Die Perspektive des Täters. Hans-Jürgen Heise: Der große Irrtum des Mondes. Gedichte

aus Netzwerk-Literaturkritik, der freien Wissensdatenbank

Rezension von Lutz Hagestedt


Die Perspektive des Täters

HANS-JÜRGEN HEISE: Der große Irrtum des Mondes. Gedichte. Neuer Malik Verlag, Kiel 1988. 99 Seiten.

Die meisten Gedichte von Hans-Jürgen Heise erschließen sich sehr schnell – oder gar nicht. Worin „der große Irrtum des Mondes“ besteht, werde ich wohl niemals begreifen. Dagegen ist die mit dem Bild vom abgestürzten Flugzeug erzielte Symbolik für mein Gefühl zu naheliegend: „Mit dem senkrecht emporragenden Rumpf und den Querbalken der Tragflächen ist es sein eigenes überwuchertes Kreuz.“ So ein Bild auszusprechen, ist doch nichts weniger als trivial.

Nein, die besten und raffiniertesten Gedichte von Hans-Jürgen Heise halten eine Mittelstellung zwischen dem allzuschnell Begreiflichen und dem Unbegreiflichen ein: „Meine Toten wissen / daß ich gern / Gummibärchen esse // Sie haben Gummibärchen / Tüten voll Gummibärchen // So locken sie mich / wie Sittlichkeitsverbrecher / zu sich / ins Gebüsch.“

Der Text fasziniert durch seinen schwarzen Humor und vor allem durch sein frappantes Spiel mit den Perspektiven. Ist es nicht eigentlich der Triebverbrecher, der im Gebüsch hockt und seine Opfer mit Süßigkeiten zu sich lockt? Hier – in der Perspektive des offensichtlich wahnsinnigen Täters – werden die Relationen verkehrt, verwischen die Grenzen zwischen Täter und Opfer.

„Ausgestopfter Nachbar“ ist ein ähnlicher, ebenfalls nachhaltig irritierender Text mit einer tüchtigen Portion schwarzen Humors. Solche Gedichte ragen angenehm heraus aus dem bloß Schönen („In Fühlung“) und dem bloß Kitschigen („Epigramm“); solche Gedichte machen Lust, weiterzulesen.

© LUTZ HAGESTEDT


erschienen in: Süddeutsche Zeitung, Mittwoch, 06.04.1988. Nr. 79.
'Persönliche Werkzeuge