Der verschwundene Mond. Fritz Hochwälder legt den vierten Band seiner Dramenausgabe vor

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Rezension von Lutz Hagestedt


Der verschwundene Mond

Fritz Hochwälder legt den vierten Band seiner Dramenausgabe vor


FRITZ HOCHWÄLDER: Dramen IV. (Die Prinzessin von Chirnay. Der verschwundene Mond. Die Bürgschaft.) Styria Verlag, Graz, Wien, Köln. 140 Seiten.

Der Mond ist Metapher für vieles. In Fritz Hochwälders Märchenspiel „Der verschwundene Mond“ steht er für die „lautere, ewige Dichtung“, unerreichbar für die meisten von uns. Nur Gustave, ein Clochard und Vagantendichter, kann den Mond vom Himmel nehmen, als sei er eine Münze aus Gold. Aber zeit seines Lebens hat Gustave nie seine Hand danach ausgestreckt, denn das hieße ja, „die lautere, ewige Dichtung“ antasten, berühmt und reich werden, begehrt und umworben sein; aber auch: die Unschuld, Naivität und Spontaneität verlieren, die Phantasie und natürliche Ursprünglichkeit opfern.

Schon in diesem kurzen Exposé wird ein poetisches Konzept sichtbar, wie man es von Fritz Hochwälder kaum erwartet hätte: nämlich ein thematisch leichtes und doch anspruchsvolles Märchenspiel über den Wunsch, das Unerreichbare zu erreichen und das Unmögliche möglich zu machen. Fritz Hochwälder, geboren 1911 in Wien, zählte bis in die 60er Jahre hinein zu den erfolgreichsten Dramatikern seiner Generation. Seine historischen Dramen wie „Der öffentliche Ankläger“ und „Das Heilige Experiment“ wurden in viele Sprachen übersetzt und in aller Welt gespielt. Heute ist Hochwälder, der zahlreiche Texte der Weltliteratur in dramatische Form gebracht hat, fast völlig vergessen.

Das Personal des „Verschwundenen Mondes“ wurde zum Teil aus Giraudoux’ „La Folle de Chaillot“ (1945) destilliert. André Pivert, Mitglied der Académie française, verkörpert den Typus des erfolgreichen Vielschreibers. Er ist ein heimlicher Konkurrent Gustaves, wird von der Kritik jedoch nicht anerkannt. Gustave selber entspricht dem Expressionisten und Vagantendichter Jakob Haringer (1898-1948), dessen Werk kürzlich wiederentdeckt wurde. Jakob Haringer alias Gustave muß als Figur charakterisiert werden, die ihrem Autor sehr nahesteht. Diese Autornähe wird noch unterstrichen, wenn man die Biographien von Haringer und Hochwälder miteinander vergleicht: Beide sind 1938 ins Exil gegangen, in die Schweiz, um dort ihr weiteres Leben żu verbringen. Und beide haben eine dauerhafte Rückkehr in ihr Geburtsland abgelehnt: das sei „Agamemnons Badezimmer“.

Im Anfang war das Ereignis, und so holt Gustave noch in der ersten Szene des ersten Aktes den Mond vom Himmel und verkauft ihn für eine Million. Die schöne Blanche hat ihn verführt und ihm das schnelle Glück versprochen. Aber der Clochard hat nicht bedacht, daß es ohne Mond keine Dichtung mehr geben kann und ohne Dichtung keine Liebe und kein Leben. Als er Blanche nach der Tat wiedersieht, hat sie sich in eine warzenübersäte Hure verwandelt - ein entsetzlicher Anblick, wie von Félicien Rops gemalt. Gustave setzt nun alles daran, den Mond zurückzukaufen, doch nur das Blumenmädchen könnte ihn noch retten. Sie verkörpert das stille, einfache Glück, unerreichbar für Gustave, solange er Geld in den Händen hält. Am Ende sinkt der Clochard tot auf einer Parkbank nieder, und am Himmel steht – als sei er nie fortgewesen – groß und silbern der Mond.

