Der kurze Sommer der Anarchie. Ein modernes Fresko der 40er Jahre in Spanien (Juan Marsé: Wenn man dir sagt, ich sei gefallen...)
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Rezension von Lutz Hagestedt
Der kurze Sommer der Anarchie
Ein modernes Fresko der 40er Jahre in Spanien
JUAN MARSÉ: Wenn man dir sagt, ich sei gefallen... Roman. Aus dem Spanischen von Annette Uppenkamp und Hans-Joachim Hartstein. Mit einem Nachwort von Ana Rodriguez. Elster Verlag, Moos & Baden-Baden. 384 Seiten. ISBN 3-89151-023-3
Einen „politisch, psychologisch und erotisch explosiven Roman“ hat der peruanische Schriftsteller Mario Vargas Llosa dieses Buch genannt, mit dem sich der Spanier Juan Marsé erstmals in Deutschland vorstellt.
Wichtigster Erzähler ist ein gewisser Sarnita Palau, genannt „das Großmaul“. Er arbeitet im Krankenhaus von Barcelona, als an einem Tag des Jahres 1970 die Leiche von Daniel „Java“ Javaloyes eingeliefert wird. In den Augen des Toten erkennt Palau seine Kindheit und Jugend wieder, und er beginnt, großmäulig wie damals, von den Nachwehen des Spanischen Bürgerkriegs zu erzählen: Zwar hat General Franco über die Republikaner triumphiert und den Sieg der Faschisten mit einer großen Parade gefeiert, aber das Land kommt noch lange nicht zur Ruhe, der Kampf geht weiter, denn jetzt wird in den Folterkammern der Falangisten abgerechnet.
Das Großmaul führt uns in die staubigen Straßen und verwahrlosten Häuser von Grácia, einem Arbeiterviertel von Barcelona und Zentrum des Widerstands, wo die Kinder in den Abfallhaufen wühlen, die – wie es sarkastisch heißt – „voller köstlicher Überraschungen“ stecken. Sarnita Palau gehört zu Java und seiner Bande, halbe Kinder noch, die im Bürgerkrieg aufgewachsen sind, die den blutigen Ernst der Lage gar nicht recht begreifen, sie setzen ihn in spielerische Aktion um: Sie haben Spaß an sadistischen Quälereien, sie foltern mit Lustgewinn, sie empfinden den Widerstand gegen das Regime als anarchistisches Spiel. Doch als sie vom einäugigen Bezirksvorsteher und seinen Blauhemden grausam und unerbittlich verfolgt werden, nehmen sie mit unkontrollierbarer subversiver Energie den verzweifelten Kampf ihrer Eltern gegen die Faschisten auf.
Juan Marsé, 1933 in Barcelona geboren und im Stadtteil Grácia aufgewachsen, mußte dreizehnjährig die Schule verlassen und arbeitete als Übersetzer, Werbetexter, Drehbuchautor, Journalist. Ende der fünfziger Jahre veröffentlichte er die ersten Erzählungen; sein erster „engagierter“ Roman erschien 1960. In Paris schrieb er zwei weitere Romane, einer davon, „Ultimas tardes con Teresa“ (1966), erregte die Neugier von Mario Vargas Llosa, Marsés wichtigstem Förderer.
Es gibt wohl nicht viele spanische Romane, in denen so großartig vom linearen Erzählen Abschied genommen wird wie hier, und die dennoch „narrativ“ sind. Denn Juan Marsé hat seinen Roman mit Hilfe von aventis leitmotivisch strukturiert, und das so überzeugend und so „glücklich“, daß man die herkömmlichen Formen des kontinuierlich-diskursiven Erzählens gar nicht vermissen mag.
Aventis, das sind spannende Abenteuergeschichten, welche sich die Kinder erzählen, wenn sie nichts zum Spielen haben, wenn ihr Alltag langweilig, trist und farblos ist, und wenn sie irgendwie versuchen müssen, den Hunger zu vergessen. Aventis, das sind teils wahre, teils erfundene Geschichten, die jedoch immer wahre Erzählkerne enthalten, welche die Einzelgeschichten miteinander verbinden und den Roman strukturieren. Der Leser stößt also immer wieder auf dieselben Figuren und Ereignisse, aber jedesmal ist der Blickwinkel verschoben. Eine kollektive Erinnerung, „die Erinnerung des Volkes“, soll auf diese Weise abgebildet werden.
Juan Marsés Erzählen erinnert ein wenig an konstruktivistische Ideen, wonach wir unsere Wirklichkeit selber erfinden, unsere Wahrheit selber konstruieren. Aus jeder Perspektive kommt eine neue Variante hinzu, und es besteht die Hoffnung, daß eine der Varianten oder alle zusammen der Wahrheit an sich vielleicht nahe kommen mögen: „Die Wahrheit aber war immer noch, wie in seinen aventis, ein trüber Nebel, der sich nicht lichten wollte, der den Boden nicht frei gab.“
erschienen in: Süddeutsche Zeitung Nr. 169 vom 26./27.07.1986
