Der typische amerikanische Junge. E. L. Doctorows Roman seiner Kindheit (Weltausstellung)
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Rezension von Lutz Hagestedt
Der typische amerikanische Junge
E. L. Doctorows Roman seiner Kindheit
E. L. DOCTOROW: Weltausstellung. Roman. Deutsch von Angela Praesent. Rowohlt Verlag, Reinbek 1987. 320 Seiten.
„Der typische amerikanische Junge fürchtet sich nicht vor Gefahren. Er sollte imstande sein, aufs Land hinauszugehen und rohe Milch zu trinken. Desgleichen sollte er die Hügel und Täler der Stadt durchstreifen. Ist er Jude, soll er es sagen. (...) Er jubelt für sein heimisches Football- und Baseball-Team, aber er treibt auch selbst Sport. Er liest dauernd. Es ist in Ordnung, wenn er Comic-Hefte mag, solange er weiß, daß sie Schund sind. Auch darf er an Radiosendungen und Filmen Vergnügen haben, aber nicht auf Kosten wichtiger Dinge. Zum Beispiel soll er immer Hitler hassen. (...) Was Frauen angeht schätzt er sie alle. Er verschwendet keine Zeit mit Tagträumen, wenn er seine Hausaufgaben macht. Er ist freundlich. Er hilft seinen Eltern. Er kennt den Wert eines Dollars. Er blickt dem Tod ins Gesicht.“ Edgars Aufsatz, so unprätentiös, witzig, ironisch und auch wieder bierernst wiederholt in nuce die Mischung von „fact“ und „fiction“, die Doctorows Roman charakterisiert; er ist in seiner fingierten Naivität ein kleiner Höhepunkt des Romans. Edgar gewinnt das Preisausschreiben und darf mit der ganzen Familie einen Tag lang die Weltausstellung besuchen.
Man liegt wohl richtig, wenn man die „Weltausstellung“ der gehobenen Unterhaltungslektüre zurechnet. Die Faszinationskraft von „Ragtime“ (deutsch 1976) hat das Buch nicht, es ist jedoch auch niemals langweilig, weil es E. L. Doctorow gelingt, dem Leser die Perspektive des Kindes so zu zeigen, daß man von der Macht der Kunst der Illusion und noch stärker von der Macht der Wirklichkeit aufs neue gefesselt ist.
erschienen in: SZ am Wochenende Nr. 150 vom 4./5.7.1987. Seite IV (Literatur)
