Der nabel der fällt. Franz Huber: zungenfest. Gedichte

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Rezension von Lutz Hagestedt


der nabel der fällt

FRANZ HUBER: zungenfest. Gedichte. Verlag Christian Rohr, München 1988. 80 Seiten.

Im Zuge der Gegenaufklärung hat man uns gelehrt, daß die Mondphasen, die Gezeiten und die Menstruation in einem Abhängigkeitsverhältnis stehen. Franz Huber, Lyriker aus München (geboren 1955), bringt das auf die Formel „fut & ebbe / fut und ebbe“, wobei „fut“ aus dem Mittelhochdeutschen kommt und heute als Vulgärausdruck für die Vulva dient (vergleiche zum Beispiel Gerhard Zwerenz, „Kopf und Bauch“, Frankfurt am Main 1971, Seite 232).

Zieht man Querverbindungen zwischen den einzelnen Gedichten, so wird hier sprachlich ein Zusammenhang von Leben, Wasser, Gestirnen und natürlich Sexualität beschworen: So wie sich die Flut zur Fut verhält, so verhält sich die Möwe zur – der Leser möge selbst ergänzen, und nur den Druckfehlerteufelchen (?) ist es zu verdanken, daß wir vom Gröbsten verschont werden:


möcht dösen nur
dösen dösen dösen
möcht nicht nur dösen
möcht auch möwen möwen
möwen und ein meer.


Kein Zweifel, Franz Huber ist ein Sprachspieler, und da die Sprache (jede Sprache) im Sexual- und Analbereich wohl am fruchtbarsten schöpferisch tätig ist, kann es nicht verwundern, daß sehr viele seiner Texte auf diesem Gleis fahren. Den Vorwurf der Eingleisigkeit braucht er sich jedoch nicht gefallen zu lassen, enthält sein Buch doch einige Polittexte (zum Beispiel das Barschel-Gedicht „sauber“), mehrere Stil-Hommagen an Paul Wühr („auf der spur“, „der hut“) und Jean Luc Godard und anderes. Eingleisig ist allenfalls diese Rezension, die so gern am Nabel der Welt bleiben möchte („der nabel der fällt / wo mir die hose rutscht“):

„im schrei platzt auf / ein druck im körper / ein traum vom glück // im schrei platzt auf / eine welt im bett / eine ader im köpf // im schrei spritzt los / das blut ins hirn / der samen in die höhle // im schrei spritzt los / das leben in das loch / der tod in den kopf.“ Hubers horrible Darstellung des Exitus im Koitus möge uns dabei helfen, diesen Gefahren des Lebens auszuweichen und die Hände in den Schoß zu legen. Ob’s helfen wird? Schließlich liegt der Nabel der Welt etwas tiefer – nämlich genau dort.


© LUTZ HAGESTEDT


erschienen in: Süddeutsche Zeitung (SZ am Wochenende) Nr. 186 vom 13./14./15.08.1988. S. 100.
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