Die Prinzessin mit dem Schweinerüssel - Erotische Gedichte von Barbara Maria Kloos ("Das Geschlecht der Engel. Erotische Gedichte"
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Rezension von Lutz Hagestedt
Die Prinzessin mit dem Schweinerüssel
Erotische Gedichte von Barbara Maria Kloos
Barbara Maria Kloos: Das Geschlecht der Engel. Erotische Gedichte. Mit vier Photographien von Ro Wülaschek. Edition fundamental, Köln 1989, Gellertstr. 31. 54 Seiten.
Zwei Jahre nach Erscheinen ihres ersten Gedichtbandes („Solo“, Piper Verlag, München, 1986) erhielt Barbara Maria Kloos einen schwärmerischen Leserbrief eines fünfzigjährigen Herrn, der, „gesättigt von Literatur und Frauen“, eine „unbekannte Lust“ verspürte, die Autorin kennenzulernen: „Ihre Brutalität (?) und ... (welch’ ungehöriges Wort), Ihre Geilheit lassen die erwünschte Gegnerin erhoffen. Sie sprechen gelassen aus, was sonst hinter Alkohol-Vorhängen und Prüderie-Fassaden verborgen bleibt.“
Barabara Maria Kloos hat diesen Verehrerbrief ihrem neuen Gedichtband beigegeben, es aber offengelassen, ob eine Begegnung mit jenem Mann von fünfzig Jahren zustande gekommen ist. So bleibt uns nichts anderes übrig, als unseren Voyeurismus auf die Sammlung „erotischer Gedichte“ zurückzulenken, die unter dem Titel „Das Geschlecht der Engel“ erschienen ist. Der Titel ist allein schon Ketzerei, da Engel als geschlechtslos gelten, die Tugenden verkörpern sollen und nur als himmlische Boten der unkörperlichen Liebe in Betracht zu ziehen sind. Hier freilich kann sich „Engel“ nur auf die „gefallenen Engel“, vor allem die Männer, beziehen, denn diese sind meist die Adressaten der erotischen Gedichte.
Die handlungsintensiven, pikanten, geistreich-frivolen, koketten, deftigen Texte haben vor allem die körperliche, die technische Liebe im Sinn, denn hier kann es – vorübergehend – Erfüllung und Befriedigung geben: Samson, der biblische Kraftmensch, wird zum Sinnbild männlicher Potenz. Die ideelle Liebe wird kaum angestrebt und noch seltener erreicht; statt dessen wird eine handfeste Verbalerotik betrieben, normalsprachliche Wendungen und Begriffe werden zu sexualsprachlichen metaphorisiert („Wenn endlich der Meister seinen Pinsel zieht“; „Honig aus deiner pißblonden Wabe“; „Du hast ein krummes Fingerlein“ et cetera). Das Paradigma der geschlechtlichen Liebe (Spielarten des Masochismus/Sadismus, Voyeurismus und Ecouterismus, lesbische Liebe et cetera) wird ausgeschöpft, einmal gelingt es sogar, Herz und Schmerz unanstößig zusammenzubringen.
Die Texte sind sprachlich und formal außerordentlich heterogen. Sie arbeiten mit Minimalpaaren („Leichtes Märchen/ Mädchen“), Slangwörtern, Lautmalerei, sie bauen Fremdtexte ein oder beziehen sich auf bekanntes Liedgut. Die maskuline Perspektive wird ebenso eingenommen wie die feminine, es gibt aber auch sprecherlose Texte und solche, wo die Perspektive ungeklärt bleibt. Die gebundene Rede, strukturiert durch Versmaß, Reim und Strophe, steht gleichberechtigt neben der ungebundenen:
Hut ab: Der Knabe gibt sich ungeniert.
Rasiert, poliert, die Hose reichlich
kleinkariert. Doch wie er unterm Tisch
hantiert, mit Blick auf blonde Hintern.
Man sieht: Der Typ ist nicht kastriert.
Er weiß, wie man sein Fleisch massiert.
Geschickt läßt er den Bürzel blühn,
bis aus den Karos Funken sprühn...
Oft, so auch hier, empfinde ich freilich die Diskrepanz zwischen der formalen Bravheit und der inhaltlichen Zügellosigkeit als unangemessen. Das sprachlich Vulgäre und inhaltlich Hemmungslose wird gekonnt, aber formal doch allzu bieder konterkariert. Diese Diskrepanz läßt sich nur bedingt aufheben, wenn man den Texten zugesteht, daß sie über die Form sich Distanz schaffen, Literaritätssignale geben müssen. Das Formale als Komplement müßte eigentlich signalisieren, daß es eben nicht angeht, der Autorin Briefe zu schreiben und ihr unzweideutige Angebote zu unterbreiten.
Zur Liebesthematik tritt also die Dichtungsthematik, doch formal bewältigt wird sie nicht. Kontraste zwischen groß und fein, defensiv und aggressiv, zart und behaart entstehen nur inhaltlich. Besonders deutlich wird das anhand einer Montage zweier Fremdtexte, nämlich eines Werbetextes für Erotica (vermutlich einem Beate-Uhse-Katalog entnommen) und eines (Teil-)Gedichtes von Ingeborg Bachmann („Erklär mir, Liebe“, 1956). Von beiden Texten wird alternierend je ein „Vers“ zitiert – weiter nichts. Die beiden „Kleinzyklen“ werden nicht ineinandergedreht, nicht syntaktisch miteinander verknüpft und dadurch auch nur geringfügig umsemantisiert. Das Ergebnis muß enttäuschen, es ist Ausdruck einer einseitigen Fixierung auf vitale, handlungsintensive Pragmatik und läßt es ganz entschieden an formalem Raffinement fehlen.
erschienen in: Süddeutsche Zeitung Nr. 178 vom 4./5. August 1990.
