Das Vernichtungsprogramm - Gert Heidenreich: Belial oder Die Stille

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Rezension von Lutz Hagestedt


Das Vernichtungsprogramm

Gert Heidenreichs Ringen um den großen Roman

GERT HEIDENREICH: Belial oder Die Stille. Roman. Piper Verlag, München und . Zürich 1990.380 Seiten.

„Belial“ – das ist zum einen die Geschichte zweier Freunde. Der eine sehnt sich nach Untergang, der andere nach Erlösung. Der eine, genannt August, wird ein Kirchenmann, er hat das „richtige Bewußtsein“, ist ein Gegner der Atomkraft und ein Anhänger ökologischer Konzepte, hat ein Herz für alle Entrechteten und Unterdrückten und bekämpft die Industriekonzerne und die Großbanken. Er hat nur ein Problem: daß alle seine Ideale, Ideen und Vorsätze keine Mehrheit finden, daß hinter allem Guten das Böse steckt und ihn in seine Fänge ziehen will. Der andere, genannt Sylvester, ist ein rastloser Karrieretyp, rasch aufgestiegen in einem Konzern mit internationalen Verflechtungen, aber doch eigentlich ziel- und willenlos, entwurzelt und suizidgefährdet, ohne Perspektive für ein sinnvoll gelebtes Leben.

„Belial“ – das ist zum anderen eine Theorie über das zerstörerische und selbstzerstörerische Wirken des Menschen in der Welt. Als Agent im Bereich Lebensversicherungen hat Sylvester eine kollektive Todessehnsucht festgestellt. Er führt Todesfälle aller Art, solche aufgrund von Krankheiten, Unfällen und Katastrophen et cetera, auf eine „sorgfältig betriebene Selbstzerstörung“ zurück. Er glaubt, daß Thanatos, der Todestrieb, die Menschen dazu bringe, sich selbst und ihre Lebengrundlagen zu zerstören. Von August, dem Theologen, seinem Jugendfreund, erhofft er sich eine Erklärung des rätselhaften „Vernichtungsprogramms“.

Als durch und durch politischer Autor hat Gert Heidenreich hier ein Phänomen aufgegriffen und erzählerisch umgesetzt, das seit geraumer Zeit schon zu registrieren ist. Vor zehn Jahren bereits hatte Jürg Federspiel in seinem Essayband „Die beste Stadt für Blinde“ einen Katastrophenforscher und „Todeswissenschaftler“ vorgestellt, doch nicht allein um Katastrophen geht es Heidenreich, sondern auch um den vorausgesagten langsamen Wärmetod des Universums (der Begriff der Entropie hat sich – in seiner metaphorischen Verwendung – bereits in allen Gesellschaftswissenschaften etabliert), sowie um das tägliche Laissez faire und die lautlosen Umweltvergehen, die die Menschheit zunehmend belasten und gefährden, wobei ein tiefgreifender Wandel zum Besseren derzeit nicht in Sicht zu sein scheint. Wir spüren den „uralte[n] Drang in uns, nichts auf Erden so zu lassen, wie wir es vorfanden. [...] Wir jagen Tiere, bis sie fast ausgestorben sind, züchten sie dann zurück, um ein göttliches Schöpfergefühl zu haben [...]. Eine große Unruhe treibt uns, die Ordnung der Natur [...] zu vernichten und an ihre Stelle unsere eigene Ordnung zu setzen.“ „Wir amüsieren uns zu Tode“ und verspüren „Ein bißchen Lust am Untergang“ – schon hat sich die Differenz zwischen dem aktuellen Bewußtseinsstand und der gelebten Praxis auf Buchdeckeln zynisch niedergeschlagen.

Gert Heidenreich bemüht in seinem Buch den Prometheus-Mythos, um die Selbstermächtigung des Menschen gegenüber der Schöpfung, seine Autonomie-Erklärung, die keine Verantwortung mehr kennen und keine Autorität mehr anerkennen will, in ein Bild zu fassen. Das Prometheus-Bild führt dann schließlich in eine abstruse Theologie, die Prometheus mit dem Satan identifiziert, zugleich aber die satanische Gottheit zum „Paradox der Liebe“ umdeutet; Satan-Prometheus habe aus Liebe gehandelt, als er den Menschen das Feuer brachte: „Aber es tötet uns. Hätte er es uns aus Liebe vorenthalten, wären wir an der Kälte zugrunde gegangen.“ Über den leichtfertigen Umgang der Menschen mit dem Feuer ist Satan-Prometheus schwermütig geworden, die Menschen aber, so lautet der Heilsplan, könnten Satan erlösen, wenn sie ihm „in Demut“ ihr Leben und das Feuer zurückerstatteten.

