Die Courage des Feiglings. Der Brasilianer Antonio Callado stellt sich den deutschen Lesern vor
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Rezension von Lutz Hagestedt
Die Courage des Feiglings
Der Brasilianer Antonio Callado stellt sich den deutschen Lesern vor
ANTONIO CALLADO: Lucinda. Roman. Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Karin Schweder-Schreiner. Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln. 296 Seiten.
Die Erzähler Lateinamerikas haben ein schöpferisches Gedächtnis. Aus wahrheitsgetreuen Geschichten, noch warm vom Erleben und Erzählen, schaffen sie neue Mythen. Im 35. Kapitel von Antonio Callados Roman „Lucinda“ kann man nachlesen, wie ein Großteil der lateinamerikanischen Literatur entsteht. Da liegt zunächst einmal ein Ereignis vor und entzündet die Phantasie. Jeder legt sich einen Tathergang, eine Geschichte zurecht und fügt eigene Vermutungen und Schlüsse hinzu. Auch der Schweigsamste wird plötzlich redselig, und ein Erzähler von Gottes Gnaden hat alles beinahe noch selber gesehen und als Beinahe-Zeuge sein Scherflein beigetragen. Jeder empfindet sich als Garanten und Bürgen des Ereignisses, überhöht es und webt mit am Mythenteppich. Und es wäre ein Sakrileg, diesem poetischen Prozeß mit naturalistischer Genauigkeit entgegenarbeiten zu wollen. Ein durch subjektives Wahrheitsempfinden autorisierter Text entzieht sich rationaler Erkenntnis und baut neue Wirklichkeiten auf. In Fabeln gefaßt gelten sie dem Erzähler als amtliches Dokument.
Die Figuren des brasilianischen Romanciers - und Dramatikers Antonio Callado verfahren nach diesem Prinzip der schöpferischen Anreicherung von Wirklichkeit. Callado, 1917 im Bundesstaat Rio de Janeiro geboren, ist bei uns noch ein Unbekannter. „Lucinda“ ist sein erster ins Deutsche übersetzte Roman.
Nach dem gewaltsamen Tod von Lucinda findet Quinho keinen Frieden mehr. Noch immer fesselt ihn seine Leidenschaft an diese Frau, und sein, Gewissen wird erst Ruhe haben, wenn er ihren Tod gerächt hat. Nach zehn Jahren im Londoner Exil kehrt Quinho nach Brasilien zurück, um Rache zu nehmen. Im Pantanal, jenem Sumpfgebiet an der Grenze zu Bolivien, steht ihm der Kampf gegen seinen gefährlichsten Gegner bevor. Claudemiro Marques, der Schlächter von Raubkatzen, der Nonnenschänder und Priesterpfähler, besitzt dort ein schwer bewachtes Landgut. Das Landgut ist Ausgangspunkt wilder Jagden auf Jaguare, Tapire und Ozelots, hier werden die furchtbarsten Tierquälereien begangen, hier verschwinden spurlos Menschen, und hier wurde vermutlich auch Lucinda von Claudemiros Händen erdrosselt.
Unter dem Vorwand, ein Buch über Großgrundbesitz im Pantanal zu schreiben, verschafft sich Quinho Zugang zum Gelände. Seine Expedition gleicht einem Abstieg in die Hölle, er muß grausame Entdeckungen machen und spürt in einer Schinderhütte die verscharrten Leichen zweier argentinischer Frauen auf.
Sein zweiter Gegner, Juvenal Palhano, entspricht dem Typus des dekadenten, grausamen Ästhetizisten, dem Züchter fleischfressender Pflanzen, der sich an den Todesqualen der von ihnen eingefangenen Insekten erfreut. Vor nicht langer Zeit hat Palhano mitgeholfen, durch Folter jene umzubringen, deren Tod er anschließend bescheinigt hat, darunter den Tod von Lucinda. Seine Autopsie-Berichte haben bisher noch jede Leiche zum Sprechen gebracht.
Quinho, obgleich ein Nachfahre jenes tapferen David mit der Steinschleuder, meidet den offenen Kampf. Ein frühes Erlebnis hat ihn mutlos gemacht. Als Kind wollte er sich aus der Astgabel eines Guajavenbaumes eine Zwille schnitzen, aber sein Messer rutschte ab und zerschnitt ihm die Lebenslinie der linken Hand. Seitdem ist er zu einem seltsam dumpfen, autistischen, unentschlossenen Menschen verkümmert, der niemals an die Heldentaten seines Ururgroßvaters, des Lanzenreiters, anschließen konnte. Nein, Don Quinho von der traurigen Gestalt kämpft nicht selber: er kann nur dafür sorgen, daß seine Gegner Opfer ihrer eigenen Leidenschaften und Perversionen werden. So wird Claudemiro, mit Jaguarblut übergossen, von seinen eigenen Jagdhunden zerrissen.
Und die Blumen des Bösen (das Gift der Teufelstrompete) töten Juvenal Palhano.
Das Zögerliche in Quinhos Charakter und seine Unentschlossenheit finden ihre genaue Entsprechung im Stilistischen und Kompositorischen des Romans. Lang sind die Sätze, geschmeidig winden sie sich aus dem brasilianischen Portugiesisch hervor und stehen dann da, ein bißchen steif und ungelenk, aber sensibel und fruchtbar genug, um den nächsten Text zu erzeugen. Unendlich langsam, fast ermüdend entwickelt sich die Handlung weiter fort.“
Callados Roman verlangt vom Leser ein beträchtliches Maß an Aufmerksamkeit, da nicht chronologisch erzählt wird. Selbst Quinho hat immer größere Schwierigkeiten, aktuelles Geschehen und Erinnerung, Stimme und Echo zu unterscheiden. Er läßt sein Leben im Geiste rückwärts ablaufen. Zahlreiche Episoden werden wiederholt und aus verschiedenen Perspektiven geschildert. Trotz Unterstützung von Jupira, der physischen Entsprechung zu Lucindas Bild in seinem Innern, unterliegt Quinho in seinem Kampf gegen das Böse. Doch erlangt er die Gewißheit, Lucinda gerächt zu haben und wiedervereint zu werden mit ihr im Tode.
erschienen in: Süddeutsche Zeitung Nr. 125, S. 124 / Sa./So., 01./02.06.1985.
