Das chimärische Lächeln der Dinge. Ralf Thenior: Radio Hagenbeck/Die Nachtbotaniker
aus Netzwerk-Literaturkritik, der freien Wissensdatenbank
Rezension von Lutz Hagestedt
Das chimärische Lächeln der Dinge
In dieser Wendezeit, in der sich die Ganz Großen der deutschsprachigen Literatur wieder in den stilistisch ersten Kreisen bewegen, einen „vornehmen Ton“ anschlagen und sich „eindringlich“ auf „das Gewicht der Welt“ besinnen, bewegt sich Ralf Thenior durch alle Sprachschichten hindurch. Unter dem Titel „Radio Hagenbeck“ hat er 1984 „Sieben schmutzige Geschichten in schmutziger Sprache“ (Originalton Thenior) veröffentlicht und 1986 einen Band mit acht weiteren schmutzigen Geschichten nachgereicht. Was aber ist das Schmutzige daran?
Alex, ein „junger Mann“, reist nach monatelanger Abwesenheit in seine Hamburger Wohnung, um seinen Untermieter, einen rechtsradikalen Taxifahrer, zu „schröpfen“. Daheim hat sich nichts verändert, nichts ist geschehen, nur die Katze des Untermieters, ein stinkendes, hässliches, fettes Vieh mit immerfeuchtem Arschloch irritiert ihn und quält seine Phantasie. Sie wird „mit blutiger Leber“ gefüttert, „Blut und Schmierflecken ziehen sich um ihren Napf auf dem Bambusteppich. Die Katze betrachtet Alex, da sie es nicht besser wissen kann, als Eindringling; die unheilvollen Vorzeichen mehren sich, es kommt zur blutigen Schlacht.
Atypische Wahrnehmungseffekte, wie sie unter dem Einfluß von Halluzinogenen und Phantastica zustandekommen können, prägen Theniors Erzählen. Das grauenhafte Erlebnis mit der Katze scheint auf psychischen Vorgängen, auf einer übersteigerten Erlebnisfähigkeit zu beruhen. Wahrscheinlicher ist jedoch, daß hier ein bekannter Comic, Skip Morrows „Katzenhasserbuch“, Pate gestanden hat. Bei Theniors Kurzprosa, die hohe Bildqualität erreichen kann, fällt die Nähe zur grellen Farbigkeit der Comics, der Pop-Art und der Beatlyrik auf, bildhafte Realitätspartikel schieben sich in den „Denkbereich“ seiner Figuren: „Der U-Bahnrausch. Worte, Gesichter, Inschriften.“ In seinen Geschichten passiert nicht viel, das auch ein objektives Korrelat hätte („Ereignisarmut“ ist ein Stichwort, das im ersten Prosastück fällt). Seine Figuren erleben alles „im Kopf“; während sie sich durch den Tag treiben lassen, kann ein alter Song wie Carl Sandburgs „In the winter, in the wintertime“ als Assoziationsbrücke ausreichen, um sie aus der heißen Mittsommer-Erzählgegenwart in eine entlegene Winterlandschaft zu versetzen. Sie haben die Möglichkeit, angesichts einer bedrängenden ‚Realität‘ in die Phantasie zu flüchten, oder umgekehrt, aus der bedrohlichen Rauscherfahrung in die ‚Realität‘ zurückzuweichen. Das Changieren zwischen einem quasi nicht-fiktionalen, realistischen Zustand und einem quasi fiktionalen, phantastischen Zustand ist oft hart und übergangslos und erinnert an die Panelstruktur der Bilderfortsetzungsgeschichten. Es sind jedoch auch andere Einflüsse denkbar: Unter den insgesamt 15 Geschichten liest sich eine so, als habe Thenior in und mit ihr eine Beschreibung seiner Erzählkunst geben wollen. Sie spielt im Titel auf den holländischen Tier-und Landschaftsmaler Melchior de Hondecoeter (1636-1695) an, dessen Spezialität Darstellungen von Hühnern, Wasser-und Zugvögeln war, der für seine Mäzene vor allem dekorative Ausstellungsstücke malte und der von der flämischen Schule um Roelant Savery beeinflußt war, die – von einem genrehaften Realismus ausgehend – traumhaft-phantastische Landschaften mit bizarr-exotischen Tieren malte. Diese Mischung aus Realistik und Phantastik, die traumhafte Atmosphäre der Bilder, ist für Theniors Kurzprosa konstitutiv. „Abendstimmung in Melchior de Hondecoeter“ erzählt von einem Maler, der den Rausch malen wollte, „das chimärische Lächeln der Dinge in höchster Vollendung“. Doch weil „er mit der Lohnmalerei auf den Hund gekommen“ war, malte er stattdessen – gegen einen Räucherschinken und vielleicht auch mal gegen Bares – die Bauern oder den Dorfkrug des dänischen Kaffs, in dem er sein Leben fristete. Aber noch nie hatte er ein Bild ohne einen „Hundeköter“ gemalt, und „er hatte noch Hunde im Kopf, die kein Mensch je gesehen hatte“, wahre Chimären, „Wesen aus Lauf, Staub und Gehechel, die ihn nachts ansprangen und um den Schlaf brachten, daß er eine Schleuder mit in den Schlaf nehmen mußte...“
Dieser Maler, dessen Realistik durch das Irreale, Phantastische, Traumhafte gefährdet ist, der sich an den „Dünsten der Lösungsmittel“ berauscht, ist Ralf Theniors alter ego. Nur daß man von Thenior nicht sagen kann, daß er auf den Hund gekommen sei: Im Gegenteil, er darf seine Phantasien malen, den Realismus aus sich heraustreten lassen, das personale, gleichsam authentische Erzählen zugunsten einer wunderlichen Phantastik aufgeben. Die Bilder, die Thenior entwirft, sind schön, können jedoch blitzschnell umschlagen in eine bedrohliche und düstere „Silhouette des Verderbens“. Seine Figuren gleichen sich darin, dass sie sich „von ihren eigenen Bildern fangen lassen“.
In der Geschichte „Katzenfrauen“ hat Doris Holt, Bibliothekarin mit medialen Fähigkeiten, eine neue Stellung angetreten. Bei ihrer neuen Vorgesetzten, Frau Heit(height-)mann, trifft sie auf die „Großmeisterin“ einer verfeindeten Geheimgesellschaft. Es kommt zum blutigen Machtkampf, bei dem die Frauen eine partielle Metamorphose durchmachen und sich die Krallen ins Fleisch graben, das Gesicht zu tierhaften Fratzen verzerrt. Auch hier wird der krude Boden der Realistik zugunsten einer – witzig-ironisch und selbstironisch gebrochenen – Phantastik aufgegeben.
Theniors Sprache entwickelt bisweilen eine ganz eigene Komik, wenn sie zum Beispiel wie in der Titelerzählung des zweiten Bands, „Die Nachtbotaniker“, in den geelen Klang des Plattdeutschen getaucht wird. Die Nachtbotaniker sind – wenn man sich unter einem „Botaniker“ einen Pflanzenkenner vorstellen darf – vielleicht Spezialisten für die Nachtschatten der Gewächse; wahrscheinlich wissen sie um die Wirkung von Alkaloiden und Halluzinogenen und können den Gewächsen ihre narkotischen Substanzen entlocken. So oder ähnlich müßten die (rauscherfahrenen) Nachtbotaniker, die sich an einem heißen Sommertag zum Volksmondfest treffen, wohl definiert werden. Ein seltsames, bewußt außerrationales, kultisches Fluidum liegt über ihrem Bacchanal, „3-D-Pils“ wird herumgereicht, das „meckernde Lachen der Faune“ zischt durch die Luft, Behaglichkeit, Farbigkeit, unbeschwerte Heiterkeit breiten sich aus. Doch die Rauscherfahrung ist ambivalent, und so hat einer von ihnen einen bösen Traum erwischt und ist in genau jenen „entsetzlichen Wirklichkeitstunnel“ hineingeraten, dem er gerade zu entfliehen suchte: „Es war als wenn eine chemische Verbindung in seinem Gehirn verrückt spielte und ihm in unregelmäßigen Abständen für dreißig Sekunden Bilder auf den inneren Schirm warf, flackernd.“
Theniors Erzählungen erwecken den Eindruck, als ob die Moduln der Großhirnrinde (des „inneren Schirms“) neu organisiert, neu geordnet wären, als ob der selbstbewußte Geist oftmals nur seltsam bizarre und phantastische Bilder ertasten könnte.
Ralf Thenior: Radio Hagenbeck. Verlag Kellner, Hamburg 1984, 80S. (= Taschen-Texte 19). Die Nachtbotaniker. Verlag Kellner, Hamburg 1986, 80 S. (= Taschen-Texte 22).
erschienen in: Spuren – Zeitschrift für Kunst und Gesellschaft. Hamburg, März/April 1987. H.18. S. 73.
