Der typische amerikanische Junge. E. L. Doctorows Roman seiner Kindheit (Weltausstellung)

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Rezension von Lutz Hagestedt


Der typische amerikanische Junge

E. L. Doctorows Roman seiner Kindheit

E. L. DOCTOROW: Weltausstellung. Roman. Deutsch von Angela Praesent. Rowohlt Verlag, Reinbek 1987. 320 Seiten.

Edgar Lawrence Doctorows neues Buch „Weltausstellung“ gehört zu einer literarischen Zwittergattung, die man im Amerikanischen als „non-fiction novel“ (nichterfundenen Roman) oder einfach als „faction“ bezeichnet, denn es verbindet autobiographische Details mit Motiven aus dem „american way of life“. Die Betonung des Autobiographischen allein würde übersehen, daß der Roman darauf angelegt ist, Doctorows Kindheit und das Schicksal seiner Familie mit Amerikas Sozialgeschichte der 20er und 30er Jahre zu verknüpfen und damit ins Exemplarische zu heben. Im Roman seiner Familie spiegelt sich Amerika als moderne Massenkonsumgesellschaft und als begehrtes Einwanderungsland. Doctorows Großeltern sind als russisch-jüdische Emigranten 1886/87 nach den USA ausgewandert. Edgars Familie profitiert vom Aufschwung in der Unterhaltungsindustrie – sein Vater besitzt eine Musikalienhandlung im berühmten Hippodrome von Manhattan – und sie leidet unter der Weltwirtschaftskrise nach dem Zusammenbruch der New Yorker Börse (1929) und erneut unter der Rezession von 1937/38, als Edgars Vater sein Geschäft verliert und die Familie in eine ärmlichere Gegend umziehen muß. Die berühmte New Yorker Weltausstellung von 1939 steht bevor, und da Edgar weiß, daß seine Eltern sich einen Besuch nicht leisten können, beteiligt er sich an einem Wettbewerb, den die Leitung der Weltausstellung ausgeschrieben hat. Er beschreibt in einem Aufsatz, welche Eigenschaften den typischen amerikanischen Jungen auszeichnen:

„Der typische amerikanische Junge fürchtet sich nicht vor Gefahren. Er sollte imstande sein, aufs Land hinauszugehen und rohe Milch zu trinken. Desgleichen sollte er die Hügel und Täler der Stadt durchstreifen. Ist er Jude, soll er es sagen. (...) Er jubelt für sein heimisches Football- und Baseball-Team, aber er treibt auch selbst Sport. Er liest dauernd. Es ist in Ordnung, wenn er Comic-Hefte mag, solange er weiß, daß sie Schund sind. Auch darf er an Radiosendungen und Filmen Vergnügen haben, aber nicht auf Kosten wichtiger Dinge. Zum Beispiel soll er immer Hitler hassen. (...) Was Frauen angeht schätzt er sie alle. Er verschwendet keine Zeit mit Tagträumen, wenn er seine Hausaufgaben macht. Er ist freundlich. Er hilft seinen Eltern. Er kennt den Wert eines Dollars. Er blickt dem Tod ins Gesicht.“ Edgars Aufsatz, so unprätentiös, witzig, ironisch und auch wieder bierernst wiederholt in nuce die Mischung von „fact“ und „fiction“, die Doctorows Roman charakterisiert; er ist in seiner fingierten Naivität ein kleiner Höhepunkt des Romans. Edgar gewinnt das Preisausschreiben und darf mit der ganzen Familie einen Tag lang die Weltausstellung besuchen.

Man liegt wohl richtig, wenn man die „Weltausstellung“ der gehobenen Unterhaltungslektüre zurechnet. Die Faszinationskraft von „Ragtime“ (deutsch 1976) hat das Buch nicht, es ist jedoch auch niemals langweilig, weil es E. L. Doctorow gelingt, dem Leser die Perspektive des Kindes so zu zeigen, daß man von der Macht der Kunst der Illusion und noch stärker von der Macht der Wirklichkeit aufs neue gefesselt ist.

© LUTZ HAGESTEDT


erschienen in: SZ am Wochenende Nr. 150 vom 4./5.7.1987. Seite IV (Literatur)
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