Der Nabel der Welt liegt etwas tiefer - Umberto Eco: Das Foucaultsche Pendel

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Rezension von Lutz Hagestedt


Der Nabel der Welt liegt etwas tiefer

Dunkel der Mysterien und Helle der Ratio in Umberto Ecos neuem Roman „Das Foucaultsche Pendel“



UMBERTO ECO: Das Foucaultsche Pendel. Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber, Carl Hanser Verlag, München 1989. 168 Seiten.

Umberto Ecos erster Roman, „Der Name der Rose“ (deutsch 1982), hat den gebürtigen Piemontesen (geboren 1932 in Alessandria) so nachhaltig bei uns etabliert und ins Rampenlicht gerückt, daß jedes seiner Bücher, sei es ein literarisches, wissenschaftliches oder essayistisches Werk, besondere Beachtung erfährt. Jedes seiner Bücher kann mit einer breiten Rezeption rechnen, und auch „Das Foucaultsche Pendel“ hat schon zahllose Spekulationen ausgelöst, bevor es noch erschienen war. Bis 1988 war die Frage, ob es überhaupt einen neuen Roman von Eco geben werde, offen, bis 1988 wußten wir nicht, ob das bestgehütete Geheimnis der internationalen Literaturszene nicht „leer“ sein und ohne Inhalt bleiben würde.

Nun liegt er also in Burkhart Kroebers intelligenter deutscher Übersetzung vor, der neue Roman, in vielem ähnelt er Ecos Debütroman, in vielem unterscheidet er sich auch von ihm. Wie schon im „Name der Rose“ geht es auch hier wieder um „Wissen“ und „Macht“, um Rationales und Irrationales, um alte Bücher und neue Diskurse, Fanatismus und Terrorismus, Gelehrsamkeit und Unterhaltung. Wir brechen die Kette der Übereinstimmungen hier ab, zumal Ecos Roman vorführt, wie unergiebig solche Analogieschlüsse sind und wie dumm und gefährlich sie sein können.

Worum geht es also im „Foucaultschen Pendel“?

Im Mittelpunkt stehen drei Intellektuelle, Jacopo Belbo, der Ich-Erzähler Casaubon und der Kabbala-Experte Diotallevi. Sie arbeiten in einem Mailänder Verlag, der sich durch die Interessen des Doppel-Verlegers Garamond immer mehr der Esoterik verschreibt. Berge von abstrusesten Manuskripten türmen sich auf den Schreibtischen von Belbo, Casaubon und Diotallevi, bizarrste Weltverschwörungstheorien werden ihnen zugemutet. Alles beginnt Anfang der 70er Jahre, die Studentenbewegung ist passé, schon gewinnt die raunende Gegenaufklärung wieder an Boden, ein absonderlicher Irrationalismus macht sich breit, die drei Lektoren müssen immer mehr Manuskripte von Diabolikern zum Druck befördern. Mit Spott und Sarkasmus versehen sie ihren Job, doch bald werden sie, verführt durch ihre Lust am Spiel mit ihrem Wissen und ihrer Kultur, zu Opfern des kollektiven Wahns.

Durch ihre tägliche Beschäftigung mit Verschwörungstheorien, mit der Kabbala und Texten über kosmische Komplotte, „Geheimbünde aller Art, Rosenkreuzer, Templer und Freimaurer, Gralssucher, Alchimisten und Satanisten, erkennen sie, wie sehr sich die Theorien gleichen, wie arm die Phantasie dieser Diaboliker im Grunde genommen ist: „Sie bestätigen sich gegenseitig, also sind sie wahr. Mißtrauen Sie der Originalität.“ Belbo, Casaubon und Diotallevi beschließen, das kranke Denken dieser Leute ad absurdum zu führen, indem sie mit Hilfe von Belbos Computer „Abulafia“ eine neue Verschwörungstheorie entwickeln. Sie beginnen, die Weltgeschichte als das Ergebnis eines genialen Plans zu interpretieren, der dadurch charakterisiert ist, daß er mit Hilfe von Analogieschlüssen alle Varianten aller bisherigen Verschwörungstheorien zu integrieren vermag. Im Zentrum ihrer Fiktion steht die Kopie eines handgeschriebenen Zettels zweifelhafter Provenienz, der als Plan der Tempelritter interpretiert wird, die Weltherrschaft zu erlangen. Jedem Wort wird eine falsche Deutung gegeben, wilde Analogien schießen ins Kraut, alles ist Hieroglyphe für irgend etwas anderes. Der Plan der Lektoren ist jedoch viel phantasievoller, ideenreicher und intelligenter konzipiert als alles zuvor Dagewesene. Und der Knalleffekt ist, daß das Geheimnis dieses Plans „leer“ ist: „Der wahre Initiierte ist der, der weiß, daß das mächtigste Geheimnis ein Geheimnis ohne Inhalt ist, denn kein Feind kann ihn zwingen, es zu enthüllen, und kein Gläubiger kann es ihm wegnehmen.“ Foucaults Pendel soll eine wichtige Funktion im Großen Plan übernehmen: 1851 hatte der französische Physiker Jean Bernard Leon Foucault (1819-1868) in einem Demonstrationsversuch die Achsendrehung der Erde nachgewiesen. Eine, freischwingende Eisenkugel, so lautete sein Befund, schwingt immer in derselben Ebene, während sich die Erde darunter dreht, so daß zwischen beiden eine relative Bewegung besteht. Mit Hilfe des Foucaultschen Pendels, dessen Nachbildung heute im Pariser Technologie-Conservatoire des Arts et Metiers zu sehen ist, soll nun der, „Umbilicus Mundi“, der Nabel der Welt, der mystische Pol und Ursprung aller tellurischen Kräfte bestimmt werden. Wem es gelingt, ihn zu lokalisieren, dem gehört die Weltherrschaft.

