Die Gruppe 47 und die DDR
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Die Gruppe 47 und die DDR
Der nachstehende Beitrag gibt einen Überblick über die Entwicklungen in der literarischen Ost-West-Verständigung. Es wird gezeigt, in welcher Form in und mittels der GRUPPE 47 Beziehungen ost- und westdeutscher Schriftsteller geknüpft werden konnten und mit welchen Schwierigkeiten die literarischen Austauschprozesse zwischen beiden deutschen Staaten verbunden waren.
Da die Treffen der GRUPPE 47 – bei denen sowohl „Schriftsteller österreichischer oder schweizerischer Nationalität“, als auch „fremdsprachige Schriftsteller aus West und Ost“ (Klaus Mampell: Die GRUPPE 47 – Umschlagplatz der Literatur. In: DER KURIER (Berlin) vom 29. Oktober 1959) vertreten waren – hauptsächlich in der Bundesrepublik und nur gelegentlich im Ausland stattfanden, gestaltete sich die Teilnahme ostdeutscher Autoren problematisch. Denn für eine Exkursion jenseits der Grenzen der im Jahr 1949 gegründeten DDR war ein Passierschein nötig beziehungsweise die Reisegenehmigung der Regierung. Diese wurde nicht ohne weiteres zuerkannt, zumal es sich bei den von Hans Werner Richter eingeladenen Autoren natürlich nicht um weisungsgebundene und linientreue Vertreter des Ulbricht-Regimes handeln sollte. Erwünscht waren eher Autoren wie Peter Huchel: Chefredakteur der Zeitschrift SIND UND FORM, die er „1948 im Auftrag Johannes R. Bechers übernommen und über die Grenzen des Kalten Krieges hinweg zu einem profilierten, avantgardistische Forum aufgebaut hatte“. (Vgl. hierzu: Richter 1997, 374. Anm. 6) Da Huchel nun aber nicht gerade Anpassungsbemühung zeigte und „alles drucken [ließ], was sonst in der SBZ und DDR als westlich-dekadent verpönt war“ (Mayer 1991, 198), waren ihm West-Reisen unmöglich. Erst die so genannte „Tauwetter-Periode“ (circa 1953 bis 1956) brachte auch für ihn nach langen Jahren Reiseerleichterungen.
Eine ‚Grenzüberschreitung‘ mit Folgen
So besuchte Peter Huchel im Oktober 1954 als erster Autor der DDR eine Tagung der 47er auf Burg Rothenfels am Main – was sowohl für die Gruppe als auch für Huchel selbst ein Ereignis war, zumal er dort auf Günter Eich traf, mit dem ihn eine langjährige Freundschaft verband. Die anfängliche Wiedersehensfreude schlug allerdings schnell um, denn die Teilnehmer der Tagung schienen in Huchel – wider Erwarten – einen Verteidiger des „real existierenden Sozialismus“ (Richter (Hg.) 1964, 105) gefunden zu haben. So blieb das „literarische Ost-West-Gespräch [...] leider in den Anfängen stecken“, wie Heinz Friedrich in seinem Bericht enttäuscht resümierte, „da selbst ein Mann wie Peter Huchel in starrer östlicher Meinungsuniformität verharrte“. (Heinz Friedrich: GRUPPE 47 am herbstlichen Main. In: Richter (Hg.) 1964, 105.) Allerdings war Huchel zu jener Zeit „in seinem Dorf total überwacht“ worden – was nur „Eingeweihte wußten“. (Richter (Hg.) 1964, 105.) „[S]eine Angst“ hatte ihn möglicherweise „verstummen lassen“ (ebd.) – selbst vor Freunden wie Günter Eich, der dann in einem Privatgespräch mit Huchel wohl versucht hatte, dessen wahre Haltung in Erfahrung zu bringen. Der Versuch endete jedoch „in politischen Streitigkeiten“ (Richter 1997, 416; einl. Kommentar) zwischen den beiden Autoren. Dass diese erste Bemühung um eine literarische Verständigung zwischen Ost und West gescheitert war, dürfte nun nicht ohne Rückwirkung auf Richters ‚Einladungspolitik‘ geblieben sein, denn „[e]rst 1960 erging erneut eine Einladung an einen Schriftsteller in der DDR“ (ebd.) – und zwar an Johannes Bobrowski.
