Das rätselhafte, globale "Selbstvernichtungsprogramm" - Gert Heidenreich: Belial oder Die Stille
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Rezension von Lutz Hagestedt
Das rätselhafte, globale „Selbstvernichtungsprogramm“
Gert Heidenreich: Belial oder Die Stille. Roman. Piper Verlag, München und Zürich 1990. 380 Seiten.
Gert Heidenreich, geboren 1944 in Eberswalde und wohnhaft in Inning am Ammersee, gehört zu den wenigen Schriftstellern in Bayern, die mit ihrer Literatur vor allem ein politisches Sendungsbewußtsein zum Ausruck bringen. In seinem soeben erschienenen neuen Roman „Belial“ thematisiert er das selbstzerstörerische Wirken des Menschen in der Welt. „Belial“ erzählt die Geschichte zweier Freunde. Der eine sehnt sich nach Untergang, der andere nach Erlösung. Der eine, genannt August, wird ein Kirchenmann, er hat das „richtige Bewußtsein“, ist ein Gegner der Atomkraft und ein Anhänger ökologischer Konzepte, hat ein Herz für alle Entrechteten und Unterdrückten und bekämpft die Industriekonzerne und die Großbanken. Er hat nur ein Problem, daß alle seine Ideale, Ideen und Vorsätze keine Mehrheit finden, daß hinter allem Guten das Böse steckt und ihn in seine Fänge ziehen will. Der andere, genannt Sylvester, ist ein rastloser Karrieretyp, rasch aufgestiegen in einem Konzern mit internationalen Verflechtungen, aber doch eigentlich ziel- und willenlos, entwurzelt und selbstmordgefährdet, ohne Perspektive für ein sinnvoll gelebtes Leben.
Als Agent im Bereich Lebensversicherung hat Sylvester eine kollektive Todessehnsucht festgestellt. Er führt Todesfälle aufgrund von Krankheiten, Unfällen und Katastrophen auf eine „sorgfältig betriebene Selbstzerstörung“ zurück. Er glaubt, daß Thanatos, der Todestrieb, die Menschen dazu bringe, sich selbst und ihre Lebensgrundlagen zu zerstören. Von August, dem Theologen, seinem Jugendfreund, erhofft er sich eine Erklärung des rätselhaften „Vernichtungsprogramms“. Als dezidiert politischer Autor hat Gert Heidenreich hier ein Phänomen aufgegriffen und erzählerisch umgesetzt, das seit geraumer Zeit schon zu registrieren ist. Vor zehn Jahren bereits hatte Jürg Federspiel in seinem Essayband „Die beste Stadt für Blinde“ (1980) einen Katastrophenforscher und „Todeswissenschaftler“ vorgestellt. Heidenreich dagegen geht es nicht allein um Katastrophen, sondern auch um den vorausgesagten langsamen Wärmetod des Universums sowie um die tägliche Gleichgültigkeit und die lautlosen Umweltvergehen, die die Menschheit zunehmend belasten und gefährden, wobei ein tiefgreifender Wandel zum Besseren derzeit nicht in Sicht zu sein scheint. Wir spüren den „uralte(n) Drang in uns, nichts auf Erden so zu lassen, wie wir es vorfanden. (...) Wir jagen Tiere, bis sie fast ausgestorben sind, züchten sie dann zurück, um ein göttliches Schöpfergefühl zu haben (...). Eine große Unruhe treibt uns, die Ordnung der Natur (...) zu vernichten und an ihre Stelle unsere eigene Ordnung zu setzen“. Belial – eine der alttestamentarischen Personifikationen des Satans – ist allgegenwärtig.
Gert Heidenreich bemüht in seinem Buch den Prometheus-Mythos, um die Selbstermächtigung des Menschen gegenüber der Schöpfung, seine Autonomie-Erklärung, die keine Verantwortung mehr kennen und keine Autorität mehr anerkennen will, in ein Bild zu fassen. Das Prometheus-Bild führt dann schließlich in eine verworrene Theologie, die Prometheus mit dem Satan identifiziert, zugleich aber die satanische Gottheit zum „Paradox der Liebe“ umdeutet; Satan-Prometheus habe aus Liebe gehandelt, als er den Menschen das Feuer brachte: „Aber es tötet uns. Hätte er es uns aus Liebe vorenthalten, wären wir an der Kälte zugrunde gegangen.“ Über den leichtfertigen Umgang der Menschen mit dem Feuer ist Satan-Prometheus schwermütig geworden, die Menschen aber, so lautet der Heilsplan, könnten Satan erlösen, wenn sie ihm „in Demut“ ihr Leben und das Feuer zurückerstatteten.
