Dada Paris. Pierre Gallissaires (Hrsg.): Dada Paris. Manifeste, Aktionen, Turbulenzen

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Rezension von Lutz Hagestedt


Dada Paris


Pierre Gallissaires (Hrsg): Dada Paris. Manifeste, Aktionen, Turbulenzen. Aus dem Französischen von Pierre Gallissaires und Hanna Mittelstadt (Kleine Bücherei für Hand und Kopf). Edition Nautilus/Edition Moderne, Hamburg und Zürich 1989. 64 Seiten.

Im April 1922 stand den Pariser Dadaisten eine fürchterliche Vision vor Augen, die erst grausame Wirklichkeit wurde, als es „Dada“ bereits nicht mehr gab. In ihrer Zeitschrift Le Cœur Barbe („Das bärtige Herz“) veröffentlichten sie ein Editorial, in dem es unter anderem hieß: „Wir wissen nicht, warum wir ein regelmäßiges Erscheinen unserer Zeitschrift nicht garantieren können, aber die Besatzungsarmeen, die mit großem Aufwand auf dem Buckel unserer Tätigkeit unterhalten werden, die Spitzel und die Apoplektiker, die Gerissenen und die Magier, die Aufspießer und die Schwärmgeister, die Verlobten und die falschen Freunde, werden niemals das Gold aus unserem Munde reißen können.“ 1940 hatten deutsche „Besatzungsarmeen“ nicht nur Polen, die Tschechoslowakei und die Benelux-Länder besetzt, sondern auch den größten Teil Frankreichs. Das Herausreißen von Zahngold ging mit den schlimmsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit einher.

Die vorliegende kleine Auswahl von Aktionen, Aphorismen und Manifesten der Sektion „Dada Paris“ macht freilich deutlich, daß die hier geäußerten Schreckensvisionen mehr als Reflex auf den Widerstand zu lesen sind, der den Dadaisten in den zwanziger Jahren entgegengebracht wurde. Der Futurist und Faschist Filippo Tommaso Marinetti erklärte damals öffentlich, daß er den Dadaisten gern „ungeniert die Fresse polieren“ würde.

Pierre Gallissaires’ Auswahlband enthält zahlreiche Photos und Abbildungen und eine Chronologie, die – gerade wo es um die Auflösung der Dada-Bewegung geht – allzu lakonisch ausgefallen ist. Man erfährt zwar von einer Pariser Kongreß-Affäre und einem Communique, in dem der rumänische Oberdada Tristan Tzara persönlich angegriffen worden war, man erfährt zwar von Francis Picabias Pamphlet gegen Tzara und von André Bretons Versuch, Dada zu Grabe zu tragen („Après Dada“), aber von den Ursachen, den Auslösern und den Zusammenhängen dieser dada-internen Querelen und Führungskämpfe erfährt man praktisch nichts. Auch über die genaue Datierung und Zuordnung der einzelnen Beiträge wird man häufig im unklaren gelassen. Mehr Hintergrundinformationen wären zum besseren Verständnis der Dokumente unbedingt hilfreich gewesen.

© LUTZ HAGESTEDT

Erschienen in: Süddeutsche Zeitung Nr. 101 vom 3./4. Mai 1989 (Literaturbeilage Seite VI)

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