Der große Coup. Ein Nachschlag zur Peymann-Affäre

aus Netzwerk-Literaturkritik, der freien Wissensdatenbank

von Lutz Hagestedt


Der große Coup

Ein Nachschlag zur Peymann-Affäre

Es war ein kaltes, verregnetes Wochenende, als Thomas Bernhard, das Enfant terrible der österreichischen Literaturszene, und Claus Peymann, der Wiener Burgtheaterdirektor, auf einem Bauernhof im oberösterreichischen Ohlsdorf zusammentrafen. Bernhard hatte den ganzen Tag, schmerzhafte Creatur, mit dem leidigen Hauptweh im Dunkeln gelegen und mehrmals würgen und speien müssen, wie's bei schweren Anfällen ist, aber gegen den Abend kam Besserung unverhofft und fast plötzlich. Peymann war zu Fuß gekommen und saß – erschöpft wie ein Pilger – im Dämmer auf dem Roßhaarsofa, eine Sportmütze übers Ohr gezogen, käsig das Gesicht und mit der Stimme, der Artikulation eines Schauspielers.

In dieser Nacht wurde ein denkwürdiger Pakt geschlossen, in dieser Nacht tranken Peymann und Bernhard Brüderschaft, entdeckten ihre gemeinsame Disposition zum polemischen Diskurs und sprachen über ihre geistig-künstlerische Seelenverwandtschaft: „Es ist schon so ein Verhältnis mit uns, zum Du sagen. Ihr sagt lauter Dinge, die in mir sind und aus mir kommen.“ Peymann, noch zwischen dem brüderlichen „Du“ und dem ehrfurchtsvollen „Ihr“ schwankend, erbat sich von Bernhard den Text für ein fingiertes Interview, das wie ein Blitz in die Niederungen Niederösterreichs, speziell in das Burgtheater, einschlagen sollte. Bernhard, das Genie, zog fröstelnd die Wolldecke um die Schultern und blickte nachdenklich in den gelblichen Auswurf: „Einst hatte ich eine einzigartige Vision. Ich sah, daß ein neuer Burgtheaterdirektor in das Haus am Ring stand, daß ein neuer und frischer Wind gegen das Burgtheater blasen und aus dem Burgtheater alles Fürchterliche, Abgestandene, längst Tote, also alles mit den Jahren nur noch widerlich und abstoßend und ganz einfach scheußlich Gewordene aus dem Burgtheater hinausblasen werde. Es war ein Irrtum, denn ich sah nicht, daß hier nicht ein Künstler, ein Genie, sondern ein Herkules kommen mußte, um diesen gigantischen Augiasstall auszumisten.“

Und er räsonierte über die Dummheit und den Größenwahn der Schauspieler, über die verquasten Hirne der Kulturpolitiker, über die Auskotzstücke von Kollegen und über die Theaterboutiquen von München, Hamburg und Berlin. Der Text erschien, als Peymann-Interview getarnt, am Donnerstag nach Pfingsten in der Zeit.

Das stilisierte Interview, ein komödiantisches Meisterwerk aus einem Guß, hat viel Mehl aufgewirbelt, mit dem die Wiener ihren berühmten „Schmarrn“ zubereiten, der den Nachteil hat, daß er die Gehirne verkleistert. Kein Wunder also, daß Österreich die Chose nicht durchschaut und seiner Empörung Luft gemacht hat. Bei Nußbeugerln und Melangen wurde Kriegsrat gehalten, die Staatskrise war da: „Schdöö da fua, der Waldheim soll eam soga geküßt ham, bled wia is.“

Die Wiener Presse, die sich den Kopf der Welt dünkt und nur ihr Schreihals ist, ließ auf der Leserbriefseite die Vaterländische Front aufmarschieren, Mock und Schmock echauffierten sich gleichermaßen, die Journalisten lauerten Bundeskanzler Vranitzky auf, um ihm die Entlassung der Unterrichtsministerin abzupressen. Vranitzky aber (GOtt hat Österreich diesen Bundeskanzler geschenkt) verwies den ganzen Schmäh auf das Terrain der Kunst, wie schlau!, denn in der Kunst gibt es nichts Anstößiges, Kunst ist nicht satisfaktionsfähig. Genau das ist hinwiederum der Grund dafür, warum Peymann bis heute die Tantalusqualen ausgehalten und den eigentlichen Urheber des Interviews, Thomas Bernhard, nicht preisgegeben hat. Denn auch Peymann weiß, daß wir in der Kunst um das wahre Leben betrogen werden, daß hier kaum noch Tabus verletzt werden können, daß Skandale hier ein kurzlebiges und fruchtloses Afterleben führen.

Außer Claudia Erdheim, Logikerin und Verfasserin des Wiener Universitätsromans „Ohnedies höchstens die Hälfte“ hatte niemand Lunte gerochen. Benjamin Henrichs wehrte sich in der Zeit gegen eine massive Regung seines Unterbewußtseins. Henrichs' Ubw hatte es nämlich auch geahnt, daß „der Theatermacher Claus Peymann eines Tages naturnotwendig die Grenze zwischen dem wirklichen Claus Peymann und dem Thomas-Bernhard-Peymann überschreiten würde“. Währenddessen redeten sich die Feuilletonisten Marcel Reich-Ranicki und Hellmuth Karasek im ZDF-Fernsehstudio völlig ahnungslos den Mund fusselig, traten das Burgtheater und sein Ensemble – wie immer – auf der Stelle und boten erhitzten Gemütern das schwarze Brett zu Entblödung dar. Die empörten Schauspieler, die das Denken plötzlich nicht mehr den Lipizzanern überlassen wollten, forderten erst Peymanns Kotau, dann seinen Kopf. Herausgekommen ist bei der ganzen Affäre nicht Peymanns Psychogramm, sondern ein Psychogramm des Abendlandes nach dessen Untergang.

Und René Müller? Der Mann war schnell bereit, seinen schönen Namen für die gute Sache herzugeben. Als Belohnung durfte er in Peymanns Loge die Neuinszenierung von „Ödipus Tyrann“ (mit Ritter, Dene, Voss) ansehen, als Bundespräsident Waldheim hereinkam und ihn küßte – auf den Mund.

Die Schilderung des Ohlsdorfer Geheimtreffens verdankt der Verfasser dem ehemaligen Gymnasialprofessor Dr. phil. Serenus Zeitblom (vgl. Thomas Mann, „Doktor Faustus“, Kap. XXV). Einige wortgewaltige Beiträge der Herren Karl Kraus, H. C Artmann und – last but not least – Thomas Bernhard und Claus Peymann wurden vom Verfasser freimütig collagiert.


© LUTZ HAGESTEDT


erschienen in: Süddeutsche Zeitung (am Wochenende) Nr. 144 vom 25./26.06.1988. S. 147.
'Persönliche Werkzeuge