Dichterföhn. Hannes S. Macher: Föhn.

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Rezension von Lutz Hagestedt


Dichterföhn


HANNES S. MACHER (Hrsg): Föhn. Ein literarischer Trostspender für Wetterfühlige. Mit Bildern von Erika Groth-Schmachtenberger. W. Ludwig Verlag, Pfaffenhofen/Ilm 1988. 173 Seiten.

„München leuchtete. Über den festlichen Plätzen und weißen Säulentempeln, den antikisierenden Monumenten und Barockkirchen, den springenden Brunnen, Palästen und Gartenanlagen der Residenz spannte sich strahlend ein Himmel von blauer Seide, und ihre breiten und lichten, umgrünten und wohlberechneten Perspektiven lagen in dem Sonnendunst eines ersten, schönen Junitages.“

Kein Zweifel, es war ein Föhntag, der Thomas Mann zu diesem Genrebild inspirierte. Der Föhnforscher Hannes S. Macher versammelt in seiner neuen Anthologie 70 Autoren von Achternbusch bis Zuckmayer, die den „welschen Westwind“ mit poetischen Texten gewürdigt haben. Über die Wirkung des Föhns wissen wir wenig, die einen glauben, daß er die „erstarrten Pflanzen“ erquicke, die anderen, daß er uns unzurechnungsfähig mache und in den Selbstmord treibe. Fritz Fenzl betont seine Alibi-Funktion:


Die ganze Nacht
g‘ratscht
g‘raucht
g‘suffa

am Tag
hi

des macht da Föhn.


Föhn scheint vor allem eine erotische Komponente zu haben. „Ich bin mit dem Föhn versprochen“ heißt es in einem neuen Gedicht von Paul Wühr. Für die nicht ganz Zurechnungsfähigen unter uns gilt die Redensart „Einen Föhn am Brausen haben“, und wem die Heißluft zu Kopfe steigt, wer unter dem „Dichterföhn“ (J. v. Hollander) leidet, bringt nichts oder nichts Gescheites zu Papier: „Es gibt nichts Seltsameres und Köstlicheres als das süße Föhnfieber, das (...) die Frauen überfällt (...) und alle Sinne streichelnd reizt“.

Ja, der Föhn im Haus ersetzt den Ehemann. Der kitschige Text aus Hermann Hesses „Peter Camenzind“ wird im vorliegenden Buch gleich viermal zitiert: einmal als Beitrag, dann auf dem Buchrücken, dann im Klappentext und schließlich noch einmal im Vorwort. Das zeigt uns, daß der Herausgeber noch keinen untrüglichen Sinn für die Qualität von Texten entwickelt hat. Günter Eich erlebte den Wind der Winde am Herrenchiemsee, die meisten anderen Autoren haben ihn in München, in der „Stadt des Föhns“ (Ernst Penzoldt) zu spüren bekommen, darunter Heinrich Heine (er lobte auch das gute Bier), Gottfried Keller und Gottfried Kölwel, Hans Carossa, Wolfgang Koeppen, Hans Werner Richter, Herbert Rosendorfer und natürlich Thomas Mann.

© LUTZ HAGESTEDT


erschienen in: Süddeutsche Zeitung Nr. 20 vom 25. Januar 1989
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