Das Potential Mengele - Hans Wollschläger: Tiere sehen dich an oder Das Potential Mengele
aus Netzwerk-Literaturkritik, der freien Wissensdatenbank
Rezension von Lutz Hagestedt
Das Potential Mengele
Hans Wollschlägers Polemik gegen Tierversuche
HANS WOLLSCHLÄGER: „Tiere sehen dich an“ oder Das Potential Mengele. Haff-mans Verlag, Zürich 1989. 183 Seiten.
Die engagierte Tierschützerin Sina Waiden („Endzeit für Tiere“. Rowohlt 1984) hat schon vor Jahren geklagt, daß ihre Kampagnen überall in der Bevölkerung Resonanz fänden, nur nicht bei den Intellektuellen. Auf genau diese Zielgruppe hat der Bamberger Schriftsteller Hans Wollschläger seinen Essay zugeschnitten. Eine stilistisch aufwendige Polemik gegen Tierversuche ist entstanden, ein Traktat über die enthemmte Medizin, deren wissenschaftliche Forschung einem archaischen Opferkult zu vergleichen sei. Wollschlägers Buch versucht, die psychopathologischen Deformationen derer herauszuarbeiten, die Tierversuche befürworten, ermöglichen und durchführen.
Im Zentrum seines Buchs, im vierten Kapitel, zeichnet er auf dreißig Seiten und mit Hilfe der Psychoanalyse ein Bild von der menschlichen Ontogenese und arbeitet den kollektiven Zwangscharakter der Deutschen als Basis ihrer sadistischen Psychosen heraus. Ein allgemeiner Sadismus, von primitiven Grundantrieben wie Habgier, Gewinnsucht, „Fraß-Süchtigkeit“ gesteuert, eine vom Gesetzgeber zugelassene und geduldete „Megakriminalität“ bringe sich hier zum Ausdruck.
„Sadist“ – ein unzutreffendes Wort für den Professor White aus Cleveland/Ohio, der seit zwanzig Jahren Tierköpfe verpflanzt und „nun endlich auch Menschenköpfe auswechseln möchte“? „Megakriminalität“ – ein falsches Wort für diejenigen, die „Waffenwirkungen“ zunächst an Tieren erproben, um sie im „Kriegsfall“ gegen die Menschen zu wenden? Eines hat Hans Wollschläger sicherlich ganz richtig erkannt: – daß man dem Untier der Gattung Mensch genau aufs karnivore Maul schauen muß, wenn man seine eigentlichen Intentionen und sein Verhältnis zum Mitgeschöpf Tier kennenlernen will. Wer von „fleischproduzierenden Tieren“ spricht, vom „Versuchsmaterial“ oder vom „hochwertigen Pelzträger“, der verursacht nicht nur der deutschen Sprache irreversible Schäden. Eine höllische Maschinerie wird sichtbar, wenn die Wörter „aus der Tarnung des Zusammenhangs ans Licht gezogen“ werden.
