DER RUF und seine Anfänge in den USA

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Die Geschichte des RUF, so berichtet Jérôme Vaillant in seiner Studie über die Zeitschrift DER RUF, habe mit dem Eintreffen der „ersten deutschen Kriegsgefangenen Anfang 1943 in den Vereinigten Staaten“ (Vaillant 1978, 3.) begonnen – oder vielmehr mit der Überlegung, „die Gefangenschaft dieser deutschen Soldaten dazu zu nutzen sie in den Prinzipien der Demokratie zu unterrichten“. (Ebd.) Dieser Gedanke war den Verantwortlichen des amerikanischen Kriegsministeriums relativ früh gekommen. Schon „Ende März 1943“ seien Gespräche geführt worden, in deren Zentrum ein solcher Plan gestanden habe, denn die Zahl der inhaftierten Deutschen war in binnen kürzester Zeit rapide gestiegen und sollte auch weiterhin steigen: Während im Januar 1943 ‚erst‘ 990 Kriegsgefangene gezählt wurden, waren es „im Juni [...] bereits 35.000 und im Dezember fast 125.000“. (Ebd.)

Den Gesprächen folgte im April 1943 zunächst eine Denkschrift – verfasst von John McCloy (Assistant Secretary of War) –, in der von einem „Umerziehungsprogramm für deutsche Kriegsgefangene“ (ebd.) die Rede war. Ein Programm, so ging aus der Schrift hervor, das


es sich zum Ziel setzen müsse, diesen [den inhaftierten Deutschen – S. B.] die Geschichte der Vereinigten Staaten und die Zusammenhänge der Demokratie beizubringen und ihnen zu zeigen, daß das Volk der Vereinigten Staaten aus der Vermischung mehrerer Völker hervorgegangen sei. (Ebd.)


Derartige ‚Schulungsmaßnahmen‘ waren nun aber keineswegs als Gesten der Sympathie gegenüber den Gefangenen zu begreifen, um etwa „ihr persönliches Wohlergehen zu vergrößern oder gar [...] Zustimmung bei den anständigen Bürgern zu finden“. (Ebd.) Man ging vielmehr davon aus, dass „die in den Vereinigten Staaten gefangengehaltenen Soldaten eines Tages die deutschen Angelegenheiten mitbestimmen würden“, weshalb es einfach ratsam erschien, „sie so schnell wie möglich zu Verbündeten zu machen, die von den Vorzügen der amerikanischen Demokratie überzeugt“ (ebd.) sein würden. Allein die amerikanische Regierung konnte sich nicht sofort dazu entschließen, den „Weg für die Verwirklichung d[ies]es Umerziehungsprogramms freizugeben“. (Ebd. 5.) Erst ein Jahr nach den ersten Gesprächen und Überlegungen schien man angesichts der unhaltbaren Zustände in den deutschen Kriegsgefangenenlagern eine Entscheidung für notwendig zu halten. Inzwischen gaben nämlich „in vielen Lagern die Nationalsozialisten den Ton an“ (ebd. 4), nachdem die Amerikaner „[i]m Namen der Genfer Konvention [...] ein System der Nichteinmischung und der Selbstverwaltung eingerichtet [hatten], das den Nazis freie Hand ließ“. (Ebd. 5.) Die Ranghöchsten unter ihnen, die nicht an Hitlers Niederlage glaubten, „wollten ihre Soldaten physisch und moralisch für die noch zu bestehenden Kämpfe für das Vaterland intakt halten“. (Ebd.) Zu diesem Zweck war nun „in den Lagern die Disziplin der Wehrmacht“ aufrechterhalten worden, was zur Folge hatte, dass die Nazis, „[u]nterstützt von einer geheimen Lagergestapo und Femegerichten, [...] jegliche Opposition in einer Atmosphäre des Terrors [erstickten]“. (Ebd.) Als schließlich „von Morden die Rede war“, reagierte die „amerikanische Öffentlichkeit“ heftig und „verlangte das Einschreiten der Behörden, um die Ordnung wiederherzustellen“. (Ebd.) Unter dem „Druck der öffentlichen Meinung und der Presse“ – man sah einzig im „Umerziehungsprogramm“ eine „Antwort auf dieses Problem“ (ebd.) – kam es nun endlich zur Aufnahme des Programms. Was seine Verwirklichung anbelangt, war bereits im August 1944 beschlossen worden, ein spezielles Lager mit sorgfältig ausgewählten Kriegsgefangenen einzurichten, die an der „Umerziehung“ mitwirken sollten. Für dieses Lager – eingerichtet „am 31. Oktober 1944 in einem ehemaligen zivilen Internierungslager für 150 Personen in Van Etten (New York)“ und am „1. März 1945 nach Fort Philip Kearney (Rhode Island) [...] verlegt“ (ebd.) – war ein detailliertes Konzept ausgearbeitete worden. Dazu gehörte unter anderem die Aufgabe, „eine Zeitschrift mit dem Namen ‚DER RUF‘ herauszugeben, die in allen Gefangenenlagern verteilt werden sollte“. (Ebd. 6.) Hierfür war es erforderlich, Inhaftierte zu finden, die zum einen das Vertrauen der Amerikaner hatten und zum anderen aber auch „die gewünschten intellektuellen Voraussetzungen mitbrachten“. (Ebd.) Diese ersten ‚amerikanischen Unternehmungen‘ zur Gründung des RUF sowie „die Tätigkeit von Fort Van Etten“ seien nun, wie Vaillant erläutert, von der Redaktionsmannschaft des RUF rückblickend anders wahrgenommen und demnach auch „aus deutlich anderer Sicht dar[gestellt]“ (ebd. 7) worden. So war im RUF Nr. 16 vom 1. November 1945 nicht von „Umerziehung“ die Rede, „sondern nur von ‚Erziehung‘“. (Ebd.) Folglich habe bei den Lesern des RUF eben der Eindruck entstehen müssen, dass „dieses Programm vor allem aus der Eigeninitiative der deutschen Kriegsgefangenen entstanden war, während die amerikanischen Offiziere sozusagen nur technische Hilfestellung geleistet“ hätten. (Ebd. 7.) Dieser Auffassung entsprechend, schilderte der RUF die Geschichte seiner Gründung wie folgt:


Die Redaktion bildete sich aus aktiven demokratischen Kriegsgefangenen verschiedener geistiger und politischer Prägung, die sich bereits seit längerem mit dem Plan einer gemeinsamen Kriegsgefangenenzeitung beschäftigt hatten. Im Laufe des Dezembers 1944 endlich wurden sie von der PW-Special Projects Division des Provost Marshal General in einem kleinen Camp bei Van Etten im Norden des Staates New York zusammengezogen. (DER RUF. Nr. 26, 1946. Zitiert nach Vaillant 1978, 7.)


Nun ist es laut Vaillant zwar schwierig „im nachhinein zu sagen, welche Initiativen von den Amerikanern und welche von den Deutschen ausgingen“ (ebd. 8), der Rückgriff auf verschiedene Quellen erlaube jedoch, das Zustandekommen des RUF letztendlich wie folgt zu rekonstruieren:


Nachdem die Amerikaner im September 1944 den Plan gefaßt hatten, den RUF zu gründen, bildeten sie im Dezember desselben Jahres in Van Etten aus Gefangenen eine Gruppe, die die „Arbeitsgemeinschaft DER RUF“ ausmachen sollte und anfangs nur eine Art Vorbereitungskommission darstellte. (Ebd.)


Zu dieser Gruppe gehörten unter anderen Ernst Birkhäuser (Hotelier), Dr. Wilhelm Dörr (Pathologe), Hans Joachim von Görtzke (Heraldiker), Dr. Bernd Huber und Curt Vinz (Verlagsbuchhändler). Die ‚Kommission‘ hatte in dieser Formation allerdings nicht lange Bestand, denn die Mitwirkenden waren zu verschieden: Zum einen umfasste die Gruppe „fast alle politischen Richtungen, vom konservativen Katholizismus bis hin zum Kommunismus“ (ebd.); zum anderen wird wohl auch die berufliche Orientierung – unabhängig vom Intellekt der jeweiligen Personen – eine Rolle gespielt haben. Dies dürfte laut Vaillant zumindest als Erklärung dafür dienen, dass Birkhäuser beispielsweise sehr schnell durch Gustav René Hocke (Journalist, Schriftsteller) ersetzt wurde. (Vgl. hierzu: Ebd. 12.) Bevor aber derartige Umgestaltungen innerhalb der Redaktionsmannschaft unternommen worden sind, habe die neu zusammengestellte Gruppe von Gefangenen in den ersten Wochen nach der Ankunft in Van Etten im Dezember 1944 zunächst den Entwurf der Zeitschrift vorbereitet und „zusammen mit den amerikanischen Offizieren allgemeine Leitlinien für die Publikation“ (Ebd. 8) festgelegt. Zu diesem Zweck sei laut Curt Vinz von den Amerikanern nur vorgeschlagen worden, dass „die verschiedenen Gruppen untereinander diskutieren und sich auf eine Kompromißlösung einigen sollten; sie [die Amerikaner – S. B.] hätten jedoch nicht direkt in die Diskussion eingegriffen“. (Ebd.) Am Ende hatten sich diejenigen durchsetzen können, die dem RUF „eine möglichst große Resonanz unter den Gefangenen verschaffen [wollten], was implizierte, daß er keine zu starke politische Färbung haben durfte“. (Ebd.) Eine vom RUF nachträglich formulierte Definition der anfänglichen Ziele zeigt, dass sich die „deutschen Redakteure“ bei der Bestimmung des Programms und der Aufgaben dann „genau die Ziele des amerikanischen Umerziehungsprogramms zu eigen gemacht“ hatten, „ohne [...] gezwungen worden“ (ebd. 9) zu sein:


Sein eigentliches Ziel war die Wiedererweckung echten demokratischen Denkens in den deutschen Krieggefangenen, um Kräfte für den Wiederaufbau einer dauerhaften deutschen Demokratie nach der Niederlage des Nationalsozialismus zu sammeln. Die demokratischen Grundsätze und konstitutionellen Einrichtungen Amerikas boten, vor allem in ihrer historischen Entwicklung, Möglichkeiten des Vergleichs und anregende staatstheoretische Ideen. (DER RUF. Nr. 26,1946. Zitiert nach Vaillant 1978, 9.)


Zur Verwirklichung dieses Ziels sei den deutschen Redakteuren „die größtmögliche Freiheit“ gelassen worden, wie sich die Redaktion des RUF laut Vaillant erinnern will; von Anfang an hätten wohl die mit der Kontrolle des RUF beauftragten amerikanischen Offiziere – Capt. W. Schönstedt (Journalist und Romanautor) und Capt. R. Pestalozzi – Wert darauf gelegt, dass die Redaktionsmitglieder ihre publizistischen Ideen selbstständig entwickelten. Eine Zensur, so schlussfolgert Vaillant, hätte dann lediglich insofern bestanden, als Schönstedt und Pestalozzi „den beim Schreiben einzuhaltende Rahmen absteckten, um Konflikte mit der amerikanischen Öffentlichkeit und den Völkern, die mit Deutschland Krieg führten, zu vermeiden‘“. (Vgl. hierzu: Ebd. 10.) Tatsächlich aber war der RUF „als Ergebnis einer amerikanischen Initiative sehr viel strengeren Kontrollen unterworfen“. (Ebd.) Das Image einer autonomen, von „freiwilliger Selbstzensur“ (ebd.) bestimmten Redaktion, das „die Mehrzahl der früheren Redakteure“ (ebd. 11) des RUF später glauben machen wollte und zu pflegen suchte, zeigt sich nicht bestätigt. Curt Vinz, zunächst Geschäftsführer und dann bis Dezember 1945 Herausgeber des RUF, erinnerte sich laut Vaillant, dass es oft notwendig gewesen sei, „lange und hart [...] zu verhandeln, um bestimmte Artikel erscheinen zu lassen und andere abzulehnen. [...] Schließlich durfte keine Nummer ohne die Genehmigung der amerikanischen Dienststellen erscheinen.“ (Ebd.) (Der Münchener RUF)


Quellen:

Vaillant, Jérôme: Der Ruf. Unabhängige Blätter der jungen Generation (1945–1949). Eine Zeitschrift zwischen Illusion und Anpassung. München; New York; London; Paris: Saur 1978.

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Der Ruf

Seminar - "Die Gruppe 47 und ihre InGroups der Autoren, Verleger und Kritiker" - Prof. Lutz Hagestedt


(Zusammengestellt von Claudia Fritze. Diese Auswahl ist von Studierenden im Rahmen eines Seminars zur GRUPPE 47 getroffen worden. Überarbeitet von Susanne Bauer.)

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