Ost-West-Verständigung in und mittels der GRUPPE 47
Der Schriftsteller und Lektor aus Ostberlin, der im November 1960 in Aschaffenburg an seiner ersten Tagung teilnahm, „hielt in den folgenden Jahren den Kontakt zu Autoren in der Bundesrepublik aufrecht“ und „trug dazu bei, den Austausch zwischen Ost und West zu intensivieren“. (Ebd.) So suchte er etwa 1962 – nachdem Richter ihn zur Tagung im „Alten Casino“ am Wannsee geladen hatte –, Richter über einen Brief an Klaus Wagenbach (Verleger und zu dieser Zeit Lektor des S. Fischer Verlags) dazu zu bewegen, noch „weitere Autoren aus der DDR zur Berliner Tagung der GRUPPE 47 einzuladen“ (ebd.):
Wagenbach selbst befürwortete Bobrowskis Vorschlag sehr. Er war überzeugt „von der Idee, in und mittels der GRUPPE 47 Ost-West-Verständigung zu betreiben“ (ebd. 421) und präsentierte sie Richter brieflich. Dieser lehnte jedoch ab mit der Begründung, die Tagung sei „so überlaufen“, dass er „niemanden mehr einladen“ (ebd. 415) könne und wolle. Allein dies schien nicht der einzige Grund für die Absage zu sein. Wie das Antwortschreiben Richters zeigt, hatte sich der erste missglückte ‚Annäherungsversuch‘ von 1954 tief eingeprägt:
Wagenbach zeigte sich jedoch wenig beeindruckt von Richters Veto, und es gelang ihm, „zusätzlich Einladungen für Peter Huchel und Christa Reinig auszuhandeln; beide erhielten dann allerdings keinen Passierschein“. (Vgl. hierzu: Ebd. 422; einl. Kommentar.)
Also kam Bobrowski allein zum Jubiläumsfest der GRUPPE 47 in Berlin Wannsee – las und errang das Preisgeld. Die 7.000 D-Mark, die von vierzehn Verlagen gestiftet worden waren, konnte Bobrowski aber nicht persönlich entgegennehmen, da sein Visum „nur für zwei Tage gültig gewesen“ war; „erst am Montag durfte er wieder nach West-Berlin einreisen, wo er an [ein]er Signierstunde“ mit Autoren der GRUPPE 47 „in der Bücherstube Schoeller teilnahm“ (ebd. 428. Anm. 1), die vom Rowohlt-Lektor Fritz Joachim Raddatz initiiert worden war, um den Absatz des 1962 herausgegebenen „Almanach der GRUPPE 47“ zu steigern. (Vgl. hierzu: Ebd. 419. Anm. 3.) „Die Umstände der Abwesenheit Bobrowskis von der Preisverleihung wurden in der DDR-Presse verschleiert; die ‚NEUE ZEIT‘ berichtete lapidar, Bobrowski sei bei der Preisentscheidung nicht zugegen gewesen, weil er Enzensberger bei sich in Berlin-Friedrichshagen zu Gast habe“. (Vgl. hierzu: Ebd. 428. Anm. 1; vgl. hierzu ferner: Wieczorek 1999, 215; sowie Tghart 1993, 123, 128 u. 150 f.)
Dass ausgerechnet Johannes Bobrowski als ostzonaler Autor „nach einer Stichwahl gegen Peter Weiss“ (Richter 1997, 428. Anm. 1) den Preis der Gruppe gewonnen hatte, sorgte später für Mutmaßungen über ‚außerliterarische‘ Motive, die entscheidend gewesen sein sollen für diese Verleihung: Zum einen war die Preisvergabe als „ablehnende Reaktion auf die offensive Werbung Siegfried Unselds für seinen Autor Peter Weiss interpretiert“ (ebd.) worden; zum anderen aber hatte man diese Entscheidung vor dem Hintergrund der politischen Krisensituation (Cuba-Krise 1962/63) als „gezielte politisch Geste gegenüber der DDR“ (ebd.) verstanden.
Auch Wolfdietrich Schnurre – Schriftsteller, Redakteur und Kritiker – war der Ansicht, mancher habe geglaubt, „mit seiner Stimme für einen Ostberliner Autor die Mauer überwinden zu helfen“. (Wolfdietrich Schnurre: Verlernen die Erzähler das Erzählen? In: DIE WELT (Hamburg) vom 31. Oktober 1962.) Für Schnurre war das jedoch „ein böser Trugschluß“. (Ebd.) Man würde damit aus der „Verleihung ein unstatthaftes Politikum machen“, obwohl sie doch „einzig mit dem Dichter und Menschen Bobrowski zu tun“ habe, der den „Preis nicht geschenkt“ bekommen, sondern „ihn verdient“ (ebd.) habe.