Der größte „Tierverbraucher“ der Bundesrepublik ist das Deutsche Krebsforschungszentrum (sein „Bedarf“ liegt bei mehr als 150000 Tieren pro Jahr), gefolgt vom Bundesgesundheitsamt, das seine Forschungen aus Bundesmitteln finanziert und mehr als 80000 Tiere im Jahr „verbraucht“. Der Bund schließlich hat auch das schon im Grundsatz verfehlte Tierschutzgesetz vom August 1986 zu verantworten. Dort heißt es, an exponierter Stelle: „Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“ Wer aber entscheidet über den „vernünftigen Grund“? Der Gesetzgeber, der nur wissenschaftlich unerläßliche Tierversuche zulassen will, hat sich schon in der Präambel ein Hintertürchen offengelassen und – Hans Wollschläger zufolge – ein „Ermächtigungsgesetz“ geschaffen, das dem Mißbrauch keine Schranken setzen kann. Da der Gesetzgeber keine eigene Kompetenz hat, über den „vernünftigen Grund“ zu entscheiden, „muß er sich zwangsläufig bei den Standesvertretern der wissenschaftlichen Erkenntnisse sachkundig machen, die wiederum oft den Vertretern der Pharmaindustrie zum Verwechseln ähnlich sehen, und so dreht sich alles im bekannten Kreis: Der Täter programmiert die Tat, die Tat programmiert den Gesetzgeber, der Gesetzgeber programmiert den Täter; alle haben die Genugtuung, übereinander entschieden zu haben – und keiner gegen den andern.“
Hans Wollschläger hat diesen Genehmigungs-Automatismus als „Höllenvorgang“ bezeichnet. Fast scheint es so, als würde er sich seine Themen auf ihre Polemisierbarkeit hin aussuchen, als hätte er immer auch sein sprachliches Potential im Auge, wenn er sieh öffentlich echauffiert. Sein Buch wäre jedoch unzureichend, wenn es sich in bloßen „Wörterlösungen“ erschöpfte. Deshalb auch hat er sich wohl angeboten, bei der Neufassung des Tierschutzgesetzes sprachliche Schützenhilfe zu leisten, bis der Tierschutz hieb- und stichfest formuliert ist und keine Maus mehr einen Faden abbeißt.
Häufig wird argumentiert, Tierversuche seien ein „zweischneidiges Schwert“, also etwas, das zwar Vorteile habe, aber auch zum Nachteil gereichen könne. Wollschläger bemüht sich zu zeigen, daß die Nachteile überwiegen und man sich bezüglich der erhofften, Vorteile schon allzu oft geschnitten habe. Tiere seien „keine biologischen Modelle für den Menschen“, die Übertragbarkeit von Tierversuchen müsse negiert werden: „Schafe verkraften Arsen, Kaninchen Tollkirsche und Fliegenpilz, Hunde Opium, und das Meerschweinchen von nebenan verträgt eine Dosis Strychnin, mit der im Leibe die ganze Bundesärztekammer tot von ihren Stühlen fallen würde.“ Aus den mißlungenen Übertragungsversuchen auf den Menschen ließe sich ein ganzes Buch der Desaster zusammenstellen: Man denke an die „Contergan“-Katastrophe Ende der fünfziger/Anfang der sechziger Jahre, die Mißbildungen sind Legion (geschätzte Zahl der betroffenen Kinder im In- und Ausland: 5000 bis 7000), oder an das bereits in Tierversuchen kanzerogene „Pyramidon“, dessen „Nebenwirkungen“ plötzlich den Haupteffekt ausmachten.
In vielen Aspekten knüpft Hans Wollschläger an seine früheren Arbeiten an. Denn was ist die berüchtigte „Vivisektion“ denn schon viel anderes als die mittelalterliche Folter im erzkatholischen Bamberg, seiner Heimatstadt? Thematisch ist er sich treu geblieben, sprachlich ist er noch komplexer geworden: Über das Gemeinsame von Wissenschaftssprache, Verwaltungssprache, der „Golem“-Sprache der Wirtschaft und des „Industriegebrülls“ gelingt es ihm, Zusammenhänge auf allen Ebenen herzustellen. Die Wissenschaft, so Wollschläger, sei längst zu einem Partialtrieb der Wirtschaft verkommen, die das „eigentliche Erbe Hitlers angetreten“ habe. Sein Wort vom „Potential Mengele“ soll schmerzhaft in allen Ohren klingen, aber was bedeutet das schon angesichts der Megaschmerzen, die Millionen und Abermillionen gequälter Mitgeschöpfe erleiden müssen. Man muß Wollschlägers Buch als das lesen und verstehen, was es ist: ein scharfer Wörterkrieg, eine Streitschrift, die den Streit im Namen derer sucht, die sich ihrer Quälgeister nicht erwehren können. Das Buch ist damit auch ein Akt ausgleichender Ungerechtigkeit, und deshalb steht es dem Rezensenten auch nicht zu, die Aussagen, die hier getroffen werden, zu relativieren.
erschienen in: Süddeutsche Zeitung Nr. 70 vom 24./25 . 3.1990
