Der Name der Sprache. Peter Waterhouse: passim. Gedichte
aus Netzwerk-Literaturkritik, der freien Wissensdatenbank
Rezension von Lutz Hagestedt
Der Name der Sprache
PETER WATERHOUSE: passim. Gedichte. Rowohlt Verlag, Reinbek 1986. 115 Seiten.
„Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose“, versichert Gertrude Stein. Und wir fügen hinzu: Ein Name ist ein Name ist ein Name. Aber in den Gedichten des 1956 in Berlin geborenen, in Wien lebenden Peter Waterhouse ist nicht der Name der Rose gefragt, sondern „Der Name der Sprache“. Dieser programmatisch klingende Titel eines Gedichts könnte darauf hinweisen, daß Waterhouse nicht mehr den alten Nominalismusstreit aufwärmen und erneut fragen will, ob die Namen motiviert sind oder arbiträr; ihm kommt es offenbar auf eine Frage an, die noch dahinter liegt, die nicht mehr das Verhältnis der Dinge zu ihren Namen thematisiert, sondern nur noch die Namen beziehungsweise die Sprache selbst. „Glauben Sie mir das Wort Blume?“, fragt er an einer Stelle, und wir müssen leider antworten: „Nein, Ihnen nicht. Wir haben nicht den Eindruck, daß mit Ihrem Programm viel erkannt werden könnte.“ „Der Name der Sprache heißt: Abwesenheit. Man sagt zum Beispiel / in diesem Namen: Tisch. Der Tisch ist ein hartes Gebilde / vor uns. Wir sind ein hartes Gebilde / vor dem Tisch. Wir wandeln uns ab und / nennen uns Tischler.“ Und wir fahren fort: Das Gehirn ist ein weiches Gebilde in unserem Kopf. / Wir können froh sein, wenn wir keine Anwandlung bekommen und uns „Heidegger“ nennen. Nein, Waterhouse und die Sprache von Meßkirch passen nicht zusammen. Aber der plötzlich auftauchende Verdacht, daß uns hier ein Satiriker, der von Heidegger bis Wittgenstein alles Wichtige über Sprache gelesen hat, mit lyrischen Philosophie-Parodien leimen will, ist angesichts des taubenblauen, postmodernen Umschlags von Klaus Detjen, der höchste Seriosität verspricht, schnell wieder vom Tisch. Wir glauben vielmehr, daß sich hier ein „echter Lyriker“, nämlich einer, dem es in seinem Dichten um dieses Dichten selbst geht, verstiegen hat. Wir glauben, daß die Erkenntnisse der Sprachphilosophie (und bezüglich Heidegger: der Existentialontologie) unseren Autor behindern, ihn nicht zu sich selbst kommen lassen. Peter Waterhouse hat jene Erkenntnisse, die allen nahezulegen sind, denen Sprache mehr bedeutet als nur ein bloßes Vehikel zur Vermittlung von Weltentwürfen, nicht positiv umzusetzen vermocht, sondern die Wörter vielfach unvermittelt stehen gelassen, so daß manche Texte „ein wenig planlos“ und andere sinnlos erscheinen: „Nachtbar. / Nachbar. Meine Glatze. Meine Katze. Pfote. Das Pfortenpferd. / Sachertorte. Sachertote.“ Diese Spracharbeit beläßt das „Gedicht im Materialstadium“, „das wozu-Sprache“ bleibt unbeantwortet, der Erkenntnisprozeß führt nicht über das längst Bekannte hinaus und läßt das Können des jungen Autors nicht erkennen. So darf auch diese Rezension nur als erste Reaktion auf seine Gedichte gelesen werden; es kann nicht darum gehen, Peter Waterhouse jegliche Begabung überhaupt abzusprechen.
erschienen in: Süddeutsche Zeitung am Wochenende, 21./22. Februar 1987, Nr. 43