Es ist auffallend, daß Gustaves freie Rede immer wieder von Gedichten unterbrochen wird, die Jakob Haringer geschrieben hat. Aber Gustav zitiert Haringer nicht, er ist Haringer, die Gedichte spiegeln seine eigenen Bewußtseinsvorgänge wider. Monologisch offenbart er sein Seelenleben, er spricht wie für sich, doch der Rezipient, das Publikum im Theater, müßte schon an der poetischen Intensität seiner Rede erkennen daß der tragische Held sich hier selber charakterisiert. Indes kann erst die Realisierung de Stücks auf der Bühne zeigen, ob der Wechsel von freier und gebundener Rede, ob das Gedicht als Mittel der Figuren-Charakterisierung nicht störend wirkt.

Seit mehr als dreißig Jahren beschäftigt sich Fritz Hochwälder mit diesem Märchenstoff, aber lange Zeit ist ihm keine taugliche Fassung gelungen. Erst die Wiederentdeckung von Jakob Haringer alias Gustave hat es ihm ermöglicht, dieses Lebenswerk zu Ende zu führen. Auch das bestätigt Gustaves Autornähe.

Das Schauspiel, das nun vorliegt, ist Hochwälders zweiter großen Schaffensperiode zuzurechnen, in der sich der österreichische Dramatiker dem Wiener Volkstheater zuwandte – als er in den altmodernen Zauberstücken „Donnerstag“ (1959) und „1003“ (1963) die Grenzen der erfahrbaren Wirklichkeit überschritt, in seiner Motivwahl freier wurde und seine Figuren mit poetischer Phantasie allegorisierte.

Zu seinen besten Arbeiten zählen die Dramen, die nach literarischen Vorlagen entstanden sind. Der vierte Band der Werkausgabe enthält eine sehr freie Bearbeitung von Schillers „Bürgschaft“, ein Ideendrama in Gestalt der politischen Commedia delľarte. Sehr freie Bearbeitung heißt, daß Hochwälders Handlungsverlauf der Vorlage nur in den ersten drei Strophen folgt. Bei Schiller gewährt der Tyrann seinem Attentäter eine Gnadenfrist von drei Tagen, damit er an der Hochzeit seiner Schwester teilnehmen kann. Hochwälder muß diese Hochzeit der Schwester als inhaltliche Schwachstelle empfunden haben. Seinem Attentäter Heloris dient sie nur als Vorwand, um in der gegebenen Frist von drei Tagen eine Gruppe von Aufständischen zusammenzufassen und gegen die Tyrannenburg zu führen. Als Bürge stellt sich der Rhetor und Philosoph Agathon zur Verfügung, dem die utopische Idee vorschwebt, es könne eine gewaltlose Revolution „von oben nach unten“ geben, eine, die dem Volk gar nicht zu Bewußtsein kommt: „Dann steht eines Morgens, wie aus dem Boden gezaubert, der vollkommene Staat da.“

Hochwälders „Bürgschaft“ ist eine politische Satire, eingekleidet in ein historisches Gewand. Die „Ansiedlung in einem geschichtlichen Raum“ ermöglicht es ihm, aktuelle politische Ereignisse zu objektivieren und so der Gefahr der Kolportage und des Leitartikels zu entgehen. In einem weiteren Schauspiel, in der „Prinzessin von Chimay“ (1981, letzte Fassung 1984), wird die These vertreten, daß Rache nach einem Menschenalter keinen Sinn mehr habe. Teresa Tallien, die einst geholfen hat, mit ihren schwachen Händen den Schrecken der Französischen Revolution, die Guillotine, umzustoßen, vergibt ihrem „Mörder“ Marc-Antoine Jullien.

Die Komödie ist wohl Hochwälders Versuch, an seinen bisher größten Bühnenerfolg, den „Öffentlichen Ankläger“, anzuschließen. Man kann ihn besonders in Hinsicht auf den „Verschwundenen Mond“, nur Glück dabei wünschen.

© LUTZ HAGESTEDT


erschienen in: Süddeutsche Zeitung Nr. 253 vom 02./03.11.1985, S. 144
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