Diese unverdauliche Theorie, dem todesverfallenen Sylvester in den Mund gelegt, wirkt sehr weit hergeholt und findet bei August, dem Ich-Erzähler, der mit dem hehrsten aller Motive auftritt, nämlich die Menschheit zu retten, zunächst keinen Anklang. Es braucht eben Zeit, bis die Saat des Bösen aufgehen kann. August September muß das erfahren, als er bereits in die Nietzsche-Stadt Turin in die Fänge des Anti-Christen geraten ist.
Eine extreme Stilisierung ist auf der Ebene der Erzählersituation zu beobachten: Der ganze Text wird – laut Fiktion – aus der Erinnerung erzählt und von dem oben erwähnten Theologen August September in die Wände eines aufgelassenen Wüstenforts geritzt, wobei sich dieses „Fort Belial“ in der Sahara, im „Garten des Satans“, befindet. Der Leser merkt schon, daß er Heidenreichs Buch nicht als „realistischen“ Roman lesen darf. Als Theologe symbolisiert August September natürlich den Prediger in der Wüste und, da er seine Erzählung an den inzwischen verstorbenen Jugendfreund Sylvester März richtet, den ins Leere redenden Mahner und Erzähler. Auffällig sind auch die Namen der beiden Hauptfiguren, August September und Sylvester März. Der Monat August ist per kulturellem Wissen negativ bewertet, denn am ersten August wurde Luzifer aus dem Himmel gestürzt und der Erste Weltkrieg vom Zaun gebrochen; ebenfalls durch den Beginn eines Weltkrieges belastet ist bekanntlich der September. Der Name von Sylvester März bestimmt ihn dazu, „zwischen den Welten zu pendeln“, er wird als toter Lebender beziehungsweise lebendiger Toter dargestellt und von einer fast unbezwingbaren Todessehnsucht beherrscht. In seinem Namen sind Anfang und Ende, Alpha und Omega vereinigt, denn mit dem Silvestertag lassen wir das Jahr ausklingen, und der altrömische Kalender ließ das neue Jahr mit dem Monat März beginnen. Mit dieser Namengebung soll uns offenbar gesagt werden, daß August September und Sylvester März nur an der Oberfläche in zwei Figuren zerfallen, im Grunde aber als zwei Anteile einer Gesamt-Figur zu interpretieren sind.
Viele Figuren in Heidenreichs Roman bilden ihre Funktion mit ihrem Namen ab, der Industrielle Oliviado Abelli (ein Anagramm von Diavolo Belial), der das Böse offensiv vertritt, ebenso wie Hopu Noire (die „schwarze Weißhaut“), der als Hoffnungsträger die „Kongruenz“ von Weiß und Schwarz verkörpern soll, sozusagen als ein Lichtblick im Dunkel.
Alles in diesem Buch ist schwer mit Bedeutung beladen und wird mit theatralischer Gebärde erzählt; August September beginnt seine Geschichte vollkommen voraussetzungslos, die notwendigen Zusammenhänge nach und nach herstellend. Hinter dieser Anstrengung glaubt man auf jeder Seite Gert Heidenreichs Ringen um den großen Zeitroman und die fatale Last seiner Konstruktion spüren zu können. Es gibt in „Belial“ nicht die relativierende ironische Distanz des Erzählers, nicht die Leichtigkeit im Umgang mit dem komplexen Thema und – leider – auch nicht die stilistische Brillanz, die etwa einen Umberto Eco auszeichnet, dessen „Foucaultsches Pendel“ viele Gemeinsamkeiten mit Heidenreichs „Belial“ aufzuweisen hat, was die Ebene der erzählten Geschichte betrifft.
Ein sehr deutsches, sehr humorloses, aber gut gemeintes, Respekt gebietendes Buch, das hinter seinen literarischen Bezugsgrößen (Beckfords „ Vathek“, Lautréamonts „Maldoror“, Manns „Doktor Faustus“ etc.) zurückbleibt.
erschienen in: Bayerland. Nr. 4, 1990. S. 38-39.