„Allerdings wäre es noch weniger angebracht“, so Schnurre weiter,
„Die Mauer oder Der 13. August“
Obgleich nun Schnurres Kritik an der Zurückhaltung der 47er in Bezug auf die Tagung in Berlin Wannsee einigermaßen begründet schien, so war sie dennoch nicht in jeder Hinsicht gerechtfertigt. Der Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 hatte bei einigen Schriftstellern aus den Reihen der Gruppe ein gewisses publizistisches Engagement bewirkt (das später vermutlich abgeflaut war und sich ohnehin nicht mit dem intensiven Engagement Schnurres messen ließ, der mit der „politische[n] Linie seiner Beiträge zur öffentlichen Diskussion [...] häufig auf Kritik“ stieß). (Vgl. hierzu: Ebd. 353; einl. Kommentar.) So hatte sich Günter Grass bereits am 14. August 1961 in einem offenen Brief an Anna Seghers gewandt mit der Bitte, ihre Autorität gegen den Mauerbau einzusetzen. (Vgl. hierzu: Richter (Hg.) 1961, 62–64.) Am 16. August 1961 folgte ein weiterer offener Brief von Grass und Schnurre, in dem sie an die Mitglieder des Deutschen Schriftstellerverbandes appellierten,
Stephan Hermlin kam dieser Aufforderung am 17. August 1961 in einem offenen Brief nach:
Richter, der Hermlins Antwort in einem Brief an Schnurre als trostlos kommentierte (vgl. hierzu: Richter 1997, 355. Anm. 6), hatte sich ebenfalls Gedanken über eine vertretbare und wirksame Reaktion auf den Mauerbau und die damit verbunden politischen Entwicklungen in der DDR gemacht. Er entschied darüber zu schreiben beziehungsweise schreiben zu lassen. Die Sammlung von Dokumentationen über und um die Problematik der Berliner Mauer mit dem Titel „Die Mauer oder Der 13. August“ (1961) war allerdings nicht der einzige Weg, den Richter wählte.
Ab 1962 „verschickte er regelmäßig Einladungen in die DDR“, denen allerdings nicht immer zugestimmt wurde. (Vgl. hierzu: Ebd. Einl. Kommentar.) Auch 1964 „erhielten in der DDR lebende Autoren [...] Einladungen“ (ebd. 517; einl. Kommentar) für das in Sigtuna (Schweden) geplante Gruppentreffen.
Und tatsächlich schien der Brief Eindruck gemacht zu haben, denn „Kurt Hager, Leiter der Abteilung Kultur im ZK“ stimmte der Exkursion der geladenen Autoren zu. Allerdings wurde die Ausreise „ein [sic!] Tag vor der Abreise“ (ebd.) wieder verweigert. „Nur für Bobrowski konnte das Staatssekretariat für Kirchenfragen eine (verspätete) Ausreise erreichen; er traf erst zur Stockholmer Woche ein“. (Ebd.)
Im November 1965 sollten dann aber sieben Autoren der DDR infolge der „seit 1962 wiederholten Bemühungen Richters, Wagenbachs, Roehlers“ und anderer schließlich eine Ausreisegenehmigung erhalten: „Friedmann Berger, Franz Fühmann, Stephan Hermlin, Bernd Jentzsch, Günter Kunert, Karl Mickel [und] Rolf Schneider; Fühmann reiste allerdings nicht mit“. (Ebd. 556. Anm. 11.) Für Hans Werner Richter war diese Tagung, auf der mit Ausnahme Hermlins alle ostdeutschen Autoren Texte vorstellten, „ein hoffnungsvoller Anfang [...]; für ein paar Stunden lang sah ich eine neue Aufgabe für die ‚GRUPPE 47‘: die Einheit der deutschen Literatur“. (Neunzig (Hg.) 1979, 162 f.) Dies war allerdings „eine Illusion“ (ebd. 163), wie Richter feststellen musste. „Schon ein Jahr später setzten die Angriffe und Polemiken in der DDR-Presse gegen die GRUPPE 47 wieder ein“ – unter anderem infolge der Ereignisse um die „Tagung in der Universität von Princeton“. (Ebd.)
Zunächst einmal „hatte sich die kulturpolitische Situation in der DDR“ nach dem „11. Plenum des ZK der SED im Dezember 1965“ (Richter 1997, 592; einl. Kommentar) weiter angespannt. Regimekritiker wie Wolf Biermann, Manfred Bieler und Günter Kunert waren von staatlichen Repressionen betroffen und wurden „mit einem Publikations- und Auftrittsverbot belegt“. (Ebd. 556.) Dennoch lud Richter sie – wie auch einige andere DDR-Autoren – für das im April 1966 in der Universität von Princeton (USA) geplante Treffen der GRUPPE 47 ein, was nicht unbedingt zu einer Verbesserung der Ost-West-Verständigung beitragen sollte. Vielmehr wurde ihm von Seiten der SED-Funktionäre vorgeworfen, „seine Einladungen nach politischen Kriterien zu verschicken“, da „Autoren aus der DDR [...] nur zu Tagungen [...] eingeladen [würden], wenn sie als oppositionell gälten“ (ebd. 599. Anm. 3); und Stephan Hermlin empfahl, „den Kreis der DDR-Schriftsteller“, an dem sich die GRUPPE 47 interessiert zeige, zu erweitern – da das „den Realitäten [entspräche] und [...] allen zugute kommen“ (zitiert nach: Ebd. 598) würde. Allein, es ist fraglich, ob die Regierung der DDR tatsächlich in Betracht gezogen hätte, der Einladung eines ‚erweiterten Kreises‘ zuzustimmen. Möglicherweise ging es einfach nur darum, den Anschein zu erwecken; denn der Besuch der Vereinigten Staaten war „(ehemaligen) Kommunisten und Bürgern sozialistischer Staaten“ (ebd. 594. Anm. 3) von Seiten der US-amerikanischen Behörden zu diesem Zeitpunkt ohnehin untersagt.
