Die Logik der Mythen. Claude Lévi-Strauss: Die eifersüchtige Töpferin
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Rezension von Lutz Hagestedt
Die Logik der Mythen
Ein Alterswerk von Claude Lévi-Strauss
CLAUDE LÉVI-STRAUSS: Die eifersüchtige Töpferin. Aus dem Französischen von Hans-Horst Henschen. Mit einem Dossier und farbigen Tafeln von Anita Albus. Greno Verlag. Nördlingen 1987. 400 Seiten.
Sehr häufig ist beobachtet worden, daß Menschen oder Menschengruppen nach sozialen Kategorien, etwa nach Modellen aus dem Berufsleben etc. definiert werden. So gelten in manchen Kulturen Weberinnen als geil und als gute Sexualpartnerinnen, die Barbiere als geschwätzig, die Priester als verfressen, gelten die Posaunisten als offenherzig, jovial, kumpelhaft, Oboisten dagegen als leicht verletzlich und heikel. Für die Persönlichkeitsmerkmale der verschiedenen Handwerksberufe hat Paul Sébillot Ende des 19. Jahrhunderts ein Inventarium zusammengestellt, die „Legendes et curiosités des metiers“, in dem die sozialen Kategorien gewissermaßen als „natürliche Arten“ behandelt werden.
Die „primitiven“ Völkerschaften beider Hemisphären Amerikas, denen das besondere Interesse des Alterswerkes von Claude Lévi-Strauss (geboren 1908) gilt, definieren sich häufig nach Modellen aus der Natur; oft sind sie in Clans eingeteilt, die Tiernamen tragen, und die Indianer glauben, daß eine physische und geistige Ähnlichkeit zwischen den einzelnen Clan-Mitgliedern und den jeweils namengebenden Tieren bestünde.
An Paul Sébillots „Legendes“ fällt auf, daß sie dem Töpfer/der Töpferin keinen genau bezeichneten Platz im System einräumen, obwohl die Töpferei doch zu den ältesten und wichtigsten Handwerken gerechnet werden muß. Eine so auffällige Nullposition im Inventar der beruflichen Idiosynkrasien bedarf der Interpretation. Hingegen spielt die Töpferei in den Mythen der Indianer vornehmlich des tropischen Amerika eine wichtige Rolle. Auch die Mythen stellen zwischen dem Handwerk und einer bestimmten psychischen Disposition eine Verbindung her: Sie assoziieren die Töpferei mit der Eifersucht. Mehr noch: Claude Lévi-Strauss kann aus einer verwirrenden Vielfalt von Einzelmythen und Mythenfamilien, deren inhaltliche und strukturale Analogien er herausarbeitet, belegen, daß das mythische Denken an eine vermittelnde Funktion der Töpferei zwischen den himmlischen Mächten einerseits und den irdischen andererseits glaubt.
Ein zentraler Mythos der Jíbaro-Indianer (berühmt für die Herstellung von Schrumpfköpfen) bildet den Ausgangspunkt der Untersuchung. Dieser Mythos gibt in allen seinen Versionen vor, den Ursprung der Gestirne, der Töpfererde, der Kürbisse als Kulturpflanzen und der Lianen des Waldes zu erklären. Zwei Versionen seien hier – in stark verkürzter Form – wiedergegeben: „Früher lebten Sonne und Mond gemeinsam auf der Erde. Mond war mit Auju (Nachtschwalbe) verheiratet, die alle reifen Kürbisse verspeiste und für ihn nur die grünen übrigließ. Verärgert kletterte Mond an der Liane, die damals noch die irdische mit der himmlischen Welt verband, zum Himmel empor. Auju folgte ihm, er aber ließ die Liane vom Eichhörnchen zernagen. Vor Schreck begann die Frau hierhin und dahin zu defäzieren, und jedes ihrer Exkremente verwandelte sich in eine Lehmschicht aus Töpfererde. Auju nahm Vogelgestalt an und Mond wurde zum Nachtgestirn. Seitdem wechseln Tag und Nacht miteinander ab.“
