Der Droste jüngerer Bruder - Landschaftsnotizen und Gedichte von Ralf Thenior
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Rezension von Lutz Hagestedt
Der Droste jüngerer Bruder
Landschaftsnotizen und Gedichte von Ralf Thenior
Ralf Thenior: Westerwinkler Hundegras. Landschaftsnotizen. Pendragon Verlag, Bielefeld 1989. 40 Seiten.
Ralf Thenior, Alfred Wank: Vier Lamenti für Mezzosopran und Klavier, Baß und Klavier. Robert Wohlleben Verlag, Ottensen 1989. Unpaginiert.
1980 zog der Schriftsteller und Lyriker Ralf Thenior (geboren 1945 in Bad Kudowa/Schlesien) aus einer zubetonierten Stadtlandschaft ins Münsterland, in die Vorburg von Schloß Westerwinkel. Der Ortswechsel brachte ihm doppelten Gewinn: Ralf Thenior bestellte die Garteninsel der frühbarocken Wasserburg, er säte und erntete und stieß beim Umgraben einiger Beete auf ein Attribut der Schriftsteller, ein altes Tintenfaß.
So jedenfalls will es die Legende seiner Landschaftsnotizen und Gedichte, seiner Prosa „mit eingestreuten Blumen“, die entfernt an Novalis erinnert/erinnern und ihm den Umweltpreis Literatur des Landes Nordrhein-Westfalen eingetragen haben. Aber mehr noch als an Novalis lassen die Lebensumstände auf Schloß Westerwinkel an die Droste denken, die im benachbarten Schloß Hülshoff bei Münster geboren und aufgewachsen ist. Vielleicht haben die äußeren Lebensumstände auch Anteil an der charakteristischen Nähe der beiden Autoren. „Die alten westfälischen Wasserburgen mit ihren Zugbrücken mochten vielleicht Schutz gegen Diebe und Gespenster“ bieten, so die Droste in ihrem Romanfragment „Bei uns zu Lande auf dem Lande“ (1841/42), aber zu keiner Zeit schützen sie vor den ungebetenen Gästen der Einbildung, vor schweren Träumen und gelegentlich „Anflüge(n) gotischer Düsternis“, im Gegenteil: Die gleichen Baulichkeiten, die zum festen Inventar der schwarzen Romantik zählten, haben die irrationalen Ausgeburten der Phantasie womöglich gefördert und sich in Droste-Hülshoffs Balladen und epischen Landschaftsbildern niedergeschlagen.
Doch Ralf Thenior wäre kein Autor des 20. Jahrhunderts, wenn er die Droste als Leitbild überhöhen und ihr epigonal nacheifern würde. Nein, bei ihm werden die Bilder des schaurig-schönen Schreckens zitathaft und äußerst sparsam eingesetzt, quasi im Ton einer neuen Sachlichkeit, so daß keine Schauerliteratur mehr entstehen und die Mitte zwischen dem „tremendum“ und dem „fascinosum“ gehalten werden kann. Einen schönen Vergleich bringt er selbst, indem er von der „Addams Family“ spricht, einer Vorabendserie des britischen Fernsehens, wo das Prinzip „Frankenstein“ seine Wendung ins Komisch-Groteske erfährt: „Geistermusik / die Katze / auf dem Klavier.“
Ralf Thenior verwendet gern Bilder der Pop- und Fernsehkultur, Literaturzitate, Dialekte und Slang-Ausdrücke, die seiner Blütenlese ihren zeitgemäßen Ton geben: „das Rauschen der Blätter, wenn man durch die Reihen geht oder läuft, Verfolgungsjagden aus dem Kino, Schrotschüsse, lange Fluchten, die Wellenspur im Maisfeld“.
Aus diesen Landschaftsbildern weht uns keine muffige Altherrenprosa an, sondern eine lustvolle, moderne „Schreibe“, deren gründelnde Neugier – stimmungsvoll heiter mit einem Lot Melancholie – Flora und Fauna und den Zyklus der Jahreszeiten neu in den Blick nimmt: Der „Herbst liegt wie eine glänzende Kastanie vor der Tür“.
Beinahe könnte ein Gefühl ungetrübter Freude in ländlicher Idylle aufkommen, doch – leider – ist unsere Zeit nicht darnach: „Seit die Horden der Sammler nicht mehr durch das Unterholz brechen und alles abstechen, was eßbar aussieht, findet man wieder Pilze im Wald. Fast könnte man sich freuen ...“ Das lakonische „fast“ zwingt uns natürlich, Tschernobyl mitzudenken und wohl auch den inzwischen irreparablen Blei- und Säuregehalt des Bodens, der das „Fleisch des Waldes“ ungenießbar macht.
Natur stirbt, alles stirbt – mit diesem Sujet kann man inzwischen hausieren gehen, und doch bleibt das Bedürfnis, es zu bearbeiten. Vielleicht gelingt das am besten im Konzert der Künste, wenn Musik und Literatur zusammenstehen. Das Gemeinschaftsprojekt von Ralf Thenior und dem 1957 geborenen Komponisten Alfred Wank ist zunächst einmal als Versuch zu werten, wobei die Texte hier nicht so überzeugen wie die Musik - wenn man das überhaupt miteinander vergleichen kann und soll. Weder der Sprechakt eines Toten noch der pointierte Vergleich zwischen zwei „Megaleichen“, noch das Lied auf ein vergessenes Grab haben mich überzeugt. Man müßte diese Texte wohl hören, zusammen mit den tonalen, stark „barocken“ Kompositionen von Alfred Wank, die entfernt an Heinrich Schütz erinnern.
erschienen in: SZ am Wochenende. Montag, 28. Mai 1990.
