Die Lust der Armut - Friedrich Dürrenmatt: Durcheinandertal

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Rezension von Lutz Hagestedt


Die Lust der Armut

Mit Dürrenmatt ins „Durcheinandertal“

FRIEDRICH DÜRRENMATT: Durcheinandertal. Roman. Diogenes Verlag, Zürich 1989.176 Seiten.


Geld macht nicht glücklich, im Gegenteil, den Armen gehört das Himmelreich. „Und weiter sage ich euch: Es ist leichter, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als daß ein Reicher ins Reich Gottes komme“ (Matth. 19,24). Besitz, Reichtum gar, sind Lasten, von denen wir uns befreien müssen, um ins Himmelreich eingehen zu können und selig zu werden.

Friedrich Dürrenmatts neuer Roman beginnt mit einer bizarren Theologie. Entwickelt hat diese „Theologie der Armut“ ein gewisser Moses Melker, der – selber steinreich – von der Gnade der Armut überzeugt und vom Erlösungsgedanken seiner Heilsbotschaft fasziniert ist. Er möchte die Reichen von der Last des schnöden Mammons erlösen, damit sie der Gnade Gottes teilhaftig werden.

Ein Gangster-Syndikat nimmt den Gedanken auf, erwirbt im Schweizer Durcheinandertal ein Kurhotel für Millionäre und läßt es zum „Haus der Armut“ umbauen. Das Kurhaus floriert wie noch nie, die Allerreichsten aller Herren Länder quartieren sich ein, um wie die Ärmsten der Armen zu hausen. Sie schlafen auf Pritschen, die „von jeder Menschenrechtskommission mit Entrüstung für unzumutbar erklärt worden wären“, sie würgen das jämmerlichste Essen mit Begeisterung hinunter und erholen sich für einige Wochen von der drückenden Last des Reichtums, während ihre verwaisten Villen vom Syndikat ausgeraubt werden.

Die Bewohner des Bergdorfs im Durcheinandertal sind nicht glücklich mit der neuen Entwicklung. Bislang hatten das Kurhaus und das Dorf eine ökonomische Einheit gebildet. Das Dorf hatte sommers vom Fremdenverkehr gelebt, nun, da die Reichen und die Superreichen nach Armut drängen und sich selbst bedienen, ist das Dorf arbeitslos geworden. Wütend muß es zur Kenntnis nehmen, daß es – wörtlich und metaphorisch – auf der Schattenseite des Lebens angesiedelt ist.

Das Durcheinandertal ist „sonderbar verquer gestaltet“ und erinnert sehr an Karl Mays Körperlandschaften: Eine tiefe Schlucht, von einem Wildbach gesägt, von zwei steilen Felswänden begrenzt, beherbergt etwa achtzig Familien. Auf der Sonnenseite des Tals liegt das Kurhaus, auf der anderen Seite das Dorf selber, „wie an einen Schattenhang hingeschissen“. Wintersport kommt nicht in Frage, zu steil ist diese Talspalte am Arsch der Welt.

Im „Dorf der Unmut“ wächst der Ärger, als bekannt wird, daß die Mafia das Kurhotel in der Wintersaison als Unterschlupf für ihre meistgesuchten Killer nutzt, denn auch daran kann das Dorf nichts verdienen, ohnmächtige Wut staut sich auf und läßt den Wunsch entstehen, „Schluß mit dem Kurhaus zu machen, zu zerstören, niederzubrennen“. Auch Melker, der Missionar der Armut, dessen Name im Volksmund „Betrüger“ bedeutet, ist nicht glücklich. Sein Vorname „Moses“ und seine verquere Theologie auf der Basis einer höchst eigenwilligen Bibel-Exegese sind deutliche Hinweise auf eine strukturelle Ähnlichkeit mit der biblischen Moses-Gestalt: Genau wie Moses fühlt sich Melker als Mittler der göttlichen Offenbarung: Er soll die Reichen ins gelobte Land der Armut führen. Genau wie Moses darf Melker das gelobte Land selber nicht betreten: Der Reichtum fällt immer wieder auf ihn zurück wie der „Ring des Polykrates auf den Polykrates“.

In Dürrenmatts Roman wird überhaupt viel auf die christliche Mythologie angespielt, ohne daß der Text jedoch selber daran glaubte. Die göttlichen oder teuflischen Attribute werden den Figuren nur sprachlich zugeordnet, der ranghöchste Mafioso der dargestellten Welt, der „sagenhafte Boß der Bosse“, hat Eigenschaften, die traditionell auch dem christlichen Gott zugesprochen werden: er ist allmächtig, er ist persönlich nicht zu fassen und nicht „konkret“, seine Herkunft liegt im ungewissen, er ist unberechenbar und nicht einzuordnen et cetera. Auch die Anwälte des Syndikats (Raphael, Raphael & Raphael) tragen biblische Namen, der Sekretär des großen Bosses heißt Gabriel, der geniale plastische Chirurg, der die teuflischen Ganovenfratzen zu Engelsgesichtern modelliert, Michael. Michael, Gabriel und Raphael aber heißen die Thronengel, die Abraham und dem biblischen Mose erschienen sind.

