Die Physiognomien der Wörter. Ralf Thenior: Die Nachtbotaniker. Acht Geschichten
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Rezension von Lutz Hagestedt
Die Physiognomien der Wörter
Acht Geschichten von RalfThenior
RALF THENIOR: Die Nachtbotaniker. Acht Geschichten. Michael Kellner Verlag, Hamburg 1986. 80 Seiten.
Die „Nachtbotaniker“ tragen wunderliche Namen und treffen sich an einem heißen Sommertag zu einem Bacchanal, dem geheimnisvollen „Volksmondfest“. Sie trinken „3-D-Pils“ und versuchen mit Hilfe von Drogen dem „entsetzlichen Wirklichkeitstunnel“ zu entfliehen. Ein außerrationales, kultisches Fluidum liegt über ihrem Fest, Behaglichkeit, Farbigkeit, unbeschwerte Heiterkeit breiten sich aus. Doch die Rauscherfahrung ist ambivalent, einer von ihnen, Vasco da Gummi, hat einen Horrortrip erwischt und ist genau in jenen entsetzlichen „Wirklichkeitstunnel“ hineingeraten, dem er gerade entkommen wollte.
Ralf Theniors Titelerzählung schlägt das Generalthema an, das in allen acht Geschichten dieses Bandes variationsreich durchgespielt wird. Es geht um das Verhältnis von Traum und Wirklichkeit, von Realistik und Phantastik. Die Gefährdung des Wahrscheinlichen durch das Irreale und Traumhafte ist für seine Kurzprosa konstitutiv. Thenior scheint jenem Lohnmaler aus der letzten Geschichte, „Abendstimmung in Melchior de Hondecoeter“, verwandt zu sein, der „berauscht von den Dünsten der Lösungsmittel“ das „chimärische Lächeln der Dinge in höchster Vollendung“ malen wollte. Der holländische Tier- und Landschaftsmaler Melchior de Hondecoeter (1636-1695) hatte sich auf Darstellungen von Hühnern, Wasser- und Zugvögeln spezialisiert, angeregt von einer flämischen Malerschule, die – ausgehend von einem genrehaften Realismus – traumhaft-phantastische Landschaften mit bizarr-exotischen Tierwelten hervorbrachte. Theniors Rekurs auf Hondecoeter ist jedoch nicht nur ein Spiel mit kulturellem Wissen, er benennt zugleich den Einfluß der bildenden Kunst, die seinen Stil wesentlich mitgeprägt hat. Thenior erzählt so lebhaft und plastisch, daß seine Geschichten wie verschriftete Bilder erscheinen. Auffällig ist vor allem die Nähe zur grellen Farbigkeit der Comics, der Pop Art und der Beatlyrik. Beim Wechsel von einer nicht-fiktionalen, realistischen Wirklichkeitserfahrung seiner Figuren zu einer fiktionalen Rausch- oder Traumerfahrung bedient er sich gern einer harten und übergangslosen Schnitt-Technik, die an die Panelstruktur der Comics erinnert. Seine oftmals knappe und außerordentlich präzise Diktion hätte auch in den Sprech- und Denkblasen der Bildergeschichten Platz: „Der U-Bahn-Rausch. Worte, Gesichter, Inschriften.“
An diesen Einflüssen liegt es auch, daß Theniors Sprache unterschwellig komisch wirkt, und zwar besonders dann, wenn sie in den geelen Klang des Plattdeutschen getaucht wird; die Titelgeschichte spielt irgendwo im niederdeutschen Raum zwischen Hamburg, Uelzen und Fallingbostel. Wie seine halbfiktive Malerfigur Hondecoeter hätte Thenior am liebsten „die Physiognomien der Wörter“ gemalt, „die Grimassen und Fratzen, die die Dinge verspotteten, weil deren ungleich viel schwerfälligere Bewegung wie Starre wirkte hinter dem frivolen Spiel der Laute und Zeichen“.
erschienen in: Süddeutsche Zeitung am Wochenende, 31. Januar / 1. Februar 1987, Nr. 25
