Der braune Potentat - Herbert Rosendorfer: Die Nacht der Amazonen
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Rezension von Lutz Hagestedt
Der braune Potentat
Herbert Rosendorfers authentischer Roman über eine Münchner Nazi-Größe scheitert vor der historischen Wirklichkeit.
HERBERT ROSENDORFER: Die Nacht der Amazonen. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 1989. 288 Seiten.
Der Lokalmatador Christian Weber organisierte im Olympia-Sommer 1936 die „Nacht der Amazonen“; auf der Rennwoche Riem präsentierte der Reitsportfanatiker seinen 15 000 Gästen sechzehn nackte BDM-Mädchen auf sechzehn rassigen Hengsten. Das Ergebnis, über das im Bürgertum viel gespöttelt wurde, wiederholte sich 1937 und 1938 und machte Christian Weber zum stadtbekannten „Bunten Hund“. Auch beim Festzug anläßlich der Einweihung des Jagdmuseums im Oktober 1938 ließ Weber die Puppen tanzen, respektive einen Trupp nackter Dianas auftreten.
Christian Weber ist keine Erfindung, es gab ihn wirklich. 1883 in Polsingen/Mittelfranken geboren, stand er zwar nie in der ersten Reihe – er war ein in jeder Hinsicht mittelmäßiger Zeitgenosse -, war aber 1921 mittelbar am Attentat auf den Landtagsabgeordneten Auer beteiligt und mittelbar auch am Marsch auf die Feldherrnhalle. Er war Mitglied der Schwarzen Reichswehr, half dabei mit, Röhm ans Messer zu liefern und wird in Joachim C. Fests Hitler-Biographie als einer der wenigen Duz-Freunde Hitlers bezeichnet. Seinen „Führer“ hat Weber übrigens nur um wenige Tage überlebt.
Die anderen Hauptfiguren in Rosendorfers Roman sind frei erfunden und werden paarweise in szenischer Rollenprosa vorgeführt: Der Monarchist Dirrigl und der Antisemit Kammerlander, der optimistische Jude Peschmowitzer und sein pessimistisches Pendant Blumenthal, das Prostituiertenpaar Sophie und Frieda, der Burschenschaftler Regierungsrat Pflaum und der Kriegsenthusiast Oberlehrer Bürkel, der SS-Mann Staudigl, der mit einer der Amazonen verlobt ist, und sein Vorgesetzter, ein Obersturmbannführer, und zuletzt der Senatspräsident (namenlos) und der Staatsanwalt Winkler, der in der Politischen Abteilung im Münchner Justizpalast eingesetzt ist. Sie alle sollen illustrieren, wie es in Deutschland zu rumoren beginnt, wie sich – quasi im liefen des Volkes – das menschenfeindliche System der Nazis mehr und mehr durchzusetzen beginnt, wie Lüge, Selbsttäuschung und Feigheit alle menschlichen Regungen dominieren, wie sich die Gleichschaltung der Gehirne auch im mittleren und oberen Bürgertum vollzieht.
In den Dialogpassagen werden – neben den Opfern der Geschichte – hauptsächlich die Duckmäuser und Mitläufer und ihre jeweiligen Motive anschaulich vorgeführt: Sie haben zum Teil die braune Gefahr unterschätzt, haben geglaubt, die Bestie beherrschen zu können, sie haben Angst vor Bürgerkrieg und roter Revolution gehabt und an die völkische Erneuerung geglaubt. Andere wollten bloß Ärger vermeiden, ihre Haut retten, sich unauffällig durchmogeln, wieder andere wollten Karriere machen und haben sich – wie fast der gesamte Justizapparat – keinen Deut darum geschert, wessen Regeln sie befolgten: „Die Justiz ist nicht da, um die Gesetze zu machen. Die Justiz ist da, um die Gesetze anzuwenden. Wer die Gesetze macht, wie sie zustande kommen, das geht uns doch überhaupt nichts an.“
Herbert Rosendorfer dürfte kein Klischee ausgelassen haben, um Bayern in der NS-Zeit anschaulich darzustellen. Aber diese Zeit war eben auch stereotyp, und das immergleiche Grauen spricht auch aus den zahlreichen Dokumenten, die Rosendorfer zur Charakterisierung seiner Hauptfigur, des geilen Potentaten Christian Weber, zusammengetragen hat: Über Weber, der wie ein feister Hamster oder eine „gestopfte Wurst“ ausgesehen hat, gibt es viel Dokumentenmaterial im Bayerischen Staatsarchiv und in anderen Quellensammlungen.
Dieser quasi-dokumentarische Teil ist es ausgerechnet, der die Schwächen des Romans am deutlichsten zutage treten läßt. Es ist zwar eine Banalität, zu sagen, daß sich die Geschichte des Dritten Reiches literarisch nicht einholen läßt, aber etwas ist wohl dran. Hauptursache für mein Unbehagen ist aber Rosendorfers Entscheidung, einen „autornahen“ Erzähler zu wählen, der die damaligen Ereignisse mit heutigen Augen betrachten und sich laufend von ihnen distanzieren muß. Aus der vielgepriesenen Ironie des Münchner Schriftstellers ist ein schwerfälliger Sarkasmus geworden, sein Buch schleppt sich mit faulen Witzen zäh dahin, es gibt keine erzählerische Verve und auch keine Spur von der herzbeklemmenden Atemlosigkeit und Rasanz der historischen Ereignisse.
Sehr häufig, wenn der Erzähler die bloßen Fakten sprechen läßt oder seine Kollegien über die Moral in Diktaturen und vergleichbare Großthemen abhält, verebbt die Handlung oder wird doch unbefriedigend in den erzählerischen Kontext eingeflochten. Vielleicht hatte Herbert Rosendorfer keine Geduld, vielleicht war es aber auch der Gegenstand, der ihn scheitern ließ: Der Nationalsozialismus scheint noch immer kein Thema für die Literatur zu sein, sondern nur für die Wissenschaft. „Mir fällt zu Hitler nichts ein“ – mit diesen Worten beginnt Karl Kraus seinen berühmten Essay „Die Dritte Walpurgisnacht“ (1933), um dann auf 300 Seiten über sein Versagen Rechenschaft abzulegen. Herbert Rosendorfer hat ein neues Beispiel des Versagens geliefert.
erschienen in: Bayerland. Nr. 2, Februar 1990. S. 39.
