Die Positiven gefährden die Welt. Herbert Achternbusch: Wohin?
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Rezension von Lutz Hagestedt
Die Positiven gefährden die Welt
Der neue Achternbusch-Reader als ein Akt ausgleichender Ungerechtigkeit
HERBERT ACHTERNBUSCH: Wohin? Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 1988. 359 Seiten.
Herbert Achternbusch hat sich entschlossen, auch das Positive dieser Welt zu würdigen – allerdings erst mal nur das HIV-Positive. In seinem neuen Film „Wohin?“ hat er eine Rolle mit dem (kürzlich verstorbenen) HIV-positiven Schauspieler Kurt Raab besetzt, was von der Filmkritik etwas sauertöpfisch aufgenommen wurde, und er hat eine Botschaft damit verknüpft, die keinen Abstrich vom Diskurs der Negativität erkennen läßt: „Nur die Positiven gefährden die Welt.“
Dem Achternbusch-Leser ist klar, daß er das unter verkehrten Vorzeichen lesen muß: Die Positiven, das sind für ihn die Obrigkeitshörigen, Strauß-Angehörigen und Parteizugehörigen, dazu die „sechzig Prozent Anarchisten“, die in Bayern die CSU wählen, die Gesundbeter, Leisetreter und Volksvertreter, die Kapitalisten, Karrieristen und Alibi-Christen – also die gesamte Negativauslese dessen, was Staat und Kirche mitsamt ihren Repräsentanten ausmacht. Die Positiven – so lautet die Essenz – gefährden mit ihrem Nationalismus den Weltfrieden, mit ihrer Staatsvergottung die Rechte des einzelnen und mit ihren religiösen Opiaten unser Seelenheil. Die Negativen hingegen verkörpern den Geist alles wahrhaft Positiven.
Zum Beispiel die Frauen in „Wohin?“ Sie sind bei Achternbusch die politisch Mündigeren, weil sie gegen jegliche Ordnung sind. Nur haben sie mit der Paradoxie zu leben, daß sie – gegen ihren Willen – das „Prinzip Ordnung“ repräsentieren müssen. Das liegt einfach daran, daß, wenn Kinder gezeugt werden, die Mütter sehr viel leichter zu bestimmen sind als die Väter. Über die Mütter kommt Ordnung ins System der genealogischen Verhältnisse. Wenn es die Frauen bei Achternbusch aber darauf angelegt haben, jegliche Ordnung zu unterlaufen, auch die natürliche, dann müssen sie auch versuchen, die Ordnung der verwandtschaftlichen Relationen zu stören. Sie streben eine vaterlose Gesellschaft an, indem sie promiske Verhältnisse eingehen, indem sie im sexuellen Bereich sehr darauf achten, daß „man nicht so genau gewußt hat, wer mit wem“. Durch die natürliche Fortpflanzungslinie ist jedoch eine relative genealogische Ordnung nach wie vor gegeben. Die Frauen müssen, also, wenn sie diese Ordnung nachhaltig stören wollen, zu weiteren Mitteln greifen: Sie sehen „seit Generationen gleich aus, und die gleichen Namen tragen sie auch immer, so daß sich keiner auskennt, nicht einmal die Behörden“. Der Text bildet diese Verschleierungstaktik genau ab, indem er eine schlüssige Rekonstruktion der Verwandtschaftsverhältnisse verhindert.
Die Männer hingegen sind für Ordnung, sie sind obrigkeitshörig und also „blöde“, sie arbeiten für/oder ziehen in den Krieg und glauben an ihren Führer. Nur im sexuellen Bereich sind auch sie unsichere Kantonisten: Sie neigen zur Promiskuität, sie wollen sich die Ehe ersparen, und Kinder gelten ihnen nur als „Nebenprodukt(e) von Liebe“.