Dem amerikanischen Literaturwissenschaftler Victor Lange, Professor an der Princeton University und Richters Gastgeber in Princeton, gelang es nun aber, eine Ausnahmeregelung durchzusetzen, so dass „Ende Februar die Einreisegenehmigungen sowohl an eingeladene Autoren aus der DDR“ als auch „an Übersiedler sozialistischer Staaten und an Ex-Parteimitglieder aus der Bundesrepublik“ (ebd.) vergeben wurden. Die DDR aber verweigerte den Autoren Wolf Biermann, Fritz Rudolf Fries, Franz Fühmann, Stephan Hermlin, Peter Huchel, Günter Kunert, Karl Mickel und Rolf Schneider die Ausreise in das „Erzland des Kapitalismus“. (Ebd.) Als Begründung für ihre Ablehnung gaben die DDR-Behörden an, Richter hätte nicht Einzelne einladen dürfen, sondern eine offizielle Delegation akzeptieren müssen“. (Ebd.) Auf den ebenfalls geladene Manfred Bieler hatte die DDR keinen Zugriff mehr, er „war gerade in die ČSSR übergesiedelt“ (ebd.); so hieß es schließlich im SED-Zentralorgan NEUES DEUTSCHLAND:
Dass Richter dann „lieber auf den großen Rummel als auf den Verzicht [setzte]“ (Jochen Ernst: Rowohlt wird unsicher. In: DEUTSCHE WOCHENZEITUNG (Hannover) zitiert nach: Richter 1997, 594 f. Anm. 3), und die Tagung in Princeton, die ohne ostdeutsche Vertreter auskommen musste, nicht absagte – wie vorübergehend erwogen –, schadete dem Image der Gruppe zusätzlich. So war neben der Ausreise regimekritischer DDR-Autoren aus der DDR ab Sommer 1966 nun auch noch die „Einreise westdeutscher Schriftsteller“ (Richter 1997, 628) beziehungsweise der 47er in die DDR unerwünscht, denn man betrachtete die Gruppe dort nicht zuletzt als „ein Anhängsel oder Propagandainstrument des westlichen Imperialismus“. (Richter 1979, 163.)
Quellen:
Die Gruppe 47. In Bildern und Texten. Hg. von Toni Richter. 2. Aufl. Köln: Kiepenheuer & Witsch 1997.
Die Mauer oder Der 13. August. Hg. von Hans Werner Richter. Reinbek: Rowohlt 1961.
Mayer, Hans: Der Turm von Babel. Erinnerung an eine Deutsche Demokratische Republik. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1991.
Hans Werner Richter und die GRUPPE 47. Hg. von Hans A. Neunzig. München: Nymphenburger Verlagshandlung 1979.
Johannes Bobrowski oder Landschaft mit Leuten. Eine Ausstellung des Deutschen Literaturarchivs im Schiller-Nationalmuseum Marbach am Neckar (15. 5.–31. 10. 1993). Hg. von Reinhart Tghart. Marbach am Neckar: Deutsche Schillergesellschaft 1993 (Marbacher Kataloge, 46.)
Mampell, Klaus: Die GRUPPE 47 – Umschlagplatz der Literatur. In: AACHENER VOLKSZEITUNG vom 30. Oktober 1959.
Richter, Hans Werner: Briefe. Hg. von Sabine Cofalla. München; Wien: Carl Hanser 1997.
Schnurre, Wolfdietrich: Verlernen die Erzähler das Erzählen? In: DIE WELT (Hamburg) vom 31. Oktober 1962.
Wieczorek, John: Johannes Bobrowski und die GRUPPE 47. In: The GRUPPE 47 fifty years on a re-appraisal of its literary and political significance. Hg. von Stuart Parkes und John J. White. Amsterdam, Atlanta: Rodopi 1999. S. 213–227.
(Zusammengestellt von Regine Elhs. Diese Auswahl ist von Studierenden im Rahmen eines Seminars zur Gruppe 47 getroffen worden. Überarbeitet von Susanne Bauer.)