Doch aus der Fiktion wird Realität, aus dem Spiel unversehens Ernst, als Belbo, Casaubon und Diotallevi immer mehr ihrem eigenen Wahn erliegen, überall Beziehungen zu sehen und/oder zu knüpfen. Nur Casaubons Freundin Lia, die vernünftigste Figur des Romans, widersteht den Gefahren der Simulation: Sie entlarvt – nur leider zu spät – den kryptischen Zettel der Templer als einfache Wäscheliste. Wie einem Narren muß sie Casaubon zeigen, daß der Nabel der Welt ganz woanders zu suchen ist, zum Beispiel in der Sexualität und in der Verantwortung für das gemeinsame Kind.

Besonders gefährdet ist Belbo, die am differenziertesten dargestellte Figur. Belbo, ein Piemontese, hat starke Sehnsucht nach schöpferischer Kreativität und zugleich Angst vor dem Schreiben: „Memoirenliteratur, das wußte auch er, ist die letzte Zuflucht der Canaillen.“ Über autobiographische Banalitäten schreibt man keinen Roman, und da Belbo nicht das Genie zur großen Fiktion hat, schwört er, die Welt niemals mit einem eigenen Buch zu behelligen. Sein Enthusiasmus für den Großen Plan entspringt genau dieser Misere: Hier kann er seine Schreibenergie investieren und zusammen mit Casaubon und Diotallevi „ein schönes Stück Trivialliteratur“ zusammenbosseln. Casaubon findet heraus, daß Belbo auch die Privatgeschichte seiner verpaßten Gelegenheiten – in verschlüsselter Form – in den Großen Plan hineingeschrieben hat, er entdeckt Belbos Aufzeichnungen in versteckten Dateien des ,Abulafia“-Computers. Sie sind Teil der komplexen Erzählstruktur des „Foucaultschen Pendels“ und sind auch optisch-visuell hervorgehoben.

Die drei Spieler haben nicht mit den Gläubigen gerechnet, die den Großen Plan für bare Münze nehmen und sein Geheimnis von Belbo erpressen wollen. Da dieses Geheimnis aber „leer“ ist, muß Belbo das Spiel mit dem Leben bezahlen: In der Nacht vom 23. auf den 24. Juni 1984 wird er von Mitgliedern einer Geheimsekte im Conservatoire des Arts et Metiers am Foucaultschen Pendel aufgeknüpft. Sein Tod ist das auslösende Ereignis für Casaubons Erzählakt. Casaubon hat Belbos Ermordung mitansehen müssen, und er erzählt – laut Fiktion am Abend des 25. und in der Nacht zum 26. Juni 1984 – den gesamten Roman, also die Geschichte und die Vorgeschichte der schrecklichen Tat. Am gleichen Tag wie Belbo stirbt Diotallevi an Magenkrebs: Der geistige Krebs der unkontrollierten Interpretation hat hier seine physische Entsprechung gefunden. In Belbos Landhaus wartet schließlich auch Casaubon auf den Tod. Er rechnet fest mit der Wahnvorstellung der Geheimbündler, nun von ihm die Freigabe des Geheimnisses erzwingen zu können. In Ecos Roman wird vorgeführt, wie das irrationale Denken funktioniert, das keineswegs bloß ein Phänomen des finsteren Mittelalters gewesen ist. „Das Foucaultsche Pendel“ spielt in der Gegenwart, in der Irrationalismus und Esoterik ungeahnten Auftrieb bekommen haben, ganze Verlage können davon existieren.