Diese krude Theorie, dem todesverfallenen Sylvester in den Mund gelegt, wirkt sehr weit hergeholt und findet bei August, dem Ich-Erzähler, der mit dem hehrsten aller Motive auftritt, nämlich die Menschheit zu retten, zunächst keinen Anklang. Es braucht eben Zeit, bis die Saat des Bösen aufgehen kann. August September muß das erfahren, als er bereits in der Nietzsche-Stadt Turin in die Fänge des, Anti-Christ geraten ist.

Eine extreme Stilisierung ist auf der Ebene der Sprechsituation zu beobachten: Der ganze Text wird – laut Fiktion – aus der Erinnerung erzählt und von dem oben erwähnten Theologen August September in die Wände eines aufgelassenen Wüstenforts geritzt, wobei sich dieses „Fort Belial“ in der Sahara, im „Garten des Satans“, befindet. Als Theologe symbolisiert August September natürlich den Prediger in der Wüste, und, da er seinen Sprechakt an den inzwischen verstorbenen Jugendfreund Sylvester März richtet, den ins Leere redenden Mahner und Erzähler.

Auffällig sind auch die Namen der beiden Hauptfiguren, August September und Sylvester März. Der Monat August ist per kulturellem Wissen negativ determiniert, denn am ersten August wurden Luzifer aus dem Himmel gestürzt und der Erste Weltkrieg vom Zaun gebrochen; ebenfalls durch den Beginn eines Weltkrieges belastet ist bekanntlich der September. Der Name von Sylvester März bestimmt ihn dazu, „zwischen den Welten zu pendeln“, er wird als toter Lebender beziehungsweise lebendiger Toter dargestellt und von einer fast unbezwingbaren Todessehnsucht beherrscht. In seinem Namen sind Anfang und Ende, Alpha und Omega vereinigt, denn mit dem Silvestertag lassen wir das Jahr ausklingen, und der altrömische Kalender ließ das neue Jahr mit dem Monat März beginnen. Viele Figuren in Heidenreichs Roman bilden ihre Funktion also schon mit ihrem Namen ab, der Industrielle Oliviado Abelli (ein Anagramm von Diavolo Belial), der das Böse offensiv vertritt, ebenso wie Hopu Noire (die „schwarze Weißhaut“), der als Hoffnungsträger die „Kongruenz“ von Weiß und Schwarz verkörpern soll, sozusagen als ein Lichtblick im Dunkel.

Alles in diesem Buch ist mehrfach determiniert, schwer mit Bedeutung beladen und wird mit theatralischer Gebärde erzählt; August September beginnt seine Geschichte vollkommen kataphorisch, voraussetzungslos spricht er sie gegen dieWände des Wüstenforts, die notwendigen Zusammenhänge nach und nach herstellend. Hinter dieser Anstrengung glaubt man auf jeder Seite Gert Heidenreichs Ringen um den großen Zeitroman und die fatale Last seiner Konstruktion spüren zu können. Es gibt in „Belial“ nicht die relativierende ironische Distanz des Erzählers, nicht die Leichtigkeit im Umgang mit dem komplexen Thema und – leider – auch nicht die erzählerische Verve, stilistische Brillanz, die etwa einen Umberto Eco auszeichnet, dessen „Foucaultsches Pendel“ viele Gemeinsamkeiten mit Heidenreichs „Belial“ aufzuweisen hat, jedenfalls was die Ebene der erzählten Geschichte betrifft. Ein gut gemeintes, Respekt gebietendes Buch, aber doch wohl hinter seinen literarischen Bezugsgrößen (Beckfords „Vathek“, Lautréamonts „Maldoror“, Thomas Manns „Doktor Faustus“ et cetera) zurückbleibend.


© LUTZ HAGESTEDT


erschienen in: Süddeutsche Zeitung Nr. 95 vom 25.4.1990, Seite 14.

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