Das alltägliche Desaster - Michael Krügers Novelle über den verhinderten Roman ("Das Ende des Romans")
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Rezension von Lutz Hagestedt
Das alltägliche Desaster
Michael Krügers Novelle über den verhinderten Roman
Michael Krüger: Das Ende des Romans. Novelle. Salzburg, Wien, Residenz Verlag, 1990. 127 Seiten.
Das elegante, leichtfüßige Erzählen ist in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur nicht gerade häufig vertreten. Manche Autoren, die auf den großen epischen Atem der Weltliteratur setzen, verwechseln Tiefgang mit Schwerfälligkeit. Die Kritik schreibt dann ergriffen, hier sei der große Wurf gelungen: die „Böhmischen Buddenbrooks“ oder die „Courage des Hornberger Schießens“. Geniale Grantler wie Thomas Bernhard oder furiose Fabulierer wie Ingomar von Kieseritzky bleiben auf weiter Flur allein.
Im Zentrum des hier anzuzeigenden Buches steht ein Schriftsteller, der neun Jahre lang an einem großen Roman geschrieben hat, der weitere neun lange Jahre Material für ebendies Opus magnum sammelte und immer noch sammelt, der mit diesem einzigen, endgültigen Werk hofft, den Tod besiegen zu können. Ein letzter Satz noch, der die plötzliche Entleibung des Helden einleiten und vollziehen soll, und das Romanprojekt im Range des „Zauberberg“ ist abgeschlossen. Doch nicht eine Seite werden wir von diesem ehrgeizigen Unterfangen lesen können. Der Ich-Erzähler nämlich, zugleich der Autor des Achthundert-Seiten-Romans, der mit seinem Helden alle wesentlichen Eigenschaften und auch Erlebnisse zu teilen scheint, scheitert am letzten Satz und zerstört innerhalb dreier Tage Kapitel um Kapitel, Seite um Seite seines Lebenswerkes und geht des Restes verlustig. Der Schluß des „monströsen Werkes“ bleibt ungeschrieben, am Ende steht vielmehr die Auflösung und – laut Fiktion – der Beginn einer Novelle über das Ende des Romans, des Romans schlechthin, wie der Erzähler beteuert. Das Wenige freilich, was über das nicht zustande gekommene, im letzten Augenblick vereitelte und uns erspart gebliebene dicke Machwerk in Erfahrung zu bringen ist, wäre auch kaum nach unserem Geschmack gewesen.
Ein gelehrter Schinken hätte uns erwartet, ein Entwicklungs- und Bildungsroman der sechziger, siebziger und achtziger Jahre, geradezu überfrachtet mit Gelehrsamkeit und Wissen, das in zahlreichen Exkursen und Miszellen ausgewalzt worden wäre, die den Naphta-Settembrinischen an Ausdauer und Zähigkeit nicht nachgestanden wären. Der Held, ein boshafter und die Welt mit seinen Ansichten traktierender Besserwisser, hätte seine erkenntnistheoretischen, ethischen und überhaupt weltanschaulichen Gemeinplätze schamlos vor uns ausgebreitet und bloß die allzu kopflastigen und theoriebeladenen Kapitel mit ein wenig Psychologie und viel Sex auf Vordermann gebracht. Seitenfüllende Auslassungen, mäandrierende Traktate, ausufernde Streitgespräche wären uns als die einzig verbliebene Ausdrucksform unserer Zeit verkauft worden. Am Schluß wäre der unerwartete Suizid des Helden erfolgt und hätte uns in die Sinnlosigkeit des Daseins gestürzt.
