigt werden. Die langen Lebensschleifen, die sich durch den ganzen Text ziehen und erst am Ende schließen, bleiben hier unvollendet. Aber ein Beispiel sei genannt, wie Ernst Augustin auch den großen Bogen spannt. In "Mahmud der Schlächter" verliert der Titelheld auf grausame Weise seine Mutter: Ihr wird die Nase abgeschnitten, und wie Vieh wird sie später an einen durchreisenden Händler verkauft. Mahmud wird, ohne daß er eine Erinnerung an seine leibliche Mutter hätte, von einer Löwin großgezogen. Die Konstruktion des Romans ist nun derart, daß Augustin die Löwenmutter mit Merkmalen ausstattet, die es Mahmud viele Jahre und viele hundert Seiten später erlauben, seine leibliche Mutter zu erkennen - auch wenn es ein Irrtum ist. Das klingt kryptisch, aber es ist von Augustin zauberhaft eindrucksvoll und überzeugend entwickelt. Er spannt hier einen Bogen wie der große Zauberer Thomas Mann, er fasziniert und beglückt den Leser durch eine plötzliche, stringente Funktionalität der Bilder. Er läßt diese Bilder sprechen, statt sich mit spröden Erklärungen aufzuhalten, er führt mit traumwandlerischer Sicherheit zusammen, was zusammengehört - Umwegen und Manierismen nicht abgeneigt.
In diesem Lesebuch werden die Einzeltexte aufgrund inhaltlicher Kriterien neu gruppiert. Es ist jedoch auffällig, daß auch andere Ordnungen und Zuordnungen auf diesem Erzähltableau denkbar wären. So würde der Text "Käfersensation" auch zu den Innen- und Außenwelten passen, und "Stationsschwester Uraria" könnte auch bei den Sieben Schönheiten des Weibes ihren Auftritt haben. "Das goldene Auge" wäre auch im Kapitel Kleine Tode gut aufgehoben. Aber das zeigt ja gerade die generelle Relevanz dieser Themenbereiche in Augustins OEuvre, daß sie sich gegenseitig durchdringen, ergänzen, kommentieren - und zwar auf ganz evidente Weise. Bei einem Erzähler vom Range Ernst Augustins geht es natürlich auch immer um die Übereinstimmung von Inhalt und Stil, das heißt um die Form - die alles ist oder nichts. Er ist ein Meister der verschiedenen Ton- und Stillagen. So ist es eine Form von Lautmalerei, wenn er für "Doktorspielen" einen Oberarztton, für "Das Duell" einen elliptischen, soldatisch-preußisch-zackigen Erzählduktus und für "Jette" einen gargantuesken Übertreibungsstil entwickelt. "See, Schnaps, Schweden" ist folgerichtig in einer eigenartig schlenkernden, fast "besoffenen" Sprache erzählt, in "Blühende Geschäfte" spricht eine Kaufmannsseele, und der coole Undercovergestus von "Mr. Penivalkyi" könnte bei den Krimihelden Sam Spade und Mike Hammer abgelauscht worden sein. Augustin trifft den Ton so genau, weil er im Grunde seine Geschichten von innen her entwickelt und innere Abläufe erzählt. Selbst die eindrucksvollen Städtebilder, zum Beispiel Chinatown in "Das Geheimnis der chinesischen Küche", beschreiben im Grunde Innenwelten. Anstelle Londons könnte man auch "Harlem" sagen - es kommt allein darauf an, daß die Bilder plausibel und stimmig sind.
Was jedoch für plausibel, für normal, für gesund gehalten wird, was umgekehrt als krank oder verrückt interpretiert wird, hängt von der jeweiligen Kultur und ihrem Realitätsbegriff ab. Catherine Clément und Sudhir Kakar haben in ihrem eindrucksvollen Buch "Der Heilige und die Verrückte" (München 1993) zwei Parallelfälle beschrieben: Madelaine Le Bouc wurde 22 Jahre lang als bedauernswerte Irre in der Psychiatrie festgehalten. Der bengalische Mystiker Ramakrishna hingegen wurde als Heiliger verehrt, obgleich er dieselben Symptome zeigte. Genau diese Kulturrelativität von Gesundheit und Krankheit beschreibt Ernst Augustin in seinem Werk: Seine Protagonistin Evelyne B. gilt aufgrund ihrer psychischen und sexuellen Störungen als krank, obgleich sie mit Intelligenz, einem Reichtum der Gedanken und Klarsichtigkeit ausgestattet ist. Der Sikh, den der Reisende in "Salonklasse bis Madras" beobachten kann, gilt als gesund, obwohl er ebenso gefährdet ist und sich beinahe selbst verliert. Ein anderer Kulturkreis, ein anderes Verhältnis zu den Dingen, eine veränderte Einstellung zur Wahrnehmung - und schon ergeben sich ungeheure Verschiebungen und Möglichkeiten. Davon weiß Ernst Augustin wie kein zweiter zu erzählen.