Das kleine Gesetz - Augusto Frassineti: Der Geist der Gesetze

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Rezension von Lutz Hagestedt

Das kleine Gesetz

Satiren von Augusto Frassineti

AUGUSTO FRASSINETI: Der Geist der Gesetze. Satiren. Aus dem Italienischen von Moshe Kahn. Verlag Klaus G. Renner, München 1990. 86 Seiten.

Die Satire hat Augusto Frassinetis (1911-1985) gesamtes literarisches Schaffen beherrscht. In sarkastisch zugespitzter Form hat er insbesondere Beamtentum und Bürokratie aufs Korn genommen. In der vorliegenden Sammlung von Satiren auf den Wasserkopf der Bürokratie und die intriganten Machenschaften der Beamten wird ein geschickt eingefädeltes Gesetz thematisiert.

Das kleine Gesetz, die berühmte Leggina, ist das Lebenswerk eines kleinen Unterstaatssekretärssekretärs; das Gesetz sichert allen Unterstaatssekretärssekretären „mit sofortiger und rückwirkender Gültigkeit“ die Übernahme in ein festes Beamtenverhältnis auf leitender Ebene für den Fall zu, „daß ihre Tätigkeit durch eine plötzlich eintretende Regierungskrise oder durch Kriegsereignisse sowohl konventioneller wie atomarer Art ein jähes Ende“ findet.

Ist dies ein geniales oder ein blödes Gesetz? Denn Regierungskrisen kommen in Italien, wie man weiß, alle naselang vor, so daß die Leggina gleichbedeutend wäre mit der sofortigen (und rückwirkenden) Übernahme ins Beamtenverhältnis.

Aber womöglich sind die Beamten von derlei Regierungskrisen nicht in der fraglichen Art betroffen? Die Regierungen wechseln, aber die Beamten machen ungerührt weiter? Die andere Klausel, der Atomschlag, vernichtet womöglich alles Leben, so daß der Gesetzgeber mit seiner Ratifizierung der Leggina gar kein Risiko eingeht – sie kommt gar nicht erst zur Ausführung.

Frassinetis Texte, im schönsten Beamtenjargon geschrieben, sind raffiniert doppelbödig angelegt. Dennoch teilen sie das Schicksal aller Satire mit ihrer – Robert Gernhardt zufolge – drög-didaktischen Art: Sie bleiben ewig folgenlos und werden von der Wirklichkeit in den Schatten gestellt, wie man neuerdings anhand der Wucherungen der Bürokratie in den Beitrittsländern sehen kann.


© LUTZ HAGESTEDT


erschienen in: Süddeutsche Zeitung Nr. 276 vom 1./2. Dezember 1990.
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