Mit der Novelle hingegen, die wir statt dessen lesen dürfen, haben wir einen guten Fang gemacht. Voller Witz führt sie uns das Scheitern des Erzählers an sich selbst bzw. am Chaos seines Helden vor Augen. Der Erzähler zerbricht nämlich an seinem hochfahrenden Plan, die „romanhafte Geschichte der Einbildungskraft am Beispiel eines heroischen Sonderlings“ darzustellen. Zum einen fehlt es ihm an produktiver Einbildungskraft, zum anderen ist er selber ein blasser, teigiger Antiheld, dem nichts so fremd sein dürfte wie das Heroische. Aus dieser Diskrepanz von Realität und Fiktion heraus schöpft Michael Krügers Novelle einen Großteil ihrer erfrischenden Komik. Da es dem Erzähler an Phantasie mangelt, nimmt er das Material für seinen Roman aus dem Leben, aus der Anschauung; er hat geradezu eine Manie des Notierens und Mitschreibens entwickelt. Das Gasthaus Zum Schweinebraten dient ihm als Nachrichtenbörse: „Aus dieser trüben Lache fischte ich zum größten Teil meine Kenntnisse über die Gegenwart, den herrschenden Zeitgeist, nur hier erfuhr ich etwas über neue Wortschöpfungen, politische Intrigen, kulturelle Skandale, über den europäischen Binnenmarkt und den dramatischen Anstieg der Politikverdrossenheit.“
Hier lernt er auch Frauen kennen, die kaltblütig von ihm Gebrauch machen, ihn in die Unterlage zwingen und wiederholt vergewaltigen. Der lächerliche Vertreter des „schwächlichen Geschlechts“ (Flaubert) kann sich heroischer Gegenwehr nicht rühmen, statt dessen versucht er krampfhaft, während sein Gemächt in fremden Händen ist, an andere Dinge zu denken, „um wenigstens innerlich rein zu bleiben“. Er rekapituliert verschiedene Handlungsverläufe seines Romans, erwägt Neufassungen einzelner Kapitel, versucht sich von der „niederträchtigen Realität“ zu lösen; während der äußere Handlungsverlauf seinem eintönigen Rhythmus folgt, zieht vor seinem inneren Auge ein bunter Bilderstrom vorüber.
Michael Krügers Novelle ist einem Steingarten vergleichbar, wo überall die schönsten Findlinge und Geschichten herumliegen. Die Geschichten erwecken wie die Findlinge den Eindruck, daß sie unbearbeitet seien. Er wirft uns gleichsam einen Brocken zu oder ein Sujet und ruft: „Da, erzähl weiter, schmück es aus!“ Er selbst aber beschränkt sich auf das Wesentliche, auf das Freilegen dieser Brocken und Sujets und ihrer Skizzierung, die immer elegant und prägnant, unterhaltsam und kurzweilig, witzig und originell ausfällt. Während in der Handlungsgegenwart dieser Novelle fast nichts geschieht – der Erzähler sitzt die halbe Zeit vor seiner Sommerhütte oder auf der Wiese und notiert sich ein paar Einfälle oder vernichtet Teile seines Romans, beobachtet den Sonnenuntergang oder den Aufzug eines Gewitters – werden aus der Retrospektive, quasi aus dem Off, ständig Geschichten und Mikrogeschichten reproduziert.
Dies ist nach „Was tun?“ (1984), „Warum Peking?“ (1986) und „Wieso ich?“ (1987; alle drei im Verlag Klaus Wagenbach) die vierte tragikomische Geschichte, die den romantischen Helden, den Schlemihl und Taugenichts der Postmoderne, ins alltägliche Desaster laufen läßt. Alle Texte sind von „unbewußter Destruktionslust“ getragen und verbreiten in ihren Binnengeschichten einen heiteren Skeptizismus, sie schildern die Welt als Maskenball, erzählen vom Ende des Erzählens, von der Ziel- und Zwecklosigkeit der wissenschaftlichen Rede, von verschwundenen Manuskripten und ungeschriebenen Testamenten. Sie alle gehören irgendwie zusammen und ergeben in ihrer Gesamtheit vielleicht doch noch das große Werk, wenn die schier unerschöpflichen Kunststoffkladden mit den Notizen und Ideen des Erzählers nicht verlorengehen.
erschienen in: Süddeutsche Zeitung Nr. 172 vom 28./29. Juli 1990.
