Da capo. Schwitters Ursonate im Kunstverein
aus Netzwerk-Literaturkritik, der freien Wissensdatenbank
Rezension von Lutz Hagestedt
Da capo
Schwitters Ursonate im Kunstverein
Es ist ein seltenes Vergnügen, einer öffentlichen Aufführung von Kurt Schwitters „Ursonate“ beiwohnen zu dürfen. Denn Ernst Schwitters, der Sohn und Erbe des „Merzkünstlers“, hatte eine öffentliche Aufführung der Ursonate lange Jahre verboten. Erst als ein paar junge Münchner die Sonate zum 100. Geburtstag von Kurt Schwitters einstudieren wollten und eine seriöse Aufführung garantiert zu sein schien, hob er sein Verdikt auf. Die Lautdichtung, auch „Urlautsonate“ genannt, entstand in den Jahren 1922 bis 1932 und wurde immer wieder überarbeitet. Das Sprech- und Gesangstück basiert, wie sein Name schon sagt, im wesentlichen auf Naturlauten, lautmalenden Wortneuschöpfungen, stimmlich erzeugten Geräuschen, in der graphisch-visuellen Realisation der Partitur auch auf Bildgedichten, Sehtexten etc. „Die Dauer der ganzen Sonate“, die dem Ausführenden alle Kräfte abverlangt, „ist zirka 35 Minuten“ (Schwitters). Der Sprechkünstler Arnulf Appel bestand diese Kraftprobe mit Bravour. Mit Freuden nahm er jedes neue Thema auf, zeigte konzentriert die strukturellen und thematischen Zusammenhänge auf, ohne jedoch in ein „semantisierendes Sprechen“ zu verfallen. Klangtexte und Sprechmusiken wirken ja nicht zuletzt deshalb so interessant, „weil man den Sinn nicht versteht“ (Schwitters). Einige Schwankungen in den Tempi hielt die Sonate – darin der absoluten Musik verwandt – sehr gut aus. Das Presto trug Arnulf Appel forsch und rhythmisch vor, in der Kadenz, die dem Vortragenden nach Belieben freigestellt ist, folgte Appel dem Vorschlag von Kurt Schwitters, von einigen Variationen abgesehen (zum Beispiel ein verlockendes „müünchen müünchen“, aus der Durchführung des ersten Themas abgeleitet). So wurde der Hannoveraner Kurt Schwitters auch in München heimisch. Ideal ist der Veranstaltungsort, die klassisch geschnittenen Ausstellungsräume des Kunstvereins, was einer Würdigung des bedeutenden Künstlers gleichkommt. In diesen Raum hinein brüllte Wolfgang Bauer die berühmte Liebeserklärung Schwitters „An Anna Blume“, eine leidenschaftliche, zärtlich-brutale, macho-potente Interpretation. Warum bloß hat ihm keiner gesagt, daß Anna Blume seit 1967 mit dem Aktionskünstler Timm Ulrichs verheiratet ist? Durch Andreas Ammer, Elke Link und Ulrich Schall am Sprachrohr (das in den Sprechpausen spendend beziehungsweise empfangend vor des Körpers Mitte gehalten wurde), durch Hans-Peter Kistner an der Posaune und die Saaldiener (Oscar Brueh, Ed von Schled) wurden das „Simultangedicht Kaa Gee Dee“ und die „Kümmernisspiele“ szenisch und klanglich realisiert. Wegen des großen Publikumserfolges wird die Vorstellung heute um 21 Uhr im Kunstverein wiederholt.
erschienen in: Süddeutsche Zeitung, Nr. 164 vom 21. Juli 1987. (Münchner Kulturberichte)