In einer anderen Version kommt das Motiv der Eifersucht mit hinein: „Einst hatten Sonne und Mond dieselbe Frau. Aôho (Nachtschwalbe) mit Namen. Aôho ließ sich gern von der warmen Sonne umarmen, verabscheute aber die Berührung von Mond, dessen Körper ihr zu kalt war. Mond grämte sich und stieg zum Himmel empor etc.“
Dieser Mythos über den Ursprung der Töpferei scheint „auf den ersten Blick geradezu mutwillig Termini zusammenzustellen (...), die in jeder Hinsicht heteroklit sind“. Doch Claude Lévi-Strauss gelingt es zu zeigen, daß er in allen seinen Versionen und Transformationen Invarianten enthält, die von der Logik des mythischen Denkens Zeugnis ablegen und Teil einer komplexen Eingeborenen-Genesis sind. Die kosmische Funktion ihrer Elemente steht zugleich zeichenhaft für ganz triviale Vorgänge bzw. Realitäten: Die Bahn der Gestirne kann organische Funktionen symbolisieren, die Erschaffung der Welt für die Herstellung von Tongefäßen stehen, die kosmischen Unruhen können häusliche Auseinandersetzungen abbilden etc. Die Bedeutung der Elemente ist jeweils nicht absolut gegeben, sondern erwächst aus ihrer Beziehung zu anderen Elementen, d. h. aus ihrer Stellung im System.
Wie schon früher setzt sich Lévi-Strauss auch diesmal wieder kritisch mit der Psychoanalyse auseinander. Aus dem obengesagten geht hervor, daß Freuds zeitweilige Suche nach der absoluten Bedeutung der Symbole verkennt, daß Bedeutung nur „positional“ bzw. „relational“ entsteht. Das Symbol erhält „seine Bedeutung aus dem Kontext, aus seiner Beziehung zu anderen Symbolen (...), die ihrerseits nur in der Beziehung zu ihm Sinn bekommen“. „Bedeuten“ heißt also immer nur, eine Beziehung zwischen Ausdrücken herzustellen. Das ist zugleich eine der wichtigsten Grundannahmen des Strukturalismus.
Damit hätten wir die drei zentralen Probleme, denen sich das vorliegende Buch stellt, bereits kurz umrissen: Zunächst beschreibt Lévi-Strauss eine ausgesprochen umfangreiche und vielfältige Menge nord- und südamerikanischer Mythen als Transformationen (Varianten) voneinander, gleichviel, ob die einzelnen Mythen in einer zeitlich-genetischen Relation (logischen Verbindung) stehen oder nicht. Mit Hilfe der häufig angewandten und sehr fruchtbaren Homologiebildung können nämlich auch Elemente aus ganz unterschiedlichen Objektbereichen, die keine gemeinsamen Merkmale haben, miteinander korreliert werden, wenn die Elemente des einen Bereiches in derselben Relation zueinander stehen wie die Elemente eines anderen Bereiches. So verhält sich etwa der Koch zum Jäger (im Bereich Kultur) wie der Aasfresser zum Raubtier (im Bereich Natur). Claude Lévi-Strauss vermag ferner zu zeigen, daß auch das mythische Denken bestimmten Regeln (inhaltslosen logischen Beziehungen) gehorcht, die mit Hilfe seiner Methode erschlossen werden können. Mit atemberaubender Souveränität scheint die strukturale Ethnologie/Anthropologie auch die komplexesten Beziehungen darstellen zu können. Sie zeigt sich darin anderen Methoden offensichtlich überlegen. Besondere Kritik gilt, wie gesagt, Freuds Psychoanalyse, von der Lévi-Strauss schreibt: „Als Untertitel von ‚Totem und Tabu‘ wählte Freud: ‚Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker‘. Auf den vorhergehenden Seiten habe ich mich eher bemüht zu zeigen, daß eine Übereinstimmung im Seelenleben der Wilden und der Psychoanalytiker besteht.“
erschienen in: Süddeutsche Zeitung Nr. 214 vom Fr, 16.09.1988. S. 46.