Erotik, Sexualität – das ist bei Achternbusch also immer etwas, was positiv gesetzte Ordnungen in Frage stellt und unterläuft, und man ist erstaunt, mit welch bestechender Logik der „bairische Chaot“ Achternbusch das „Geschlechtliche“ als das anarchische Prinzip schlechthin funktionalisiert.
Das läßt sich auch an anderen Beispielen belegen, etwa an „Roshanas Licht“, der Erzählung von einem türkischen Backfisch, der seine jugendlichen Reize provozierend gegen den Religionslehrer ausspielt und ihn aus der Bahn wirft, oder am zweiten und wohl eindrucksvollsten „Wohin“-Kapitel (nicht identisch mit dem gleichnamigen Filmskript), das der Autor ganz offenkundig mit Daten seiner eigenen biographischen Realität ausgestattet hat: Herbert schreibt hier einige fiktive Briefe an Annamirl, mit der er in einer Josefsehe lebt, weil es im Bett nicht mehr so recht klappt. Seine nachgetragene Liebe bekennt er einer Abwesenden, die sich „für das Geschlechtliche einen anderen“ gesucht hat.
Die Sympathie der Texte gilt diesen lockeren erotischen Strukturen, auch wenn der einzelne Enttäuschungen hinnehmen muß, sie gilt den zum Teil undurchschaubaren Genealogien, den inzestuösen Beziehungen, den zufälligen Vaterschaften und den unehelichen Kindern. Sie gilt nicht den politischen Systemen, den herrschenden Verhältnissen, nicht dem CSU-Staat Bayern und nicht der katholischen Kirche. Daß beide Welten im Grunde untrennbar sind, kann Gefahr bedeuten, aber auch als Chance genutzt werden. Es kann immer wieder vorkommen, daß eine Frau einen Hitler zur Welt bringt, „wenn ein Mann ihn gezeugt hat“. Damit aber „Hitler und Konsorten“ keinen Nährboden für ihre Machenschaften haben, muß man „für die Abschaffung des Staates plädieren“ und für die Aufhebung der Ordnung sein.
Aufs neue wird also dem Staat und der Kirche und ihren Repräsentanten jegliches Existenzrecht bestritten. Die Mächtigen dürfen verlacht und beschimpft werden, weil sie – laut Achternbusch – sehr vielen Menschen Unrecht tun. Wenn Achternbusch ausfällig wird gegen die Mächtigen, wenn er die provokante These formuliert, daß die Finsternis immer dort am schlimmsten sei, wo sie gerade herrsche, nämlich im CSU-Staat, wenn er das Ende des Dritten Reiches leugnet, solange die CSU an der Macht ist, dann wundert man sich über seine Bausch-und-Bogen-Urteile, die um nichts weniger ungerecht sind als jene Ungerechtigkeiten, gegen die er sich zur Wehr setzt. Leider scheint es inzwischen so, als habe er sich mit seiner überzogenen Polemik selber auf ein Abstellgleis in die totale Wirkungslosigkeit geschoben, als könne sein Prinzip der ausgleichenden Ungerechtigkeit niemandem mehr weh tun. Der Name Achternbusch steht heute für ein Reservat der Narrenfreiheit und des Klamauks, in dem Literatur und Film alles sagen dürfen, was sonst nicht gesagt werden dürfte, und wo sie doch vor Reglementierungsversuchen weitestgehend geschützt sind.
In seinem letzten Film ließ er Gunter Freyse die zweite Strophe aus dem berühmten Benn-Gedicht „Levkoienwelle“ zitieren – es klang wie der bare Unsinn, und das Auditorium bog sich vor Lachen, aber es begriff nicht, daß hier ein Denkmal destruiert worden war. Es scheint so, als sei es Herbert Achternbusch nicht mehr möglich, noch etwas Ernstzunehmendes zu sagen, und das gibt uns allen Anlaß zur Sorge.
erschienen in: Süddeutsche Zeitung Nr. 264 vom Dienstag/Mittwoch, 15./16. Nov. 1988. (Literaturbeilage)