Dürrenmatt-Leser werden sich kaum davon irritieren lassen, daß er ausgerechnet die Mafiosi mit biblischen Namen versehen hat, denn sein Œuvre thematisiert seit mehr als dreißig Jahren die allgegenwärtige Präsenz krimineller Macht, die an die Stelle des abwesenden Gottes getreten sei. Es kann uns auch nicht wundernehmen, daß in „Durcheinandertal“ keine einzige positive Figur auftritt, nicht einmal Moses Melker ist eine: Der sexuellen Lust, die in ihm wütet, sind bereits drei Frauen zum Opfer gefallen. Wo überhaupt Sexualität dargestellt wird in Dürrenmatts Roman, ist sie von „unbändiger Lust“, Gewalt und einer „monströsen Sinnlichkeit“ dominiert. „Das Stöhnen des Elementaren“ soll bis zum Waldrand zu hören sein, wenn sich Elsi, die fünfzehnjährige Tochter des Gemeindepräsidenten („mannstoll“ wie ihre Mutter), mit Big-Jimmy in der Milchpfütze vorm Kurhaus paart.

In dieser Rezension könnte der Eindruck entstehen, Dürrenmatts Roman sei auf einige wenige Figuren zentriert. Gemessen am Umfang des Textes tritt jedoch eine große Fülle von Figuren auf. Viele von ihnen wechseln laufend ihre Identität oder sind bis zur Auswechselbarkeit konturenlos: Ihre Unbestimmtheit, Unfaßbarkeit, Unberechenbarkeit ist ein zentrales Kennzeichen der dargestellten Realität. Die Schweiz, wird einmal gesagt, sei „das undurchdringlichste Land der Erde. Niemand weiß, wem was gehört und wer mit wem spielt, wer die Karten im Spiel und wer sie gemischt hat. Wir tun so, als ob wir ein freies Land wären, dabei sind wir noch nicht einmal sicher, ob wir uns überhaupt noch gehören.“

Auch das ist ein wiederkehrendes Motiv in Dürrenmatts Werk seit den fünfziger Jahren, daß die Machtverhältnisse im modernen Staat immer undurchsichtiger, immer abstrakter werden, daß die Funktionsträger der Staatsmacht und erst recht der parastaatlichen Gewalt der Verbrecher-Syndikate immer anonymer und eigenschaftsloser werden.

Dürrenmatts Roman ist außerordentlich dicht gewoben und dürfte den Schweizer Großmeister auf der Höhe seiner Erzählkunst zeigen. Er gehört nicht zu denjenigen Erzählern, die immer gleich alles an der Textoberfläche sagen wollen oder alles gleich bewerten müssen. Sein Roman fordert vom Leser konzentrierte Mitarbeit, denn so, wie es keine durchgängige Zentrierung auf eine Figur gibt, so gibt es auch keinen einlinigen Handlungsstrang. Der Leser muß von einzelnen Versionen einzelner Motive abstrahieren, damit ihm der Text nicht in ein „Bündel von Geschichten ohne Zusammenhang“ zerfällt. Das Erzählen wird häufig selber thematisiert, und das Postulat von Seite 21, daß „die Geschichte, die hier erzählt, wird (...) eine sowohl durcheinander- als auch durchgehende Geschichte“ darstelle, empfinde ich als voll und ganz eingelöst.

Friedrich Dürrenmatts Roman wird als eine Gesellschaftssatire voller Ironie, als eine Groteske mit holzschnittartigen Elementen der Räuberpistole in die Literaturgeschichte eingehen. Er steckt voller slapstickartiger Verwirrszenen, die offen lassen, was Bild und was Spiegelbild, was Realität und was Spiegelung der Realität ist. Zugleich muß „Durcheinandertal“ als ein absurdes Traktat über das theologische Problem der Gnade (auch ein Dürrenmattscher Dauerbrenner), als Versuch über das moralisch Gute und das moralisch Böse und als Auseinandersetzung mit den undurchschaubaren Strukturen der Welt von heute gelesen werden.

© LUTZ HAGESTEDT


erschienen in: Süddeutsche Zeitung Nr. 262 vom 14. November 1989.

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