Einzigartig ist nun, daß Eco seine Wahngebilde nicht aus der Phantasie, nicht aus der Einbildungskraft, sondern aus dem Wissen genommen hat. Wir lesen das Resultat souverän arrangierter Gelehrsamkeit. Man kann es schon an den Formalia ablesen: „Das Foucaultsche Pendel“ ist in zehn Bücher unterteilt, die nach den zehn mystischen Attributen Gottes, den „Sefirot“, benannt sind. Jedem der 120 Kapitel ist ein Zitat vorangestellt, das einem der von Eco „eingebauten“ Referenztexte entnommen ist, zum Beispiel den Schriften des spanischen Kabbalisten Abraham Abulafia, der „Chymischen Hochzeit Christiani Rosencreutz“ (Straßburg 1616) von Johann Valentin Andreae, Johannes Reuchlins „De arte cabbalistica“ (Hagenau 1517), oder dem „Sefer Jezirah“, also dem „Buch der Schöpfung“, dem ältesten kabbalistischen Literaturdenkmal, vermutlich aus dem 2. Jahrhundert nach Christus. Die Kabbala ist hier von einiger Relevanz. Außerdem wird sehr viel auf die schöne Literatur angespielt: Casaubon wird als „Sam Spade des Verlagswesens“ tituliert, ein Hinweis auf Dashiell Hammetts „Malteser Falken“ (1930). Insgesamt sollen etwa 1500 Titel Pate gestanden haben, darunter Gustav Meyrinks phantastischer Roman „Der Golem“ (1915), „Finnegans Wake“ (1939) von James Joyce, Dantes „Divina Commedia“, natürlich auch Edgar Allan Poes „Die Grube und das Pendel“ (1843). Eco hat sein Buch mit Hilfe von Referenztexten konstruiert, der Roman ist durch seine elementare Beziehung zu anderen Büchern charakterisiert und arbeitet mit dem Wissen, das diese Bücher tradieren. Und das allerbeste daran ist, daß dieser Wissensüberhang für den Leser niemals zur Belastung wird. Eco unterhält auf spannende und mitunter auch komische Weise, etwa wenn er den Irrationalismus anhand des Verlagshauses Manuzio illustriert, wo die Autoren für ihre Bücher selber zahlen müssen.

Wie steht es nun mit dem bereits früher geäußerten Verdacht (vgl. SZ vom 5.10.1988), Eco habe mit dem „Foucaultschen Pendel“ auch auf Michel Foucault, den französischen Diskurstheoretiker und Strukturalisten (1926-1984) anspielen wollen? Bemerkenswert ist jedenfalls, daß der Tag des Erzählakts, also der 25. Juni 1984, der Tag, an dem Casaubon den Roman erzählt, mit Michel Foucaults Todestag zusammenfällt. Aber Eco hat auch vorgeführt, wie gefährlich ein solcher Beziehungswahn sein kann: „Maurice Joly hatte nichts mit Crétineau-Joly zu tun, aber die Analogie war immerhin bemerkenswert, irgendwas würde sie schon bedeuten.“ Und dennoch: Irgend etwas wird diese seltsame Koinzidenz schon bedeuten, es gilt, diese Spur weiterzuverfolgen und zu fragen, ob im Roman nicht auch dem Denken Michel Foucaults, wenn auch vielleicht in ganz abstrakter Form, Referenz erwiesen werde. Belbo, Casaubon und Diotallevi illustrieren einen Vorgang, den Michel Foucault in seinen Schriften theoretisch dargestellt hat. Sie versuchen, sich eines – in diesem Falle esoterischen – Diskurses zu bemächtigen. Der Diskurs, über den sie bislang gesprochen haben, etwa in ihrer Funktion als Lektoren oder in wissenschaftlicher Rede (Casaubon hat über den Templer-Prozeß promoviert), dieser Diskurs ist jetzt ihr eigener geworden. Ein weiterer Gedanke Michel Foucaults ist hier wesentlich, nämlich, daß sich die modernen Okkultisten an die Wissenschaft, an den dominanten Diskurs unserer Kultur anlehnen müssen, wenn sie einige Aussicht haben wollen, geglaubt zu werden. Deshalb auch bedienen sie sich für ihre nichtwissenschaftlichen Zwecke eines naturwissenschaftlichen Instrumentariums: des Foucaultschen Pendels. Und sie tun das offenbar mit solcher Überzeugungskraft, daß sie sich am Ende selber glauben. Ein weiterer Aspekt kommt hinzu, nämlich Michel Foucaults Erkenntnis, daß kein Autor sein Werk gegen „falsche Leser“ schützen kann. Ecos Roman wird von der Esoterikwelle sicherlich vereinnahmt werden, denn er hat etwas, was diese nicht hat: Phantasie und Originalität. Die Mystiker der Moderne werden sich, wie Ecos Roman intern schon vorführt, genau das herauslösen, was ihnen in ihre synkretistischen Wahnwelten hineinpaßt.

Freilich können dergleichen Parallelen die Relevanz auch Michel Foucaults für Umberto Ecos neuen Roman nicht „beweisen“. Vorerst ist es bloß unsere Vermutung, stärker, unsere Überzeugung, die noch der Belege bedarf. Vielleicht kann sie aber eine Anregung und einmal mehr eine Ahnung davon geben, wie facettenreich Ecos Roman angelegt ist, wie viele Lesarten er womöglich zuläßt.

Mit dem „Foucaultschen Pendel“ hat der Autor die Erwartungen erfüllt, die sein Erstling, „Der Name der Rose“ geweckt hat, ja, er hat sie übertroffen.

© LUTZ HAGESTEDT


erschienen in: Süddeutsche Zeitung Nr. 277 vom 2./3. Dezember 1989.

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