Die Überflußgesellschaft. Martin Hielscher: Beckmann lernt schießen

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Rezension von Lutz Hagestedt


Die Überflußgesellschaft

Martin Hielschers Erzählung zur geistigen Situation der Zeit

MARTIN HIELSCHER: Beckmann lernt schießen. Erzählung. Nautilus/Nemo Press Verlag, Hamburg und Zürich 1988. 85 Seiten.

In seinem Aufsatz über „Das Leben der Studenten“ (1915) hatte Walter Benjamin ein – wie er glaubte – „sehr einfaches und sicheres Kriterium“ an der Hand, den „geistigen Wert einer Gemeinschaft zu prüfen“, nämlich die Frage: „Findet die Totalität des Leistenden in ihr einen Ausdruck, ist der ganze Mensch ihr verpflichtet, ist der ganze Mensch ihr unentbehrlich?“

Aus seiner Sicht und für seine Gesellschaft mußte Benjamin die Frage verneinen; der geistige Wert der Gemeinschaft schien ihm gering, weil die „freie“ Wissenschaft „mit dem Leben nichts zu tun“ haben wollte und weil auch die Studenten sich „fremden“ Ansprüchen verweigerten. Studenten und Wissenschaft standen ihm gleichnishaft für die kranke Gesellschaft selbst.

Die neue Erzählung von Martin Hielscher (geboren 1957, lebt als freier Autor in Hamburg), die sich wie eine moderne Poetisierung von Benjamins Thesen liest, schätzt den „geistigen Wert“ der BRD-Gemeinschaft auch nicht eben hoch ein. Sie schildert einerseits die zynische Gesellschaftspolitik der Wenderegierung, die nur den Angepaßten eine Perspektive zu bieten hat, und andererseits das trostlose Leben der Studenten, besonders der sogenannten Geisteswissenschaftler, die aus der Gemeinschaft herausfallen und eigentlich überflüssig sind.

Beckmann ist einer von den „ewigen Studenten“; sein Leben fließt zäh und fruchtlos dahin, er ist der Gesellschaft ebenso entbehrlich wie sie ihm. Er jobbt als Taxifahrer, Nachtwächter, Buffetier, ist aber weitgehend von den Unterhaltszahlungen seines Vaters abhängig, der ihm die monatlichen Zuwendungen streichen will. Beckmann träumt davon, der zweieinhalbmillionste Arbeitslose zu werden, „dann würde ihm der Arbeitsminister einen Blumenstrauß überreichen, seine Magisterarbeit lesen, und Beckmann dürfte einen Tag in seinem Beruf arbeiten“. Er beneidet und verachtet zugleich die schöne und erfolgreiche Jugend, die sich im „Sacral“, der Nobeldiskothek der Stadt (Hamburg), trifft, um das Leben in vollen Zügen zu genießen. Beckmann ist ewig erfolglos, in seinen Jobs und bei den Frauen ebenso wie im Studium. Er ist kein Einzelfall, denn der Text baut ein System von Parallelfällen auf: Schlippenbach, Philosophiestudent, liest Hegels „Logik“ von hinten, denkt „die Gedanken Gottes vor der Erschaffung der Welt“ und inszeniert frech seine Nutzlosigkeit. Hauptmann, Dozent an der Uni, hat es nie bis zur Promotion gebracht, wird entlassen und bringt sich um.

Während sich die einen vom Philosophenturm stürzen, feiern die anderen Erfolge in ihrer selbstgewählten Konformität und intellektuellen Bravheit. Zum Beispiel Scholz, der dynamische Jungunternehmer, und Kathrin, die angepaßte Karrierefrau, „der Stolz ihrer Eltern“. Ein nichtiger Anlaß provoziert schließlich eine handfeste Konfrontation beider Seiten und eskaliert in einer tödlichen Schießerei: Beckmann und Scholz müssen dran glauben.

Woran mag es liegen, daß der Text eigentlich niemals so richtig in Schwung kommt und trotz aller Groteske und Überzeichnung recht mühsam zu lesen ist? Vielleicht erstickt die Trostlosigkeit der dargestellten Welt den Witz, der sich aus der Spannung der überaus belanglosen Alltagsprobleme und ihrer – dennoch – existentiellen Bedeutung für die Figuren ergeben könnte. Intendiert ist zweifellos eine Persiflage auf die geistige Talfahrt der deutschen Nachkriegsgesellschaft, deren Ende noch nicht abzusehen ist. Aber während hier die Trivialitäten des BRD-Alltags mit äußerster Akribie beschrieben (leider nicht erzählt) werden, bleiben Spott und Ironie – genau wie Beckmann – auf der Strecke.

© LUTZ HAGESTEDT


erschienen in: Süddeutsche Zeitung vom 30. April/ 1. Mai 1988. Nr. 100. (SZ am Wochenende).
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